Herr Schmidt, am 26. März referieren Sie bei einem öffentlichen Elternabend an der Grundschule Bermatingen zum Thema "Kindliche Medienwelten – erste Schritte im Netz". Welche Medien faszinieren Kinder überhaupt?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten, da es stark vom Alter abhängt. Bei Kindern im Grundschulalter sind es vor allem Angebote wie YouTube und digitale Spiele, die primär der Unterhaltung dienen.

Wie genau nutzen Kinder digitale Medien?

Jüngere nutzen digitale Medien als Ersatz für andere Medienangebote, dass heißt, sie sehen Filme nicht im Fernsehen, sondern auf Netflix oder laden Hörspiele bei einem Streamingdienst anstatt eine CD einzulegen.

Eine schwierige Wahl: Wenn Kinder im Alter zwischen sechs und 13 Jahren Computerspiele bewerten, vermittelt das auch Medienkompetenz.
Eine schwierige Wahl: Wenn Kinder im Alter zwischen sechs und 13 Jahren Computerspiele bewerten, vermittelt das auch Medienkompetenz. | Bild: ZVG

Bei älteren Kindern kommt dann zunehmend die Nutzung von digitalen Spielen und die Kommunikation mit Gleichaltrigen hinzu. Auch die Informationssuche spielt nun eine größere Rolle. Natürlich gibt es auch Kinder und Jugendliche, die das kreative Potenzial, das sich ihnen bietet, nutzen.

Gibt es einen einfachen Einstieg in die Medienerziehung?

Wichtig scheint mir, dass Eltern interessiert die Entwicklung der Kinder begleiten. Indem sie sich mit den Vorlieben der Kinder auseinandersetzen, sich beliebte Angebote gemeinsam mit ihnen anschauen oder spielen und so ins Gespräch kommen, was eigentlich die Faszination ausmacht.

Das Interesse an bestimmten Medien wie Fernsehsendungen kann auch der Anlass sein, um sich alternative Spielideen zu überlegen oder sich mit bestimmten Themen zu beschäftigen. Damit der gegenseitige Austausch möglich ist, sollte die Mediennutzung des Kindes interessiert verfolgt und nicht abgewertet oder diskreditiert werden.

Christian Schmidt
Christian Schmidt | Bild: Klaas, Manuela

Wie finden Eltern gute Medienangebote für Kinder?

Es gibt zahlreiche Ratgeber oder Portale im Internet, auf denen sich Eltern über Medienangebote für Kinder informieren können. Empfehlenswerte Anlaufstellen sind beispielsweise die Webseiten internet-abc.de oder klick-tipps.net. Schon für die ganz Kleinen existiert eine große Auswahl an Apps und Webseiten. Das ermöglicht eine erste Orientierung. Aspekte wie Altersfreigaben sind hier ebenfalls hilfreiche Kennzeichnungen.

Allerdings sind dies auch nur Anhaltspunkte und keine Unbedenklichkeitsempfehlungen. Wichtig ist, dass sich Eltern die Angebote auch selber anschauen und gemeinsam mit den Kindern ausprobieren. Jedes Kind ist anders, und Eltern kennen das eigene Kind am besten, wissen was es interessiert, mit was es umgehen kann und können so bei Bedarf auch reagieren.

Welche Rolle spielt das Elternhaus beim Erwerb von Medienkompetenz?

Eine ganz zentrale. Das familiäre Umfeld, der Umgang mit Medien, was den Kindern vorgelebt wird, der gewählte Erziehungsstil, die Mediennutzung von Geschwistern, die Ausstattung mit Medien zu Hause, dies alles hat einen großen Einfluss.

Spielt das Fernsehen im Alltag der Eltern eine große Rolle und nimmt es dazu in der Wohnung einen zentralen Platz ein, dann ist es naheliegend, dass Kinder sich dafür interessieren. Auch wenn Kinder mitbekommen, dass die Eltern ständig am Smartphone sind, prägt dies das Interesse.

Wie sieht es mit der Medienerziehung in Familien mit mehreren Kindern unterschiedlichen Alters aus?

Das ist natürlich eine besondere Herausforderung. Sicher ist, dass jüngere Kinder früher mit medialen Angeboten in Berührung kommen und auch früher Interesse für diese entwickeln.

In diesem Fall müssen sich die Eltern überlegen, wie sie damit umgehen, wenn ältere Geschwister zum Beispiel eine Fernsehsendung sehen möchten, die für sie durchaus geeignet, ist, für jüngere Geschwister jedoch nicht. So könnte man während der Fernsehzeit den jüngeren Geschwistern eine alternative Beschäftigungsmöglichkeit bieten.

Schaden Medien der frühen kindlichen Entwicklung?

Für die kindliche Entwicklung ist die Erkundung der Welt mit allen Sinnen wichtig. Untersuchungen deuten darauf hin, dass Medien hierbei negative Auswirkungen haben können und gerade Kleinkinder durch die Reizüberflutung auch kognitiv überfordert werden.

