Es rattert und es wird geschnattert – und das soll auch so sein: Acht Frauen und ein Junge sitzen in der „Guten Stube“ im Mesnerhaus und lassen die Nadel hurtig über Stoff laufen. Sie sind Teilnehmer der Nähwerkstatt, ein Integrationsprojekt mit interkultureller Begegnung, das die Integrationsbeauftragte der Gemeinde, Tatiana Ayala, ins Leben gerufen hat.

Zum Schluss ist die Freude groß über das Selbstgenähte. Mit den Teilnehmerinnen der Nähwerkstatt freuen sich Integrationsbeauftragte Tatiana Ayala (links) und Schneidermeisterin Silvia Schirliro (Dritte von rechts).
Zum Schluss ist die Freude groß über das Selbstgenähte. Mit den Teilnehmerinnen der Nähwerkstatt freuen sich Integrationsbeauftragte Tatiana Ayala (links) und Schneidermeisterin Silvia Schirliro (Dritte von rechts). | Bild: Christiane Keutner

Ihr Aufruf zu Spenden war erfolgreich: Bürger brachten Stoffe, Bügeleisen, Nähutensilien und stifteten sogar vier Nähmaschinen. Manche brachten ihre eigene mit, auch Tatiana Ayala lieh ihre aus. Ein Teil, wie etwa Nadeln, wurde selbst gekauft.

Hier lernen Teilnehmerinnen etwas Neues

Die Teilnehmerinnen kommen aus dem Irak, der Dominikanischen Republik, aus Peru, aus der Türkei. Auch zwei deutsche Frauen sind dabei. Einige sind Analphabetinnen und Frauen, „die nie rauskommen“, so Tatiana Ayala „Hier lernen sie etwas Neues, lernen andere Migranten und Deutsche kennen und ein wenig Deutsch. Außerdem haben die Frauen die Chance, etwas für sich zu machen.“

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Silvia Schiliro gibt den Ton an, springt hier ein, gibt dort einen Ratschlag. Die Schneidermeisterin mit eigenem Modeatelier in Friedrichshafen ist durch ihre Kurse an der Volkshochschule jeder Situation gewachsen. Bei einem Kurs hatte sie auch Tatiana Ayala kennengelernt: „Ich fand ihre Idee sehr schön und habe zugesagt. Ich bin sehr offen und freue mich, dass so viele Freude daran haben und voller Begeisterung sind.“

Vorschläge für die nächste Näharbeit zeigt Silvia Schirilo (Schneidermeisterin) Naironz Abou.
Vorschläge für die nächste Näharbeit zeigt Silvia Schirilo (Schneidermeisterin) Naironz Abou. | Bild: Christiane Keutner

Sie hat jeder Teilnehmerin Schneiderkreide und ein Maßlineal geschenkt. Auch sie war gespannt auf die Resonanz: „Niemand wusste, was auf uns zukommt.“ Doch der Start war souverän, strukturiert ging es zur Sache. Die Fachbegriffe wurden auf Deutsch erklärt und jeder dazu aufgefordert, nachzufragen, wenn etwas nicht verstanden wird.

Zunächst entsteht ein Nadelkissen

Gleich bei der ersten Aufgabe haben die Frauen Erfolg, ein Nadelkissen entsteht. Sie strahlen. Die meisten haben überhaupt keine Nähkenntnisse, eine kann ein „bisschen“ nähen, war aber bisher nur eine altmodische Maschine mit Pedal gewöhnt.

Stolz präsentiert der zwölfjährige Mohammed Hemadeh seinen selbst genähten Schal.
Stolz präsentiert der zwölfjährige Mohammed Hemadeh seinen selbst genähten Schal. | Bild: Christiane Keutner

Nähen ist nicht ausschließlich Frauensache. Mohammed Hemadeh ist mit seiner Mama gekommen. Der Zwölfjährige fertigt am zweiten Samstag bereits einen Schal mit zwei Farben, bügelt ihn eigenhändig, schlingt ihn um den Hals und grinst stolz: „Ich mag nähen und kenne das von meiner Oma. Wenn etwas kaputt geht, kann man das reparieren, das ist schön.“ Seine Mutter fertigt ein Kissen mit dem auf Textil gedruckten Babyfoto ihres Sohnes.

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Andere kreieren Taschen, Mützen, Ulas Seher eine Patchworkdecke für ihr Enkelkind. „Ich möchte gerne etwas lernen“, sagt die gebürtige Türkin, die vor 20 Jahren nach Deutschland gekommen ist. Sie hatte immer gearbeitet, jetzt etwas Zeit und genießt das Zusammensein mit anderen.

Marlene Jimenez will Kenntnisse erweitern

Marlene Jimenez, 41, aus Peru gefällt Handarbeit. Sie möchte auch etwas lernen. Sie hatte bereits einen Nähkurs mitgemacht, möchte ihre Kenntnisse jetzt erweitern. „Ich habe nicht alles richtig gemacht“, stellt sie fest, als sie verschiedene Techniken gezeigt bekommt. Ihr schwebt genähte Dekoration vor und ein Stofftier für das Töchterchen.

Natalie Kolb: „Und hier macht es Spaß“

Natalie Kolb, 40, aus Bermatingen hatte bei Schneiderin Silvia Schiliro einen Kurs belegt und wollte nun darauf aufbauen. „Ich finde es auch toll, dass man sich samstags hier trifft mit dem Hintergrund, dass sich die Frauen hier integrieren, und es ist geschickt, wenn ein paar Deutsche dabei sind. Und hier macht es Spaß“, findet sie.

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Merlina Kosellek, 29, aus den USA, kommt ursprünglich aus der Dominikanischen Republik. Seit drei Jahren wohnt sie in Bermatingen. In der Nähwerkstatt möchte sie Kleider, Hut und Schal für den zweijährigen Sohn nähen.

Begegnungen auch außerhalb des Projekts

Schnell hat sie sich mit einer anderen Teilnehmerin angefreundet und hofft auf Begegnungen auch außerhalb des Projekts. „Deutsch ist sehr schwierig, aber ich denke, dass ich hier die Sprache etwas lerne“, sagt sie auf Englisch. „Das ist sehr gut, dass es so ein Projekt gibt. Ich mag es und ich kann von jedem etwas lernen.“

Hier entstehen neue Kontakte

Zum Schluss wird gemeinsam aufgeräumt, Kaffee gekocht und Kuchen verzehrt, der von den Teilnehmerinnen mitgebracht wurde. Zeit, sich mit allen zu unterhalten, gerade mit Blick auf das Selbstgenähte, verbunden mit Stolz und Genugtuung und dem Wissen um neue Kontakte.