Vandarose Ahmadi ist fünf Jahre alt und geht in den Kindergarten. Wenn sie nach Hause kommt, gibt es Mittagessen; über Nudeln mit Hühnchen freut sie sich am meisten.

Denn die sind ihr Lieblingsessen. Überhaupt mag das Mädchen mit den strahlenden Augen so einiges: den Animationsfilm „Frozen“ etwa, Popmusik, die Farbe Gelb und eigentlich alle Geschichten, in denen eine Prinzessin die Hauptrolle spielt. Bei unserem Besuch nimmt sie uns mit in ihr Zimmer und führt uns ihr Lieblingsspielzeug vor: ihren Roller. Oder besser gesagt, sie bittet ihre Mutter Niki Ahmadi darum, dass sie ihr dabei hilft, denn Vandarose kann ohne Unterstützung weder stehen noch gehen, geschweige denn mit dem Roller fahren.

Bei unserem Besuch führt Vandarose stolz ihren Roller vor, auch wenn sie diesen nur fahren kann, wenn ihrer Mutter sie festhält.
Bei unserem Besuch führt Vandarose stolz ihren Roller vor, auch wenn sie diesen nur fahren kann, wenn ihrer Mutter sie festhält. | Bild: Lena Reiner

Therapieversuche im Iran als Belastung

Das Mädchen erlitt nämlich kurz nach seiner Geburt durch einen Sauerstoffmangel eine Gehirn- und Nervenschädigung. Bei Vandarose wurde Tetraplegische Zerebralparese diagnostiziert. Vorhergehende Therapieversuche im Heimatland der Familie, dem Iran, haben zusätzlich ihre Psyche belastet.

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Vandarose macht in Deutschland Fortschritte

Viele Dinge, die ihr Zwillingsbruder ganz selbstverständlich kann, muss Vandarose erst langsam und Schritt für Schritt erlernen. Sie übt derzeit mit ihrer Ravensburger Therapeutin zu stehen. Kurz kann sie inzwischen selbstständig die Balance halten. „Das macht mich sehr stolz“, kommentiert ihre Mutter Niki Ahmadi. Diese ist überhaupt sehr froh über die Therapieform, die sie nun gefunden haben. In ihrer Heimat Iran werden Kinder unter großem Druck therapiert, erzählt sie. Vandarose sei durch diese Vorgehensweise zusätzlich traumatisiert worden. So beurteilt es jedenfalls ihre Kinderärztin. Und ihre Mutter sagt: „Sie hatte oft Angst und hat sich zurückgezogen.“ Daher sei es für sie die größte Freude gewesen, als sie ihre Tochter während der Therapie in Deutschland lachen sah: „Das macht uns glücklich.“

Die kleine Vandarose beim Üben mit ihrer Mutter Niki. Das behinderte Mädchen lebt derzeit mit ihrer Familie in Tettnang.
Die kleine Vandarose beim Üben mit ihrer Mutter Niki. Das behinderte Mädchen lebt derzeit mit ihrer Familie in Tettnang. | Bild: Lena Reiner

Nur wenige Spezialisten weltweit bieten Therapie an

Doch die Freude ist getrübt vom Aufenthaltsstatus der kleinen Familie. „Duldung“ steht auf dem Papier und sie erhielten die Mitteilung, dass sie zurückkehren sollten nach Finnland. Sie sind nämlich mit einem finnischen Visum weiter nach Deutschland gereist. „Rückführung“ heißt im Beamtendeutsch der Dublin-Verordnung das, was Familie Ahmadi droht.

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Das hört sich zunächst nach keiner schlimmen Sache an. Finnland ist ein wohlhabendes, sicheres Land und verfügt über gute medizinische Versorgung. Jedoch gibt es dort niemanden, der die Therapie für Vandarose fortsetzen könnte, erklärt Niki Ahmadi. Über die mehrjährige Ausbildung für die eher unbekannte, auf neurowissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Anat-Baniel-Methode verfügen nur wenige Spezialisten weltweit.

Familie will der Fünfjährigen ein Leben im Rollstuhl ersparen

Dieses Argument blieb bisher ungehört. „Uns wurde zur Begründung gesagt, auch mit einem Rollstuhl sei ein gutes Leben möglich“, schildert Niki Ahmadi. Dass dies grundsätzlich so stimmt, wolle sie nicht anzweifeln. Nur verstehe sie nicht, wieso ihre Tochter sich mithilfe eines Rollstuhls fortbewegen soll, wenn sie doch lernen könne, selbst zu gehen.

Abbruch der Therapie birgt Risiken

Doch nicht nur das: Ein Abbruch – oder auch schon eine Unterbrechung – der Therapie wird die Entwicklung des Mädchens negativ beeinflussen, erläutert Physiotherapeutin Kerstin Baldischwieler, bei der Vandarose in Behandlung ist. In einem offiziellen Schreiben, das der Redaktion vorliegt, heißt es, ein Abbruch würde einen Abbau von Nervenzellen verursachen. Das Ausmaß der Auswirkungen sei dabei nicht abschätzbar. Der Negativeinfluss könne bis ins vegetative Nervensystem reichen. Es stehe also mehr auf dem Spiel als das Gehenlernen.