Frau Kahlo, Sie sind seit Anfang September zurück in Deutschland und die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut. Ich bin wieder gut in meiner Heimat angekommen. Es war noch etwas aufregend, da ich einige Corona-Tests machen musste und ich mich melden musste, da ich aus einem Risikogebiet kam. Aber alle Tests waren negativ und als das klar war, konnte ich die Tage nach meiner Rückkehr mit meiner Familie und Freunden genießen.

Anfang August kam es im Hafen von Beirut zu einer schweren Explosion, es gab Tote und Verletzte, die halbe Stadt wurde zerstört. Wo waren Sie, als das passiert ist?

Zum Zeitpunkt der Explosion war ich rund 800 Meter vom Hafen entfernt mit Freunden in einem Cafe. Der Boden hat vibriert und wir haben uns unter einem Tisch in Sicherheit gebracht. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Dann war um uns herum alles zerstört, es gab Verletzte. Uns ist glücklicherweise nicht viel passiert. Wir haben alles mit einem sehr großen Schrecken überstanden.

Das Café, in dem sich Madlena Kahlo während der Explosion aufgehalten hat, wurde zerstört. Die Bermatingerin kam mit den Schrecken davon.
Das Café, in dem sich Madlena Kahlo während der Explosion aufgehalten hat, wurde zerstört. Die Bermatingerin kam mit den Schrecken davon. | Bild: Madlena Kahlo

Was dachten Sie, was passiert ist?

Wir gingen zunächst von einem Angriff oder Anschlag aus. Wie durch ein Wunder haben wir kaum einen Kratzer abbekommen. Wir haben uns irgendwann auf den Weg Richtung Wohnung gemacht, aber die war nicht mehr bewohnbar. Ich habe die mir inzwischen so vertrauten Straßen in einem geradezu surrealen Chaos gesehen, was mir noch lange nachging. Ich konnte noch meine Sachen holen und wir sind dann bei Bekannten untergekommen.

Meine Familie habe ich schnell erreicht und ihnen mitgeteilt, dass mir nichts passiert ist. Ein Großteil der Stadt war zerstört, die Leute traumatisiert. Ich habe alle paar Tage die Unterkunft gewechselt. Wir haben über das Erlebte gesprochen, es ging ja allen gleich. Wir hatten alle einen Bezug dazu, das ist hier in Deutschland anders.

Wie ging es dann weiter?

In den Tagen direkt nach der Explosion entstanden unheimlich viele Initiativen, die Straßen räumten, Häuser sicherten, Fenster abklebten und Essen, Kleidung und Medikamente organisierten. Helfen und aktiv werden ist manchmal auch eine gute Möglichkeit, den eigenen Schrecken zu überwinden und ein solches Ereignis zu verarbeiten. Die beste Möglichkeit für mich sinnvoll zu helfen war, dass ich direkt zu Leuten gehe, frage und im Endeffekt mit Bargeld helfe – ohne zwischengeschaltete Organisationen.

Ein zerstörtes Haus in Madlenas‘ Nachbarschaft.
Ein zerstörtes Haus in Madlenas‘ Nachbarschaft. | Bild: Madlena Kahlo

Warum haben Sie sich entschieden, in Beirut ein Jahr lang ein Auslandssemester zu machen?

Das war vor allem Bauchgefühl und weil ich gerne in den levantinischen Raum wollte. Da kommen eigentlich nur der Libanon oder Jordanien in Frage. Der Libanon bietet auf engsten Raum eine kulturelle und ethnische Vielfalt. Ich wollte einfach eine andere Perspektive auf die arabische Welt bekommen. Da ich die arabische Sprache lerne, lag die Entscheidung für Beirut, wo es eine internationale Universität gibt, nahe.

Was muss man über den Libanon wissen?

Das politische System im Libanon ist konfessionell aufgebaut, das bedeutet, dass die verschiedenen politischen Ämter nach der Religion vergeben werden. Das macht die innerpolitische Lage sehr komplex und wenig stabil. Auch die geographische Lage mit der Grenze zu Syrien und Israel sorgt immer wieder für Konflikte.

Mit welchen Erwartungen begann das Jahr für Sie?

Ich war sehr positiv und hoffnungsvoll eingestellt. Dass es so dramatisch wird, darauf war ich natürlich nicht vorbereitet. Bereits wenige Woche nachdem ich in Beirut war, begannen die Proteste, die sich gegen Kostenerhöhungen sowie gegen Korruption richteten.

Wie haben Sie diese Proteste erlebt?

