"Ausnahmslos gute Nachrichten" hatte Jutta Driesch, Chefin der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg, am Dienstag zu vermelden. Der Arbeitsmarkt in der Bodenseeregion sei stabil und robust, die Zahl der Arbeitslosen 2018 ging erneut deutlich zurück (siehe Beisteller).

Das könnte Sie auch interessieren

Das Gebot der Stunde sei – auch für 2019 – die Qualifizierung, um den hohen Bedarf an Fachkräften in der Region zu decken. Zweiter Aspekt: Mit dieser großen Nachfrage nach Arbeitskräften in einigen Branchen könnten auch Langzeitarbeitslose wieder in Lohn und Brot gebracht werden. Hier hat der Bundestag gleich zwei Gesetze verabschiedet, die seit dem 1. Januar gelten und nach Meinung der begeisterten Agenturchefin einen "Paradigmenwechsel" in der Arbeitsmarktpolitik darstellen.

Agenturchefin: "Das Geld ist da"

Wurden im Jahr 2018 nach Angaben von Jutta Driesch insgesamt 24 Millionen Euro über die Arbeitsagentur in die Qualifizierung und Weiterbildung von Arbeitslosen und Beschäftigten in der Region investiert, so dürfte diese Summe nun enorm ansteigen. "Das Geld ist da", so die Agenturchefin. Dank boomender Wirtschaft seien die Töpfe der Agentur voll. Mit den beiden neuen Gesetzen gebe es die riesige Chance, selbst schwierige Fälle wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen – ohne finanzielles Risiko für Arbeitgeber.

Das sind die neuen Gesetze

Das Teilhabe-Chancengesetz: "Da ist der Name Programm", freut sich Jutta Driesch über das neue Förderinstrument. Über 25-Jährige, die zwei Jahre und länger arbeitslos gemeldet sind und einen sozialversicherungspflichtigen Job bekommen, werden über die Arbeitsagentur zwei Jahre gefördert. Im ersten Jahr übernimmt die Agentur 75 Prozent der Lohnkosten, im zweiten Jahr 50 Prozent. Es besteht keine Pflicht, den neuen Mitarbeiter nach den zwei Jahren weiter zu beschäftigen. "Wir erhoffen uns aber schon, dass das Arbeitsverhältnis dann in eine Dauerbeschäftigung mündet", sagte Jutta Driesch. Zusätzlich zahlt die Agentur bei Bedarf die Weiterbildung und bietet ein Coaching für Arbeitgeber und Beschäftigten an.

Das könnte Sie auch interessieren

Sogar die vollen Lohnkosten übernimmt das Jobcenter, wenn ein Arbeitgeber einem Langzeitarbeitslosen eine Chance in seinem Betrieb gibt, der sechs Jahre oder länger keinen Job hatte und von Hartz IV lebt. Hier fördert die Agentur fünf Jahre lang auch Teilzeitstellen, wobei ab dem dritten Jahr der Lohnkostenzuschuss jährlich um zehn Prozent sinkt. Notwendige Qualifizierungen werden bis zu einem Betrag von 3000 Euro bezuschusst. Auch hier gibt's Coaching für Arbeitgeber und Beschäftigten. "Solch ein Förderinstrument hatten wir noch nie", sagte Jutta Driesch.

Kosten für Weiterbildung werden übernommen

Das Qualifizierung-Chancengesetz: Beschäftigte können sich nun unabhängig von Alter, Qualifikation und Betriebsgröße weiterbilden – egal ob Informatiker oder Pflegehelfer. Voraussetzung ist, dass die Tätigkeit durch Technologien ersetzt werden kann, vom Strukturwandel betroffen ist oder eine Umschulung in einem Beruf angestrebt wird, in dem Fachkräftemangel herrscht. Das Gesetz gilt auch für Hartz-IV-Aufstocker. Für Kleinbetriebe bis zehn Mitarbeiter zahlt die Arbeitsagentur die vollen Kosten für die Weiterbildung, für Betriebe bis 250 Beschäftigte die Hälfte und für Großbetriebe ein Viertel der Kosten.

