In Zeiten der Corona-Pandemie sind sie gefragt wie nie. Die Rede ist von Masken, Handschuhen und Desinfektionsmitteln. Unternehmen, die damit handeln, bewegen sich auf einem schmalen Grat zwischen „Profiteure der Krise„ und „systemrelevanter Händler“. Während besonders in sozialen Medien solche Händler schnell ob ihres „unseriösen Geschäftsgebarens“ schlecht gemacht werden, sieht die Realität in der Regel etwas anders aus.

Unzählige medizinische Artikel wie etwa Stethoskope, Verbandskästen oder Spritzen lagern in den „DocMedical“-Räumen.
Unzählige medizinische Artikel wie etwa Stethoskope, Verbandskästen oder Spritzen lagern in den „DocMedical“-Räumen. | Bild: Heß, Jan Manuel

Wie zum Beispiel bei Joschka Christner, er ist Geschäftsführer von „DOCmedical“ in Bermatingen. Das ist ein Unternehmen, das sich auf medizinische Ausrüstungen im außerklinischen Bereich spezialisiert hat. „Wir verkaufen hauptsächlich medizinische Ausrüstung für Rettungsdienste und Arztpraxen und weitere Hilfsorganisationen“, sagt Christner. Darüber hinaus werde medizinisches Material für Unternehmen und Privatpersonen wie beispielsweise Verbandkästen und Erste-Hilfe-Material angeboten.

Reguläres Geschäft laut Unternehmer um etwa 30 Prozent gesunken

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie machen laut Christner auch vor ihm und seinen sechs Mitarbeitern nicht Halt. „Unser reguläres Geschäft ist um circa 30 Prozent eingebrochen, denn ein großer Anteil davon macht unter anderem die medizinische Ausrüstung von Betrieben und Unternehmen aus. Diese wird aktuell jedoch nicht sonderlich groß nachgefragt.“

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Gleichzeitig seien aber in Geschäftsfeldern, die die Corona-Pandemie betreffen, wie Desinfektionsmittel und Schutzmasken, deutliche Anstiege zu verzeichnen, berichtet Christner. „Die Corona-Krise hat unseren Kundenstamm eindeutig erweitert, auch im regionalen Bereich. Und ja, derzeit profitieren wir in bestimmten Bereichen sicherlich von der aktuellen Situation. Dies ermöglicht mir aber momentan, die Arbeitsplätze zu sichern, auf Kurzarbeit zu verzichten – und, je nach Entwicklung – sogar neue zu schaffen.“

Es sei nicht einfach, faire Preise zu gewährleisten

Dies könne sich jederzeit ändern, wenn die Lieferengpässe zunähmen und es insgesamt weniger Verkaufsware gäbe. Durch jahrelange gute Beziehungen zu Herstellern und Händlern sei er aktuell relativ gut lieferfähig und er versuche, auch die Preise für die Kunden fair zu halten. Dies sei aber anhand der verbreiteten Knappheit vieler Materialien und Rohstoffe auf den Märkten nicht immer zu gewährleisten, was sich bereits in vielen Bereichen durch bestehende und beginnende Engpässe bemerkbar mache.

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„Hier steht man jetzt oft vor dem Problem, dass herstellerseitig Preiserhöhungen um mehrere 100 Prozent durch gestiegene Materialbeschaffungskosten nicht unüblich sind und dies bei marktunerfahrenen Kunden den Eindruck vermittelt, dass man durch massive Preissteigerungen auf eine deutliche Gewinnmaximierung aus ist“, sagt Christner. Er ergänzt: „Aktuell bieten wir viele knappe Waren Privatkunden gar nicht an, sondern stellen diese Rettungsdiensten, Behörden und jetzt auch Kliniken, in denen die Schutzausrüstung dringend benötigt wird, zur Verfügung. Auch wenn auf dem freien Markt deutlich höhere Verkaufspreise erzielt werden könnten.“

Joschka Christner: Den Warenverkehr neu überdenken

Welche Lehren aus der Krise zu ziehen sind und wie es danach weitergehen kann, da ist sich Christner unschlüssig. Einerseits ist er zu der Überzeugung gekommen, dass man nach der Krise den globalen Warenverkehr komplett neu überdenken müsse. In Ländern wie China oder Indien werde meist aufgrund der deutlich niedrigeren Personalkosten produziert, was für günstige Preise sorge.

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Die durch die Krise entstandene Knappheit an Schutzausrüstung sehe er nicht vorrangig durch die fehlende Produktion in Deutschland oder Europa, sondern durch fehlende Vorhaltung. „Über Jahre wurden Lagerbestände reduziert, um ‚brachliegendes Kapital‘ und Ausgaben für Lager und Lagerpersonal zu reduzieren. Dies rächt sich nun und alle über die letzten Jahre gewonnenen Einsparungen müssen nun investiert werden, um Ware mit massiv erhöhter Nachfrage anzukaufen.“ Konkretes Beispiel laut Christner: Der Preis für OP-Mundschutz liege aktuell bei 70 bis 90 Cent – pro Stück. Vor der Krise habe eine Packung mit 50 Stück etwa 2 bis 3 Euro gekostet.

Geschäftsführer hält strategische Konzepte für sinnvoll

Ähnlich ist es laut Christner mit vielen anderen Produkten. „Ich denke, dass vorrangig nicht die Produktionsstandorte, sondern die sinnvolle und ausreichende Vorhaltung von Material in der Zukunft entscheidend sein wird.“ Mit strategischen Konzepten könne dies sogar recht kostengünstig geschehen, wenn etwa ein Krankenhaus einen Jahresvorrat an Material vorhalte, um Engpässe zu überbrücken. Bei Haltbarkeiten von drei bis fünf Jahren bei den meisten medizinischen Produkten sei dies kein langer Lagerzeitraum. Die Lagerhaltungskosten für Räume und Personal seien vermutlich deutlich günstiger, als der Ankauf von Material zum hundertfachen Preis in Krisenzeiten.

„Jede öffentliche Institution ist sich selber überlassen“

Als problematisch habe sich seiner Ansicht nach auch die föderale Struktur in Deutschland gezeigt. „Wenn es kein zentral gesteuertes Beschaffungsmanagement gibt, ist jede Behörde, jede öffentliche Institution sich selber überlassen. Ich habe mitbekommen, was zum Beispiel eine Behörde X zum Teil horrende Preise für Schutzausrüstungen bezahlt hat, ohne diese zu vergleichen.“

Strukturen schaffen, um Betroffenheiten abzufedern

Nach Christners Dafürhalten werden derzeit oft Entscheidungen getroffen, die eher schnelles, entschlossenes Handeln suggerieren sollen, als dass nach Wirtschaftlichkeit geschaut werde. „Es ist sehr viel Geld verschwendet worden, was nicht hätte sein müssen.“ Er könne nur hoffen, dass die eine und andere Lehre daraus gezogen werde. Denn: „Man kann sich ja nicht wirklich auf eine Krise dieses Ausmaßes vorbereiten, doch kann man Strukturen schaffen, die dafür sorgen, dass es einen dann nicht zu hart trifft.“

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