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Es gibt zudem Hinweise darauf, dass auch die Mediennutzung der Eltern, zum Beispiel des Smartphones, während sie mit den Kindern zusammen sind, negative Auswirkungen auf die Eltern-Kind-Beziehung hat. Daher ist es wichtig sich mit der Mediennutzung, gerade in Gegenwart von Kindern, bewusst auseinanderzusetzen und sie nicht zu überfordern. Das Smartphone als Babysitter ist kein förderlicher Ansatz.

Hat die Medienaffinität der Eltern Auswirkungen auf die Mediennutzung der Kinder?

Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass medienaffine Eltern gemeinhin die Chancen für ihre Kinder größer und die Risiken geringer einschätzen, als eher kritische Mütter und Väter.

Das spiegelt sich dann aber auch im vorgelebten Umgang mit Medien und der Medienausstattung im Elternhaus wider und diese Rahmenbedingungen haben wiederum Auswirkungen auf das Interesse und die Faszination und letztendlich auf die Mediennutzung.

Würden Sie eine Altersbegrenzung für die Benutzung von Bildschirmmedien vorschlagen?

Gerade Kleinkinder tun sich oft schwer, mediale Botschaften zu verstehen und einzuordnen. So ist beispielsweise das Fernsehen – für die meisten sicher nach wie vor das erste Bildschirmmedium – am Anfang noch eine Folge vieler bunter Bilder, die nicht kognitiv verarbeitet werden können.

Die Reizüberflutung überfordert die Kinder. Daher findet sich oftmals auch die Richtlinie, dass vor dem dritten Lebensjahr keine Bildschirmmedien genutzt werden sollten. Eine Aussage, die ich durchaus unterstützen kann. Grundsätzlich gilt, ganz gleich für welches Alter: Das Kind muss verstehen, was es sieht, um es verarbeiten zu können.

Was verstehen Sie unter Medienkompetenz?

Die Fähigkeit, Medien selbstbestimmt nutzen zu können. Dazu gehören verschiedene Aspekte, die sich auch in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Definitionen des Begriffs widerspiegeln.

Kurz gesagt, geht es einerseits darum, verschiedene mediale Angebote zu kennen, kritisch zu bewerten und letztendlich reflektiert auswählen zu können sowie um die Fähigkeit, an der medial vermittelten Kommunikation aktiv teilzunehmen oder kreativ mit Medien tätig zu werden, um eigene Ziele zu erreichen. Also eine Kombination aus dem Wissen über Medien sowie der rezeptiven und produktiven Nutzung.

Welche Chancen bieten die digitalen Medien den Kindern?

Sie bieten vielfältige Möglichkeiten, um sich gestalterisch auszudrücken, mit anderen zu kommunizieren und in Kontakt zu bleiben, aber auch, um Antworten auf Fragen zu finden wie beispielsweise bei YouTube oder in Experten-Communities.

Wie kann man Kinder bei ihren ersten Schritten im Umgang mit digitalen Medien am besten begleiten?

Einen sinnvollen Umgang mit Medien zu erlernen, ist ein Prozess. Dieser Lernprozess muss in kleinen Schritten erfolgen, wenn das Kind nicht überfordert werden soll. Alles, was aus dem Fernseher, dem Computerspiel oder aus anderen Medien auf kleine Kinder einströmt, kommt zunächst ungefiltert bei ihnen an.

Digitale Medien bieten vielfältige Möglichkeiten, um sich gestalterisch auszudrücken, mit anderen zu kommunizieren und in Kontakt zu bleiben, aber auch, um Antworten auf Fragen zu finden.
Digitale Medien bieten vielfältige Möglichkeiten, um sich gestalterisch auszudrücken, mit anderen zu kommunizieren und in Kontakt zu bleiben, aber auch, um Antworten auf Fragen zu finden. | Bild: Martin Schutt

Sie müssen erst noch lernen, wie sie das Gesehene und Erlebte einordnen und damit umgehen können. Daher ist es wichtig, dass Eltern interessiert sind. Sie sollten ein vertrauensvoller Ansprechpartner sein und sich gemeinsam mit den Kindern auch über eine altersgerechte Nutzung zu informieren. Und natürlich Regeln aufstellen.

Was halten Sie von strikten Zeitvorgaben?

Strikte Zeitvorgaben, wie beispielsweise jeden Tag zehn Minuten Fernsehen, halte ich für realitätsfremd. Besser finde ich, ein Zeitbudget für die wöchentliche Mediennutzung festzulegen, über das das Kind dann ähnlich wie beim Taschengeld mitbestimmen kann.

Als Anhaltspunkt für ein Zeitbudget können Richtlinien wie zehn Minuten pro Tag und Lebensalter als Orientierung dienen. Also siebzig Minuten Medienzeit für ein siebenjähriges Kind. Schwierig wird dies, sobald ein Smartphone ins Spiel kommt. Hier finde ich es wichtig, dass es strikte Ruhezeiten wie bei den Hausaufgaben, beim Essen oder eine gewisse Zeit vor dem Schlafen gehen gibt.

