Anfang des 20. Jahrhunderts war der Bodensee kerngesund. Durch den Zufluss von Gebirgswasser und ohne den Eintrag von Wasch- und Düngemitteln war er extrem nährstoffarm und bot der Bevölkerung nur wenig Fisch. Deshalb rückte er nach dem Ersten Weltkrieg als Eiweißlieferant in Form von Felchen in den Fokus der Wissenschaft. Bürger und Wissenschaftler gründeten zu diesem Zweck am 12. April 1920 den Verein für Seenforschung und Seenbewirtschaftung in Langenargen.

Bereits 180 Mitglieder am Tag der Eröffnung

Da man davon ausging, dass öffentliche Mittel dort eingespart würden, „wo eine materialisierte Oberflächenkultur überflüssigen Geistesluxus zu wittern glaubt“, wurde beschlossen, das Institut auf bürgerschaftliche Füße zu stellen. Am Tag der Eröffnung zählte der Verein bereits 180 Mitglieder und zwölf Stifter, die zum Teil sechsstellige Beträge spendeten.

Gründungsmitglieder waren Bürger, Firmen und Städte. Mit der Fischerei hatten die allerwenigsten zu tun. Was die Menschen damals dazu gebracht hat, will sich auch Ulrich Müller, Umweltminister Baden-Württembergs a.D. und heutiger Vorsitzender des Vereins Freunde des Instituts für Seenforschung und des Bodensees, nicht erschließen. „Wenn man heute Mitglieder gewinnen will, muss man ihnen die Gegenleistung schmackhaft machen“, sagt er. Davon war die erste Werbeschrift des Vereins weit entfernt.

Mit dem „Kormoran“ steht dem Institut für Seenforschung seit 2004 ein modernes Forschungsschiff zur Verfügung.
Mit dem „Kormoran“ steht dem Institut für Seenforschung seit 2004 ein modernes Forschungsschiff zur Verfügung. | Bild: Anette Bengelsdorf

Der See sollte per Fäkalschiff gedüngt werden

Langenargen war als Sitz des Instituts ideal. Der Obersee galt als vom Ufer am wenigsten beeinflusst und mit seinen 250 Metern Tiefe war er der Hauptlaichplatz der Felchen. Um den Fang des beliebten Fischs zu steigern, sollte der Weg des Rheinwassers und das System der Fischnahrung ergründet werden. Die Ausrüstung, die dafür zur Verfügung stand, war anfänglich sehr sparsam dimensioniert. Auch ein eigenes Boot gab es nicht. Schon früh wurde der Zusammenhang zwischen Phosphorgehalt und Fangertrag erkannt und bereits zur Einweihungsfeier des Instituts wurden Pläne zur Düngung des unfruchtbaren Bodensees mit Fäkalschiffen vorgestellt. Ob diese jemals zum Einsatz kamen, ist nicht bekannt.

Langenargen, Untere Seestraße 81 – hier war ab 1925 das Institut für Seenforschung untergebracht. Das Gebäude wurde später verkauft.
Langenargen, Untere Seestraße 81 – hier war ab 1925 das Institut für Seenforschung untergebracht. Das Gebäude wurde später verkauft. | Bild: LUBW/Institut für Seenforschung

Schon fünf Jahre später konnte sich das Institut einen eigenen Neubau leisten und der Verein wuchs auf 633 Mitglieder an. Erst 1936 kam als Zuschussgeber der Staat ins Boot und der Nationalsozialismus drückte dem Institut seinen Stempel auf. Vorrangig sollte die übermäßige Fischeinfuhr aus dem Ausland eingedämmt und deshalb der Fangertrag gesteigert werden. Forschungsergebnisse bezüglich der „komplizierten Produktionsverhältnisse des Süßwassers“ seien unmittelbar in den Dienst der Wirtschaft zu stellen, tönte es jetzt aus der Werbeschrift.

Der alte „Kormoran“ in den 30er Jahren.
Der alte „Kormoran“ in den 30er Jahren. | Bild: LUBW/Institut für Seenforschung

Der See droht zu ersticken

Ab den 50er Jahren ließen wachsendeließen Bevölkerung, intensive Landwirtschaft und damit der Eintrag von ungeklärtem Abwasser mit Fäkalien, Wasch- und Düngemitteln den Phosphorgehalt im See von weniger als zehn Milligramm pro Kubikmeter auf bis zu 90 Milligramm am Ende der 70er Jahre anwachsen und der See drohte zu ersticken. Zwar stieg der Fischertrag auf 1900 Tonnen an, doch die Abbauprodukte der übermäßig wachsenden Algen reduzierten den Sauerstoffgehalt im Tiefenwasser – ausgerechnet dort. wo die Felchen laichen.

5 Milliarden Euro seien im Zeitraum zwischen Ende der 60er und Ende der 80er Jahre aufgewandt worden, erinnert sich der ehemalige Umweltminister. Neue Kläranlagen wurden gebaut oder alte aufgerüstet, mit dem Erfolg, dass seit 2005 die Phosphatwerte konstant auf demselben Stand wie vor 100 Jahren, bei etwa sechs Milligramm pro Kubikmeter Wasser liegen. Doch die Felchenbestände gehen weiter zurück. „Der Kraftaufwand für dieses Projekt war gigantisch“, erinnert sich Ulrich Müller. „Das zunichte zu machen durch zusätzlichen Phosphateintrag, nur um die Fangquote zu erhöhen, ist nicht vertretbar.“

Technisch hochgerüstet, dafür in Jeans und T-Shirt – Martin Wessels vom IfS entnimmt dem Seeboden einen Bohrkern.
Bild: Anette Bengelsdorf

Klimawandel und Nutzungskonflikte

Heute gilt das besondere Augenmerk des Instituts den Auswirkungen des Klimawandels auf den Bodensee, der nicht nur die Felchen, sondern auch die Wasserqualität beeinträchtigen könnte und der Einwanderung gebietsfremder Tier- und Pflanzenarten, die die natürliche Artenvielfalt und damit das gesamte Ökosystem durcheinanderbringt. Auch die Nutzungskonflikte sind heute vielfältiger Natur.

Das könnte Sie auch interessieren

Sportboote wurden umweltverträglicher gemacht, Großprojekte wie die geplante Swiss-Marina konnten ebenso verhindert werden wie die Umsetzung der Idee, mithilfe von Fracking Öl- und Gasvorkommen auszubeuten. Auch die Themen Öl-Pipeline und Wasserflugzeuge sind vom Tisch. „Ein Naturelement wie den Bodensee kann man nicht nur schützen wie unter einer Käseglocke, quasi als Naturphänomen ohne den Menschen. Damit er aber nachhaltig erhalten bleibt, darf er aber auch nicht nur genutzt werden“, sagt Ulrich Müller.

Die unterschiedlich gefärbten Streifen des Sediments sind wie ein Tagebuch des Sees. Die schwarzen Streifen entstanden in den Jahren hohen Phosphateintrags.
Die unterschiedlich gefärbten Streifen des Sediments sind wie ein Tagebuch des Sees. Die schwarzen Streifen entstanden in den Jahren hohen Phosphateintrags. | Bild: Anette Bengelsdorf