Nicht einmal Bürgermeister Bruno Walter stand bei diesem Fest im Regen. Sicher, das Wetter war am Sonntag ohnehin ganz besonders gut und über dem Tettnanger Hopfenwandertag herrschte Sonnenschein. Und doch hätte den Rathauschef ein kalter Guss treffen können, nämlich bei seiner Pflicht, das Festbier in die Gläser zu bringen. Als Fassanstecher sind Bürgermeister ja so etwas wie die Geburtshelfer der Feierlaune. Diesmal war die Aufgabe ungewöhnlich. Walter stand vor einem Holzfass, das nicht nur 500 Liter Bier, sondern auch einen gewaltigen Druck in sich hatte.

Albrecht Barth hatte dieser Druck bis in den Schlaf verfolgt. "Das Fass hat mich schlaflose Nächte gekostet", gestand der Chef von Aalener Löwenbräu. Als er dem Verband der Privaten Brauereien in Baden-Württemberg unterbreitete, das 500. Jubiläum des deutschen Reinheitsgebots mit einem 500-Liter-Fass zu feiern, ahnte niemand, dass ihnen dabei deutschen Druckbehälter-Richtlinien in die Quere kommen würden. Ein Küfer, der Erfahrung im Anfertigen von Riesenfässern hat, fand sich zwar im Fränkischen. Doch er baut Weinfässer – und Bier ist nicht Wein. Bier enthält Kohlensäure. Das Fass, so viel stand fest, würde einen Druck von drei Bar aushalten müssen. Also wurde ein Sicherheitsspezialist von der Dekra in die Tüftelei mit einbezogen. Und noch etwas lag Barth am Herzen: "Der Ausschank muss bürgermeistertauglich sein", sagte er und lachte. Für so einen Schreibtischmenschen sei ein Holzfass ja wie eine Blackbox. Folglich müsse der Verschluss entsprechend bedienungs-freundlich gearbeitet sein. Das war er fraglos: Bürgermeister Walter musste mit der Blackbox nicht lange hadern.

Vier sanfte Schläge und das Festbier schäumte – nicht über seinen Anzug, sondern in die Gläser. Auch das Festbier ist Albrecht Barths ganzer Stolz: ein höherprozentiges Märzenbier, über das er ebenso philosophieren kann wie über Ausschanktechnik.

Doch auf dem rund vier Kilometer langen Hopfenwanderweg hatten die Besucher in fünf eigens aufgebauten "Bierdörfern" noch mehr Gelegenheit, kühle Blonde zu verkosten. 36 Brauereien boten ihre Produkte an, 120 Biersorten standen zur Auswahl, alle mit Tettnanger Hopfen gebraut. In den Besucherprozessionen, die sich über den Hopfenwanderweg schlängelten, hörte man Unterhaltungen auf Englisch, Italienisch und Chinesisch. "Hopfen ist unser ältester global player", sagte Bürgermeister Walter. So strömen denn zum Tettnanger Hopfenwandertag auch Bierbrauer aus aller Welt.

Viel Arbeit auch für die Hopfenhoheiten: Etwa 30 Sorten Bier müsse sie kraft Amtes verkosten, schmunzelte Hopfenkönigin Regina Mack. Wie hält man das durch? "Indem man eine gute Grundlage zu sich nimmt." Und viel läuft, den Hopfenwanderweg zigmal auf und ab. Ein halber Marathon kann an einem solchen Fest für die Hopfenkönigin und ihre beiden Prinzessinnen schon zusammen kommen.

 

500 Jahre Reinheitsgebot

Allein aus Gerste, Hopfen und Wasser solle das Bier gebraut werden, entschied im Jahr 1516 Herzog Wilhelm IV. in Ingolstadt. Weil damals der Zusammenhang zwischen Hefe und Gärung unbekannt war, fehlte der Hinweis auf diese vierte Zutat. Mit dem Reinheitsgebot sollte Bierpanschern das Handwerk gelegt werden, außerdem hoffte die Obrigkeit auf einen florierenden Bierhandel nach dem Vorbild der Hanse. Bis heute ist das deutsche Reinheitsgebot ein großes Werbeversprechen. Den deutschen Bieren verschaffte es einen Spitzenplatz im Welthandel. Wilhelm Werner, Präsident des Verbands Privater Brauereien in Baden-Württemberg appellierte deshalb beim Hopfenwandertag, nicht daran zu rütteln. Die Craft-Beer-Bewegung wolle der vermeintlichen Geschmackseinfalt mit kreativen Rezepturen begegnen und dem Bier Zutaten wie Früchte und Gewürze beimischen. "Das würde den hervorragenden Ruf des deutschen Bieres zur Strecke bringen", sagte Werner. (baf)