Roland Levy, ehemaliger Koch und Wirt des Gasthauses Frieden in Ahausen, wirft einen letzten Blick in den Umzugswagen, klappt dann die Türe zu und hält den Daumen hoch: Zeichen für den aus Spanien stammenden Lastwagenfahrer Jesus Gonzales für die Abfahrt. Die Möbel und schweren Geräte werden in einer Woche – bedingt durch einen unternehmensbedingten Umweg – an ihrem neuen Wohn- und Lebensort an der Costa Blanca in Spanien ankommen. Auch der Kombi ist rappelvoll. Gleich werden Roland Levy und Monika Trenkle Richtung Süden starten. Für die rund 2000 Kilometer lange Strecke wollen sie sich drei Tage Zeit lassen. Zeit, in der sie die vergangenen Wochen nochmals in Ruhe an sich vorbeiziehen lassen können.

Mit Sack und Pack ziehen Moni Trenkle und Roland Levy Richtung Süden. Jesus Gonzales (links) wird die Möbel an die spanische Costa ...
Mit Sack und Pack ziehen Moni Trenkle und Roland Levy Richtung Süden. Jesus Gonzales (links) wird die Möbel an die spanische Costa Blanca fahren. | Bild: Christiane Keutner

Stress pur in den vergangenen Wochen

„Die Leute sind über uns hergefallen, das war nicht mehr normal“, erzählt Roland Levy und wischt sich gedanklich nochmals über die Stirn. „Ostern war schon zwei, drei Wochen vorher ausgebucht. Wir mussten nochmal richtig Vollgas geben.“ Der Weggang des Paares mit dem besonderen Händchen für Steaks hatte viele Stammkunden zu Bestellungen animiert. Ein letztes Mal noch wollten sie den Zwiebelrostbraten oder den bunt gemischten, mit Früchten, Nüssen und Blüten angereicherten dekorativen Salat genießen.

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Überraschung am Ende: Im Frieden geht es weiter

Ursprünglich sollte der letzte Abverkauf von Geschirr, Töpfen, Besteck, Gläsern und Kochutensilien an jeden Interessierten am Ostermontag beginnen, einen Tag, nachdem Roland Levy den Kochlöffel niederlegte und Monika Trenkle die Schürze verräumte. Doch es fanden sich, nicht vorgesehen und ganz überraschend, Nachfolger für den „Frieden“, womit sich der Ausverkauf erledigt hatte: Der Sohn der ehemaligen Küchenangestellten Canti Sharma, Rohid Roy Sharma, wird das Lokal übernehmen und erhält von seinen Eltern Schützenhilfe.

Das Landgasthaus Frieden wird wieder öffnen. Schon in wenigen Tagen sollen hier und im Biergarten Gäste bewirtet werden.
Das Landgasthaus Frieden wird wieder öffnen. Schon in wenigen Tagen sollen hier und im Biergarten Gäste bewirtet werden. | Bild: Christiane Keutner

Kochunterricht für Nachfolger

Die bekam er auch von Roland Levy. Er hatte dem 24-Jährigen Kochunterricht gegeben, ihm Tipps und Kniffe verraten, wie die Steaks gebraten werden, die Fleisch- und Salat-Soßen entstehen, denn es sollen Speisen einer Landhauskarte angeboten werden. So hatten sie sich ihm gegenüber geäußert. Er machte die Familie mit den Lieferanten und der Brauerei bekannt und überließ ihnen Geschirr und Kochzubehör zu einem sehr günstigen Preis, so Levy.

Da die Nachfolger so schnell wie möglich ins Gasthaus wollten, hatten die beiden entschieden, sich vorzeitig in den Süden zu begeben. So herrschte parallel zum Umzug schon emsiges Treiben im „Frieden“. Handwerker waren da, alles lag im Staub. Mutter und Sohn Sharma wollten sich fotografisch erst präsentieren, wenn alles fertig ist. Im Eifer der Arbeiten hatten sie wohl auch den verabredeten Termin mit der Zeitung vergessen, in dem näher auf ihre Pläne eingegangen werden sollte.

Rezepte-Tipps zum Abschied

Viele werden dem Ehepaar Levy/Trenkle, das nun 13 Jahre in Ahausen seine Gäste glücklich gemacht hatte, nachtrauern. Das kam in zahlreichen Gesprächen zum Ausdruck. Da Freundschaften im Gastgewerbe wegen der Arbeitszeiten schwierig sind, waren die Gäste auch die Freunde. Zahlreiche versprachen, das Paar in Spanien zu besuchen. Etliche hatten versucht, ihm das Geheimnis für die Pfeffer- und Salatsoße zu entlocken. Der SÜDKURIER fragte nach: Das Rezept als Abschiedsgeschenk für die Leser, das wär doch was!

