Wo gibt es das noch: Raufen und rangeln, ohne dass gleich jemand dazwischenfunkt? Beim ersten Projekt von Schulsozialarbeiterin Eva Ziegler und dem Jugendbeauftragten Andreas Bolk war es sogar gewollt. Sie luden dazu Acht- und Neunjährige in die Sporthalle ein. "Raufen muss sein. Es ist ein natürliches Bedürfnis. Auf dem Schulhof darf man es nicht und dort muss es auch verhindert werden", sagt Eva Ziegler und Andreas Bolk fügt hinzu: "Dort wird es auch gleich als Gewalt ausgelegt."

Nicht so bei den Spielen auf weichen Matten und mit instruierten Teilnehmern. Acht Angemeldete, darunter zwei Mädchen, waren neugierig und wollten sich austoben. Eva Ziegler bezeichnet die Aggression, die in manchen schlummert, als gesund und das "Aus sich Herausgehen", Kräfte rauslassen, als etwas Positives. Es gehe auch nicht ums Gewinnen, eher um das Hin und Her und Kräftemessen.

Das begann bereits bei den Kommandos: Schon vor dem Startsignal wollten Ungeduldige beginnen, bevor sie die gesamte Aufgabe, die Stellung von Füßen, Händen und Armen, verinnerlicht hatten. Ein zackiges Kommando von Andreas Bolk und die Jungs spurten. Da wurde auch die kurze Auszeit auf dem Bänkle akzeptiert, die ein Junge für einen Verstoß gegen die Regeln kassierte. Diese waren zu Beginn mit einem Ballspiel "Faires Werfen" vermittelt worden. Dabei wurde auch der "innere Schiedsrichter" aktiviert. Gruppenspiele und Paar-Duelle wechselten sich ab und betonten die Intention.

Kräftemessen: Wem gelingt es, den anderen mit dem Ball wegzuschieben? Hier messen sich Paul und Mia, beobachtet von Eva Ziegler.
Kräftemessen: Wem gelingt es, den anderen mit dem Ball wegzuschieben? Hier messen sich Paul und Mia, beobachtet von Eva Ziegler. | Bild: Christiane Keutner

Verhaltensweisen für einen fairen Umgang miteinander galt es zu beachten – darüber hinaus ließen die Mitspieler ihren Kräften freien Lauf. Das machte sichtlich Spaß. "Ich liebe Kämpfen. Deswegen bin ich heute dabei", sagt Paul aus Ahausen. Dem Neunjährigen gefiel besonders, jemanden von der Matte zu drängen: "Gegen Jungs war es besser, die Mädels konnte ich einfach wegschucken", sagte er. Er freue sich, wenn er seinen Karatesport wieder aufnehmen könne.

 

Tauziehen aktivierte den Gemeinschaftssinn. Hier ziehen (von vorn) Paul, Tobias, Dominik und Mia an einem Strick.
Tauziehen aktivierte den Gemeinschaftssinn. Hier ziehen (von vorn) Paul, Tobias, Dominik und Mia an einem Strick. | Bild: Christiane Keutner

Toll fand Emil aus Bermatingen, dass so viele Spiele auf dem Programm standen. Besonders gefiel ihm das Tauziehen, "weil es Gruppenarbeit war und da musste man ein Team sein."

"Das ist mal etwas anderes", dachte sich die zehnjährige Milena aus Bermatingen, die Lust auf Sport und sich deshalb angemeldet hatte: "Ich fand gut, dass es Spiele gegeneinander waren, aber so, dass wir nicht für ewig zerstritten sind. Es hat einfach ein bissle Spaß gemacht, mal gegeneinander zu spielen."

Den Wert des Projekts hat Mutter Simone Richter erkannt: "Ich fand es wichtig, dass man weiß, wie man mit seiner Kraft umgehen muss und wo die Grenzen zwischen Spaß und Ernst sind. Dort aufzuhören, wo es den Gegner schmerzt. Man kann auch lernen, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss, Selbstbewusstsein aufbauen und trotzdem fair mit allen umgehen." Ihre Jungs seien aber anständig, fügt sie hinzu. Das galt für alle Teilnehmer, die sich jedoch im Temperament unterschieden: Der eine mal forscher, der andere eher verhalten.

Gibt es eine Wiederholung? "Wir wollen mal die Resonanz abwarten und falls es Interesse gibt, das Projekt nochmals anbieten", sagte Schulsozialarbeiterin Eva Ziegler.

Das Projekt

"Faires Raufen und Rangeln" heißt das erste gemeinsame Projekt von Schulsozialarbeiterin Eva Ziegler und dem Jugendbeauftragten Andreas Bolk, zu dem sie Kinder der Klassenstufen drei und vier in die Sporthalle eingeladen hatten. Es wurden Aufwärm- und Vertrauensspiele angeboten, Spiele zur Förderung von Gruppendynamik und Zusammenhalt sowie wettkampforientierte Spiele. Für alle galten Regeln für einen fairen Umgang im Gegen- und Miteinander. In den Spielen wurden die Kinder unterstützt, unter anderem eigene soziale Verhaltensweisen zu entwickeln.