Das könnte Sie auch interessieren

Obendrauf wird das Arbeitsentgelt des Beschäftigten übernommen – bis zu 75 Prozent in Kleinbetrieben, bis zu 50 Prozent in mittleren Unternehmen und 25 Prozent in Firmen mit mehr als 250 Mitarbeiter. "Jeder Betrieb kann das nutzen. Das gab's auch noch nie", sagt Jutta Driesch. Wer als Unternehmen jetzt an den Stellschrauben für die Zukunft drehen und seine Mitarbeiter fit machen will, sollte die Möglichkeiten nutzen, wirbt die Agenturchefin.

2018: Auch weniger Langzeitarbeitslose

12 000 Menschen in den Landkreisen Konstanz, Ravensburg und im Bodenseekreis waren 2018 im Jahresdurchschnitt arbeitslos gemeldet, was einer Arbeitslosenquote von 2,7 Prozent entspricht (bundesweit: 5,2 Prozent, Baden-Württemberg: 3,2 Prozent). Die Details:

  • Wer ist arbeitslos? Laut Statistik meldeten sich 2018 im Agenturbezirk im Jahresschnitt 6563 Männer und 5443 Frauen arbeitslos. Davon waren zehn Prozent jünger als 25 Jahre, 34 Prozent älter als 50 Jahre, 30 Prozent Ausländer und 23,6 Prozent länger als ein Jahr arbeitslos. Vor allem bei den über 50-Jährigen (sieben Prozent weniger als 2017) und bei den Langzeitarbeitslosen (elf Prozent weniger als 2017) hätten mehr Betroffene einen neuen Job gefunden.
  • Wie verteilt sich die Zahl der Arbeitslosen auf die drei Landkreise im Agenturbezirk? Grob gerundet, waren im vergangenen Jahr 3000 Menschen im Bodenseekreis, 4000 im Landkreis Ravensburg und 5000 im Landkreis Konstanz ohne Arbeit. Dabei sei die Zahl der Arbeitslosen in jedem Landkreis um 0,3 Prozent zurückgegangen, was für einen ausgeglichenen Arbeitsmarkt in der Region spreche.
  • Wie hoch ist die Nachfrage nach Arbeitskräften? Im Jahresdurchschnitt waren im Agenturbezirk 8645 Stellen unbesetzt. Das waren 2876 mehr offene Stelle als im Jahr 2017. „Das zeigt den deutlichen Fachkräftebedarf, den wir in der Region haben“, sagt Jutta Driesch. Setzt man die 12 000 Arbeitslosen dazu in Relation, wäre für zwei von drei Menschen ohne Job eigentlich ein Arbeitsplatz da – wenn die Qualifikation passen würde.
  • Gab es genug Lehrstellen? „Wir haben im dritten Jahr in Folge einen Bewerbermarkt, also mehr Plätze als Bewerber“, analysiert Jutta Driesch die Lage auf dem Ausbildungsmarkt. 4249 junge Menschen hatten sich auf Lehrstellensuche für ein Beratungsgespräch angemeldet. 5118 offene Azubi-Stellen wurden der Agentur gemeldet. 888 Lehrstellen blieben im vergangenen Jahr aber unbesetzt, „die einzige kritische Zahl in der Amtsstatistik 2018“, sagt Jutta Driesch. Letztlich entschieden sich 2624 Jugendliche für eine Lehrstelle, 643 für ein Studium.
  • Wieviele Fälle hatte die Agentur für Arbeit zu bearbeiten? Rund 46 000 Menschen meldeten sich 2018 (kurzzeitig) arbeitslos. 47 000 meldeten sich wieder ab, weil sie einen Job gefunden haben. Diese hohe Zahl erklärt die Agenturchefin im Bezirk mit der ausgeprägten Saisonarbeit in der Region und der sogenannten Wechselarbeitslosigkeit. Das heißt, jemand kündigt oder verliert seinen Job, findet aber schnell eine neue Arbeit.
  • Finden angesichts der hohen Nachfrage auch ältere Arbeitslose wieder einen Job? 327 Menschen, die 50 Jahre und älter waren, haben 2018 in der Region einen neuen Job gefunden. Sie wurden zumeist vorher über die Arbeitsagentur qualifiziert, erklärt Agenturchefin Jutta Driesch. „Früher hat man gesagt, in dem Alter lohne sich eine Qualifizierung nicht mehr. Heute werben wir aktiv für diese Menschen mit Potenzial, die ja noch 15 bis 20 Jahre zu arbeiten haben.“ (kck)