Es ist ein fortwährendes Summen. Pelzige Rücken drängen sich in dünne Röhren. Oder sie wärmen sich einen Moment lang in der Morgensonne, bevor sie sich ins Dunkel quetschen. „Es sind vor allem Mauerbienen derzeit“, erläutert Anita Franke das rege Treiben vor ihrem Bienen-Hotel. Die künstliche Nisthilfe für Insekten ist aus kleinen Anfängen, aus einem etwas mehr als schuhkartongroßen Holzkasten zu einem stattlichen Hotel-Komplex herangewachsen. Auf einer Fläche von zwei auf einen Meter reihen sich abertausend Bambusstücke. Allesamt sind sie hinten verschlossen. Und allesamt laden sie zur Eiablage ein.

Den Pelz voll Pollen sucht sich eine Wildbiene ihre Röhre zur Ablage aus.
Den Pelz voll Pollen sucht sich eine Wildbiene ihre Röhre zur Ablage aus. | Bild: Jörg Büsche

„Da, schauen Sie!“, zeigt Anita Franke auf eine der zahlreichen Insekten. Die Biene war eine Weile scheinbar unentschlossen um ein Bambusstück herumgewandert. Schließlich zwängt sie doch noch ihren behaarten Hinterleib in die Enge. „Haben Sie gesehen, wie gelb sie war? Tatsächlich leuchtet das Insekt im hell-kräftigen Ton des mitgebrachten Blütenstaubs. „Löwenzahn!“ konstatiert die Naturliebhaberin knapp.

Eintauchen ins Bambusrohr: Wie die Biene die Nisthilfe nutzt

Wie tief die Biene ins Bambusrohr eintauchen wird, das bleibt unklar. Ebenso wie die Frage, die wievielte Kammer sie inzwischen nutzt. Um erst ein Ei zu legen, dann einen kleinen Pollen-Vorrat für die Puppe hineinzutun, damit die geschlüpfte Larve Nahrung findet.

Mit dem Hinterleib voran geht es ins enge Gehäuse.
Mit dem Hinterleib voran geht es ins enge Gehäuse. | Bild: Jörg Büsche

Schließlich heißt es, diese Kammer wieder zu verschließen, so wie die Kammer davor und die nächste Kammer danach. Am Ende finden sich etliche Kammern in jedem einzelnen Bambus-Stück. Im letzten Fünftel des Gehäuses findet sich keine Kammer. Sonst würden die darin sich entwickelnden Larven allzu leicht Opfer von spitzen Vogelschnäbeln.

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Wildbienen sind sehr wählerisch

„Es ist ein kleines Wunder“, staunt die Wildbienen-Freundin: „Sie finden immer wieder zu ihrer Röhre.“ Und die ist durchaus nicht die erstbeste. Denn die Wildbienen gehen wählerisch vor. „Sie suchen sich immer die schönsten Bambusstücke aus“, berichtet Anita Franke aus langjähriger Beobachtung. Seit sie vor acht Jahren angefangen habe mit dem Nistkastenbau, sei ihr immer wieder aufgefallen, wie zielstrebig die Insekten sich stets die neuesten Bambusstücke und davon die mit den glattesten Einschlupflöchern aussuchen. „Das ist das Manko so vieler Nisthilfen, die es zu kaufen gibt: Deren Öffnungen bleiben oftmals unbehandelt.“ So dass sich die Insekten schnell an ihren Flügeln verletzen, wenn sie hineinkriechen.

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„Ich kann hier stundenlang zuschauen“, sagt Anita Franke. Das Kommen und Gehen an ihrem Wildbienen-Hotel lasse den Alltag vergessen: „Es beruhigt ungemein.“ Weshalb sie davon abgegangen ist, guten Freunden Wein zu schenken, wenn diese Geburtstag feiern. Stattdessen gebe es nun eine Mini-Nisthilfe.

Tipp zum Nachmachen: Nisthilfen passen auf jeden Balkon, zeigt Tierfreundin Anita Franke.
Tipp zum Nachmachen: Nisthilfen passen auf jeden Balkon, zeigt Tierfreundin Anita Franke. | Bild: Jörg Büsche

Die besteht aus einem kleinen Bündel zusammengeschnürter Bambusstäbe. Im Garten, auf dem Balkon oder der Terrasse aufgehängt, werden die Röhren bald zum Lebensraum sanft summender Insekten. Von Insekten, die nicht stechen, wie Anita Franke den neugierig dicht in die Röhren guckenden Betrachter bald beruhigt. Man müsse Wildbienen schon sehr reizen, bevor sie sich wehren.

Das Nahrungsangebot muss stimmen

Ein sonniges Plätzchen allein reicht aber nicht. Ist‘s rundherum unwirtlich, finden die Wildbienen keine Nahrung, weil keine Wildblumen und Kräuter wachsen und keine offenen Blüten zur Landung einladen. Dann kommt es auch nicht zum Kammerbau in den Bambusstücken. Röhricht und andere Hohlräume eigenen sich übrigens auch zur Eiablage.

Eine beeindruckende Wand aus Nisthilfen: Anita Frankes Wildbienen-Hotel wurde Jahr um Jahr angebaut.
Eine beeindruckende Wand aus Nisthilfen: Anita Frankes Wildbienen-Hotel wurde Jahr um Jahr angebaut. | Bild: Jörg Büsche

Je aufgeräumter die Gärten und die Landschaft sind, desto lebensunfreundlicher geht es dort für Wildbienen zu. Zunehmende Bebauung und damit fortschreitende Flächenversiegelung täten ein Übriges, erklärt Anita Franke. Anfänglich, vor acht Jahren, war ihre Nisthilfe nur so eine Idee, um den Garten rund ums Haus in Bermatingen noch ein bisschen naturnäher zu gestalten.

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Doch dann habe sie sich mehr mit dem Thema befasst. Auch mit dem Seitenstück dazu: Dem Problem des Insektensterbens. Und wer Anita Franke heute von Wildbienen sprechen hört, der gewinnt den Eindruck, hier spricht eine Expertin. Sie schildert ihre Deteilbeobachtungen. Und sie ordnet sie in den großen Zusammenhang ein – von Land- und Gartenbau, von Landschaftsnutzung, aber auch von Pflanzenwachstum, von Gedeihen und der Rolle der Wildbienen dabei, als wichtige Mitspieler im Prozess der Bestäubung.

Ein Plädoyer für mehr Unordnung im Garten

Auf dem Weg vom Jahr um Jahr weiter gebauten Bienenhotel-Komplex im Norden ihres Grundstücks zu einer neuen Nisthilfen-Filiale an der Ostseite des Hauses, beim Vorbeigehen an Beeten mit Wolfsmilch, mit Hyazinthen und Vergissmeinnicht, räumt die Insektenfreundin ein, dass nicht jeder ideale Bedingungen hat, um seinen Beitrag zum Naturschutz zu leisten. Aber mit ein bisschen mehr Bewusstsein, mit ein bisschen weniger Garten aufräumen sei immerhin schon ein erster Schritt getan. Und Platz für eine kleine Nisthilfe, der finde sich quasi überall.