Roland Levy lächelt. „Das ist meine eigene Kreation und ich kann gar keine festen Mengenangaben machen. Mal machte ich fünf, mal zwei, mal sieben Liter. Da bräuchten Sie eine ganze DIN-A4-Seite, um das aufzuschreiben. Da müsste man zusehen, wenn ich die mache. Die fertige Soße muss einen Tag ins Kühlhaus und dort immer mal umgerührt werden, da Senf und Meerrettich emulgieren. Die Kräuter und den Essig muss man ganz zum Schluss, eine Stunde vor dem Servieren reingeben, weil der Essig den Kräutern die Farbe rauszieht und sie dann braun werden. Außerdem kann man die Salatsoße nicht aufbewahren. Und der Zucker muss ins warme Wasser, sonst löst er sich nicht auf. Wenn Süße fehlt, kann man Honig dazunehmen“, gibt er einige Tipps.

Die gastronomische Küche wird Roland Levy künftig mit dem heimischen Herd tauschen.
Die gastronomische Küche wird Roland Levy künftig mit dem heimischen Herd tauschen. | Bild: Christiane Keutner

Die Leidenschaft fürs Kochen bleibt

Aber nun ist erst mal Schluss mit Kochen für andere. Denn seine Leidenschaft bleibt. Roland Levy freut sich darauf, ohne Druck nur für zwei am heimischen Herd zu stehen, Neues auszuprobieren, sich auszuleben und mal in Ruhe mit seiner Frau zu genießen.

„Wir haben die Reißleine gezogen, bevor es zu spät ist und wir noch fit und gesund sind“, sagt er erleichtert auch mit Blick in die Vergangenheit mit der Pandemie, aus der sie sich mit dem To-go-Service retten konnten, und mit gerunzelten Augenbrauen in die Zukunft der Gastronomie. „Die Deutschen werden einen neuen Preis bezahlen müssen, so wie damals, als der Euro eingeführt wurde.“ Er glaube, dass man sich noch die nächsten drei Monate durchschleppen könne, aber im Herbst, wenn die Gas- und Heizölrechnungen kommen und der Mindestarbeitslohn, werde man in der Gastronomie die Preise anheben müssen.

Der Abschied fällt nicht leicht

Mit der Fahrt nach Spanien lässt er diese Sorgen in Deutschland zurück. 50 Jahre harte Arbeit mit täglich 15 Stunden und dies an allen Feiertagen des Jahres sind genug. „Der Eimer ist voll.“ Ganz leicht fällt den beiden der Abschied nicht. Als sie den Entschluss zum Auswandern gefasst hatten, ging es den Eltern von Monika Trenkle noch bestens; sie waren topfit. Wenige Monate später sieht es anders aus. Doch ihr Bruder Helmut Trenkle in Bermatingen, in dessen Haus die Eltern wohnen, hatte sie beruhigt und ihr gesagt, sie solle sich keine Gedanken machen. Sie habe zeitlebens hart gearbeitet, jetzt sei sie mal an der Reihe, an sich zu denken. „Mir werden die Eltern aber sehr fehlen, ich bin schon jetzt etwas wehmütig gestimmt“, sagt Monika Trenkle.

Das Notwendigste für die kommenden Tage nehmen Roland Levy und Monika Trenkle im Auto mit.
Das Notwendigste für die kommenden Tage nehmen Roland Levy und Monika Trenkle im Auto mit. | Bild: Christiane Keutner
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Mut und Herausforderung halten jung

Wehmut macht sich allenthalben breit. Viele Gäste hätten beim Abschied geheult, so Roland Levy. Gefreut hat er sich auch über Bürgermeister Martin Rupp und Ortsvorsteher Jakob Krimmel, die ihn und seine Frau mit einem Geschenkkorb und sehr netten Zeilen verabschiedet hatten. Aber zwischen die Wehmut und dem Erschöpftsein schleicht sich die Freude auf den neuen Lebensabschnitt in Spanien. Zwar ohne Sprachkenntnisse, doch das sieht der kommunikative Wirt gelassen. „Wir reden etwas Englisch und mit Händen und Füßen. Außerdem gibt es Übersetzungs-Apps. Damit kommen wir durch. Und beim Kochen ist es wie im Leben: Etwas Mut gehört dazu.“

Sie freuen sich auf Radfahren, Schwimmen – ihre Wohnung an der Costa Blanca ist 300 Meter vom Meer entfernt – und auf neue Bekanntschaften. Zum Schluss gibt es noch eine Lebensweisheit für den doch etwas mutigen Weg der Auswanderung im Rentenstadium: „Das Leben muss immer eine kleine Herausforderung sein, sonst wird man alt.“