Ein Entschluss – drei Seiten profitieren: Als Kerry Gansohr aus Salem-Neufrach sich entschied, bei der Sprungbrett-Werkstatt in Bermatingen ihr Freiwilliges Soziales Jahr zu leisten, hatten davon alle Vorteile: Sie, weil sie dadurch die Fachhochschulreife erlangt, danach an einer FH studieren kann und sich persönlich weiterentwickelte. Die Werkstatt, weil sie einen Ersatz für ihre bisherigen Zivildienstler hat, mit dem sie mehr leisten kann. Und die Klienten.

Erfahrungen sammeln

Ihre Mutter hatte von der Werkstatt für Menschen mit psychischer Erkrankung erzählt. Daraufhin hatte Kerry Gansohr Leiter Martin Hahn kontaktiert, wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Alles passte. Durch die Kooperation mit der Akademie Südwest des Zentrums für Psychiatrie Süd-Württemberg konnten die erforderlichen Seminar-/Bildungstage angeboten werden. Sie vermittelten beispielsweise Kenntnisse über Erziehung, psychiatrische Einrichtungen wurden besichtigt, entsprechende Krankheitsbilder vermittelt, sodass man sich in die Menschen hineinversetzen, sie verstehen und so besseren Zugang zu ihnen bekommen konnte. "Ich konnte Erfahrungen sammeln, empathisch werden, Berührungsängste verlieren und feststellen, dass die betreuten Leute sind wie du und ich", sagt sie.

Er macht alles richtig: Almir Ramadanovic. Die Betreuung im industriellen Montagebereich der Sprungbrett-Werkstatt Bermatingen gehörte zu den Aufgaben von Kerry Gansohr.
Er macht alles richtig: Almir Ramadanovic. Die Betreuung im industriellen Montagebereich der Sprungbrett-Werkstatt Bermatingen gehörte zu den Aufgaben von Kerry Gansohr. | Bild: Christiane Keutner

Ihre Aufgaben im vergangenen Jahr waren vielfältig und entsprachen den Interessen von Kerry Gansohr: In der Sprungbrett-Werkstatt konnte sie ihre Vorlieben für Technik, Gesundheit und Soziales verbinden. Im industriellen Bereich hat die 19-Jährige Arbeitsgruppen angeleitet, geschaut, welche Aufgaben wer übernehmen kann, bei Montagearbeiten unterstützt und die Qualitätskontrolle übernommen. Hier wurden Fahrradtaschen für das Unternehmen Vaude gefertigt und LED-Lampen für die Firma LTS in Tettnang. Die Werkstattarbeit und deren Organisation haben ihr am besten gefallen.

Sie half aber auch bei der Essensausgabe, bei hauswirtschaftlichen und hausmeisterlichen Aufgaben, lieferte und holte Material mit einem kleinen Laster, was auch eine Herausforderung war, und erwarb den Gabelstaplerführerschein: "Wer weiß, wofür ich den noch brauche", sagt sie schmunzelnd. Abwechslung brachte auch die Begleitung zum Bogenschießen, auf die Messe IBO, zum Kegeln, zur Besichtigung weiterer Betriebe und Werkstätten – Veranstaltungen, die die sozialen Kompetenzen der Betreuten stärken.

Er macht alles richtig: Almir Ramadanovic. Die Betreuung im industriellen Montagebereich der Sprungbrett-Werkstatt Bermatingen gehörte zu den Aufgaben von Kerry Gansohr.
Er macht alles richtig: Almir Ramadanovic. Die Betreuung im industriellen Montagebereich der Sprungbrett-Werkstatt Bermatingen gehörte zu den Aufgaben von Kerry Gansohr. | Bild: Christiane Keutner

"Ich wurde voll mit eingeplant. Das war cool, weil ich gemerkt habe, dass ich gebraucht werde", resümiert die FSJlerin ihr Jahr, das jetzt zur Neige geht. Sie wurde sorgsam eingelernt und es dauerte eine gewisse Zeit, bis sie alles verinnerlicht hatte, da die Aufgaben vielfältig und teilweise sehr anspruchsvoll, aber letzlich zu bewältigen waren.

Und die Konfrontation mit den betreuten Menschen? "Die war von Anfang an gut. Viele sind voll offen und haben mir gesagt, schön, dass du da bist. Früher bin ich nicht so schnell auf Menschen zugegangen. Das hat sich jetzt geändert." Gelernt habe sie, dass sie allgemein Menschen nicht mehr oberflächlich, nach ihrem Aussehen oder ihrer Art, beurteilt. Und sie sei selbstständiger und offener geworden, habe weniger Probleme, mit Älteren zu reden.

Martin Hahn nickt und sagt: "Die Menschen reifen in dem Jahr, sie machen alle einen großen Sprung in der Sprungbrett-Werkstatt. Meine Kollegen zweifelten anfangs, ob eine so junge und unerfahrene Frau alles richtig hinbekommt und waren von ihrer Entwicklung begeistert. Es ist schön, dass unsere Einrichtung ein Stück weit zur Entwicklung und Reifung beitragen kann. Heute will niemand Kerry Gansohr gehen lassen und wir bedauern alle, dass die Zeit schon vorbei ist."

Werkstatt

  • Die Sprungbrett-Werkstatt für Bermatingen ist eine anerkannte Werkstatt für Menschen mit seelischer Behinderung, beziehungsweise psychischer Erkrankung. Ihr Auftrag ist die berufliche Rehabilitation sowie die Umsetzung der Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Zugleich ist sie Partnerin für Industriekunden sowie private Auftraggeberin innerhalb verschiedenster Branchen. Diese sind industrielle Fertigung, Weberei und Töpferei.
  • Wer ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Sprungbrett-Werkstatt leisten will, kann sich an Martin Hahn, Telefon 0 75 44/95 27 12, martin.hahn@sprungbrett-werkstaetten.de wenden. Es beginnt in der Regel am 1. September und dauert zwölf Monate. Der Einsatz wird honoriert, er umfasst 25 Bildungs- und 26 Urlaubstage; Arbeitskleidung und Mittagessen werden gestellt, Sozial- und Krankenversicherungen übernommen, der Kindergeldanspruch bleibt erhalten. (keu)