Wie können Kitas und Eltern einen kompetenten Umgang mit digitalen Medien fördern?

Indem sie das Interesse und die Erfahrungen der Kinder aufgreifen. So kann beispielsweise das Interesse an Fernsehserien, wie die des Feuerwehrmanns Sam, genutzt werden, um das Thema Feuerwehr in den Fokus zu rücken und die Realität mit dem Film zu vergleichen.

Aber auch der kreative Umgang mit der Kamerafunktion am Smartphone oder die Internetrecherche zu historischen Fakten beispielsweise bei der Besichtigung einer Burg. Hier tritt natürlich die Vorbildfunktion in den Vordergrund, indem Kinder ein kompetenter Umgang mit dem Medium vorgelebt wird.

Wie können sich Kinder sicher im Internet bewegen?

Die Geräte, die sie nutzen, müssen entsprechend eingerichtet werden. So sollten Kinder und Jugendliche eigene Benutzeraccounts verwenden und nicht mit Adminrechten am Computer der Eltern sitzen. Die Installation eines Pop-Up-Blockers, eines Virenscanners und einer Firewall sind Voraussetzungen, natürlich auch bei älteren Personen. Für Kinder wichtige und geeignete Angebote können als Lesezeichen hinterlegt sein, so dass sie nicht suchen müssen und so vielleicht auf ungeeignete Angebote kommen.

Letztendlich sollten sie aber auch die Risiken und Gefahren kennen und beispielsweise wissen, dass man persönliche Daten nicht einfach angibt oder nicht alles installiert. Wichtig ist auch das Gefühl, dass sie sich immer an ihre Eltern oder Vertrauenspersonen wenden können, wenn sie etwas merkwürdig finden oder nicht wissen, was sie gerade tun sollen. Die Begleitung durch die Eltern ist gerade bei jüngeren Kindern sehr wichtig.

Wann sind Kinder alt genug für ein Smartphone?

Wenn sie in der Lage sind, verantwortungsbewusst mit diesem Medium umzugehen. Dies impliziert, dass sie damit einhergehende Gefahren und Risiken kennen sowie sich an vereinbarte Nutzungsregeln halten. Ein bestimmtes Alter ist bei der Entscheidung nicht zielführend, auch wenn häufig der Übergang zur weiterführenden Schule als ein solcher Zeitpunkt genannt wird.

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Wie nutzen Kinder und Jugendliche heutzutage Medien für die Schule?

Das hängt letztendlich von der jeweiligen Schule und dem Lehrpersonal ab, inwiefern Medien in der Schule eingebunden werden, sei es als Lernmittel oder als Thema im Unterricht. Sieht man sich entsprechende Studien an, so zeigen diese, dass digitale Medien vor allem zur Recherche und zur Präsentation genutzt werden.

Sollten Medien ihrer Meinung nach intensiver in den Schulunterricht eingebunden werden?

Ich finde es wichtig, dass Medien bzw. die Medienwelten der Schüler auch im Schulunterricht stärker einbezogen werden. Das bedeutet nicht nur, dass der Umgang mit Computer, Tablet und Co. vermittelt wird, um beispielsweise Texte zu schreiben oder Präsentationsfolien zu erstellen.

Vielmehr sollten auch Themen wie digitale Umgangsformen, Datenschutz, Privatsphäre, aber auch die Funktionsweisen und der Aufbau des Internets angesprochen werden. Dazu braucht es aber nicht zwingend Computer oder Smartphones im Unterricht. Wenn diese allerdings als Werkzeuge zum Einsatz kommen, dann sollten sie sinnvoll und zielführend in das didaktische Unterrichtskonzept eingebunden werden.

Was kann man tun, damit die Mediennutzung nicht ausufert?

Die eigene Mediennutzung immer mal wieder reflektieren. Der verantwortungsvolle Umgang mit Medien betrifft ja nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern uns alle. Wenn ich durch die Stadt gehe oder mich in Restaurants umschaue, dann sind es nicht nur Kinder und Jugendliche, die auf ihre Smartphones schauen.

Eltern sollten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein und sich selbst handyfreie Zeiten verordnen. Gerade bei Mahlzeiten sollte das Handy tabu sein. Bei Kindern und Jugendlichen ist es wichtig, sie dabei zu unterstützen, diese reflektierte Haltung einzunehmen. Klar geht das am Anfang nur mit vorgegebenen Regeln, aber mit zunehmendem Alter kann man Kinder auch mehr mit einbeziehen.

Am Dienstag, 26. März hält Christian Schmidt an der Grundschule Bermatingen um 19.30 Uhr einen öffentlichen Vortrag zum Thema "Kindliche Medienwelten – erste Schritte im Netz". Interessierte Eltern können sich bis Freitag, 22. März, per E-Mail unter schule@gs-bermatingen.de anmelden.