Der Weiterbau der Radweg-Strecke zwischen Ahausen und Buggensegel soll demnächst starten. Mittendrin befinden sich die Waldwiesenameisen, lateinisch Formica pratensis, die sich dort schon lange in den Boden eingegraben haben. Sie haben Glück, denn ihre Nester und Höhlen befinden sich auf dem Grundstück eines Landwirtes, der, so Gregetz, viel Verständnis für die Natur habe. Er meldete den Vorgang dem BUND, dieser bat den ausgebildeten, ehrenamtlich wirkenden Ameisenheger um Hilfe.

Sieben Millimeter groß sind die Waldameisen, die sich mit Ameisensäure gegen – in diesem Fall vermeintliche – Feinde zur Wehr setzen.
Sieben Millimeter groß sind die Waldameisen, die sich mit Ameisensäure gegen – in diesem Fall vermeintliche – Feinde zur Wehr setzen. | Bild: Christiane Keutner

Ein merkwürdiges Hobby. Wie es dazu kam? „Schon als Kind habe ich mich für Ameisen interessiert, sie im ,Zirkus` auf einer Leine spazieren lassen, aber auch als Mutprobe gegessen, denn sie beißen in die Zunge.“ Aber lieber wollte er sie leben lassen. Irgendwann habe er die Ausbildung zum Ameisenheger gemacht, die er vor 20 Jahren erneuert hat und selbst Ausbilder wurde. Zwischenzeitlich ist er zweiter Vorsitzender des Landesverbandes Baden Württemberg der Deutsche Ameisenschutzwarte (DASW).

Klassische Musik zur Beruhigung

Während er begeistert von den Ameisen erzählt, die zu den höchst entwickelten Zivilisationen zählen, gräbt er mit seinen Händen vorsichtig die Erde mit den leicht aufgeregten Krabblern aus und lässt sie in die mitgebrachten Fässer gleiten. Darauf kommen ein paar Tannenzweige, damit die Tierchen nicht erdrückt werden. So geht es Schicht um Schicht, bis die Tonne halbvoll ist. Im Hintergrund läuft klassische Musik im Autoradio, ein Violinkonzert. „Zu meiner Beruhigung“, lacht Franz Gregetz, denn die Insekten können ganz nett agieren und einen meterlangen Strahl brennender Ameisensäure verspritzen – gezielt in Auge, Mund und Nase.

Zwei Völker haben sich etwas entfernt vom Straßenrand niedergelassen, unter einem Baum, der zwischenzeitlich gefällt wurde. Rund eine Million Ameisen, schätzt Franz Gregetz. Sie haben keinen Hügel aufgerichtet, wie man es im allgemeinen erwartet. „Hügel sind nur dazu da, um die Sonne einzufangen. Das ist hier nicht nötig, deshalb geht das Nest in die Tiefe.“ Jetzt rollt er die Fässer ins Auto und leert sie am Rande einer idyllischen Obstwiese eines Landwirtes aus.

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Der neue Lebens- und Arbeitsort ist um Klassen besser als die verkehrsreiche Straßenlage. Mit einem Tag Arbeit ist es längst nicht getan. Bis Ende 2021 wird der Umzugsspezialist mit den Völkern zu tun haben. Immer wieder innerhalb zwei Wochen muss er die Ameisen einfangen, die bei der Umsiedelung unterwegs waren und die versuchen, ein neues Nest am alten Standort zu bauen, aufsammeln und zu ihren Schwestern am Neustandort bringen. Sie alle müssen am neuen Standort betreut werden.

Vorsichtig schüttet Franz Gregetz die eingesammelten Ameisen an ihrem neuen Wohnort in Bestlage aus.
Vorsichtig schüttet Franz Gregetz die eingesammelten Ameisen an ihrem neuen Wohnort in Bestlage aus. | Bild: Christiane Keutner

Franz Gregetz muss schauen, ob sie genug zu fressen haben und eventuell zufüttern: Zuckerwasser oder Bienenfutterteig. Die Balance zwischen Kohlenhydraten und Proteinen muss stimmen. Das kann der Insektenliebhaber „einfach“ feststellen: Er legt das Köpfchen einer Ameise auf einen Fingernagel und wenn diese ein Tröpfchen aus ihrem Sozialmagen ausspeit, hat sie genügend Kohlenhydrate. Vermutet er zu wenig Protein, liefert Franz Gregetz Essen auf Rädern: Dann gibt es hartgekochte, gehackte Eier mit Semmelbröseln oder Mehl.

„Wenn ich viel Brut sehe, brauche ich mir über ihre Ernährung keine Gedanken zu machen.“ Die macht er sich übers Baumaterial. Ist zu wenig da, liefert er es. Schließlich muss der Ameisen-Königin ein neuer Hügel gebaut werden, damit sie ihre 20 bis 200 Eier täglich legen kann. Die vom Volk Gekrönte kann bis zu 28 Jahre alt werden.

Anzahl der Insekten geht zurück

Etwa 100 Stunden Arbeit investiert der 73-Jährige für die Umsiedelung eines Volks. Ist es das wert? „Ökologisch schon und das ist das einzige Kriterium, das zählt“, so Gregetz und verweist auf die drastisch zurückgegangene Zahl von Insekten. Es gehe darum, jeden Genpool zu erhalten. Ameisen sind Nahrung für den Wendehals, der in Hochstamm-Obstbäumen lebt und der seine Jungen nicht ohne Ameisen in großen Massen aufziehen kann.

Für den Betrachter ein chaotisches Gewusel, doch hinter dem Treiben der Ameisen steckt System.
Für den Betrachter ein chaotisches Gewusel, doch hinter dem Treiben der Ameisen steckt System. | Bild: Christiane Keutner

Die Chance, dass die Ameisen am neuen Ort wieder Fuß fassen liegt bei 80 Prozent, 20 Prozent verbleiben als Risiko. 100 Prozent beträgt die Leidenschaft von Franz Gregetz, der sie nicht nur zupackend auslebt, sondern auch vermittelt: Mit seiner mobilen Ausstellung, die mit lebenden Ameisen bestückt ist, betreibt er Öffentlichkeitsarbeit und geht in Schulen.

Einblick in das Erdhöhlensystem der intelligenten und emsigen Ameisen.
Einblick in das Erdhöhlensystem der intelligenten und emsigen Ameisen. | Bild: Christiane Keutner