Bei den Protesten im Herbst 2019 gingen die Libanesen gemeinsam auf die Straße und schwangen die libanesische Flagge.
Bei den Protesten im Herbst 2019 gingen die Libanesen gemeinsam auf die Straße und schwangen die libanesische Flagge. | Bild: Madlena Kahlo

Als es Mitte Oktober sehr plötzlich losging, empfand ich die Proteste und Demonstrationen als bedrohlich. Schnell ist mir allerdings klar geworden, dass es um eine friedliche Sache geht; dass es etwas Positives entsteht. Erstmals zeigten sich die Libanesen über konfessionell-politische Grenzen hinweg vereint.

Sunniten, Schiiten, maronitische Christen und Drusen schwangen gemeinsam die libanesische Flagge – eine Seltenheit in einem Land, in dem es 18 anerkannte Religionsgemeinschaften gibt. Es wurde viel organisiert und angeboten, es herrschte eine fröhliche und hoffnungsvolle Stimmung, davon habe ich mich anstecken lassen.

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Diese Stimmung hat aber nicht lange gehalten.

Nein, diese Stimmung ist schnell wieder verflogen. Der Libanon durchlebt eine schwere Wirtschafts- und Finanzkrise. Das libanesische Pfund ist zu einem festen Kurs an den US-Dollar gekoppelt. Das soll Währungsstabilität garantieren. Aber durch die Krise hat die libanesische Währung immer mehr an Wert verloren und Dollarreserven im Land sind knapp geworden. Wir haben ab Oktober keine US-Dollar mehr bekommen. Da der Libanon fast alle Produkte importieren muss und diese Importe in der Regel in Dollar bezahlt werden, gingen die Preise in die Höhe. Aber die Menschen haben nicht mehr verdient. So konnte man sich nichts mehr leisten und die Armut ist enorm gestiegen.

Und wäre dies schon nicht schlimm und traurig genug, kam im März noch der Coronavirus hinzu. Haben Sie nie überlegt, das Land zu verlassen?

Eigentlich nicht. Es gab nur einmal diesen Moment, als die Uni dicht machte, die Botschaft den Druck erhöhte, man möge bitte das Land verlassen und der Flughafen geschlossen wurde, da habe ich kurz überlegt. Ich wusste nicht, wie lange dieser Zustand anhalten wird. Aber für mich war klar, dass es wichtig ist, zu bleiben.

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Wie war der Lockdown für Sie?

Das war am Anfang sehr schwer, da ich ein Mensch bin, der gerne und viel unterwegs ist. Ich habe zum Glück in einer WG gelebt, so dass ich nicht ganz alleine war. Von Mitte März bis Ende Mai gab es in Beirut ab 18 Uhr eine Ausgangssperre und tagsüber durfte man sich nur in Laufnähe zur Wohnung aufhalten.

Auch in Beirut gab es Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie.
Auch in Beirut gab es Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie. | Bild: Madlena Kahlo

Die Stadt war komplett still. Ich habe keine Freunde getroffen, war viel zuhause und habe meine Mitbewohner besser kennengelernt. Es war klar, dass keiner der Libanesen Vertrauen in die Regierung oder das Gesundheitssystem hat, man musste für sich und seine Mitmenschen verantwortungsvoll mit der Situation umgehen.

Wie ging es dann weiter?

Mitte Juni, Anfang Juli hat sich die Lage wieder etwas normalisiert. Wir konnten Ausflüge ans Meer machen und in die Berge fahren. Der Libanon ist ein sehr kleines Land, man kann eigentlich sehr gut reisen, was ich vor Corona auch gemacht habe.

Madlena Kahlo bei einer Fahrradtour.
Madlena Kahlo bei einer Fahrradtour. | Bild: Madlena Kahlo

Ich habe die Zeit genutzt, um mein arabisch zu vertiefen und einige Projekte anzustoßen, da ich ein Praktikum, das ich eigentlich machen wollte, nicht antreten konnte. Dann war ich soweit, dass ich mich innerlich auf meine letzten Wochen vorbereitet habe – im September sollte es zurückgehen – und meinen Abschied geplant habe. Und dann kam die Explosion, die ein großer Einschnitt war. Danach war alles anders.

Wie haben Sie das Erlebte verarbeitet?

Ich denke, ich bin noch mittendrin. Das wird seine Zeit brauchen. Mir war es wichtig, aktiv werden zu können und zu helfen, das ist auch eine Art zu verarbeiten. Aktiv werden zu können, nachdem man schon nichts dagegen tun konnte. Einige Tage nach der Explosion fand eine Demonstration gegen die Regierung statt, die zurücktreten solle.

Ich bin sehr wütend und emotional geworden. Diesmal ging es nicht nur ums Unterstützen, sondern es war auch persönlich: meine Freunde hätten sterben können, ich hätte sterben können, wir haben unser Zuhause verloren, und dann wurden wir mit Tränengas beschossen. Ich bin viel hoffnungsloser geworden. Es war schwer für mich, auszureisen und meine Freunde, die in dem Land leben, zurückzulassen.

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