Umso größer war die Spannung, was die Spiele in Südkorea bringen würden. "Eine Gewissheit hat man nie", sagt Ralf Jegler, dessen Gesicht leuchtet, wenn er von den Goldmedaillen in den Disziplinen Super-Ski, Abfahrt und Riesentorlauf berichtet. "Das war ein unbeschreibliches Gefühl. Eine Medaille hat man sich ein bissle erhofft, dass es drei werden, ist unglaublich", sagt der 53-Jährige, und: "Bei der dritten hatte ich Tränen in den Augen." Er habe auf dem Boden gesessen, die Trainer aller Nationen hatten gratuliert. Eine sportlich-faire Geste und normal bei den paralympischen Wettbewerben, die für ihn mit einem Glanzpunkt endeten: "Der schönste Moment war, mit dem Athleten zur Medaillenübergabe zu reisen und mit IOC-Präsident Thomas Bach schwätzen zu können."

"Angefressen vom Job"

Erfolg spielt für Ralf Jegler eine große Rolle: "Ich mag ihn. Ich will ihn – deswegen bin ich Trainer. Wenn ich schon so viel Zeit reinhänge, dann möchte ich auch Ergebnisse sehen. Skifahren ist mein Leben. Für mich ist der Job das Leben. Wenn du den machen willst, musst du angefressen sein." Und das ist er. Ralf Jegler macht sich extrem viele Gedanken über jeden Einzelnen. Das sei notwendig, um weiterzukommen. Da gehört alles dazu: Skitechnik mit vielen kleinen, individuell abzustimmenden Hilfsmitteln, die, richtig eingesetzt, große Wirkung zeigten. Etwas Psychologie, mentales Coaching, was er aber teils überbewertet findet: "Wenn du 200 Tage im Jahr mit den Menschen zusammen bist, dann kennst du ihn."

Auch Durchsetzungsvermögen gehört dazu – ein schöneres Wort für seine Art "manchmal mit dem Kopf durch die Wand zu gehen", wider die Vorstellungen der Funktionäre. "Politik macht ihr – und ich mache meine Arbeit", sagt er ihnen unverblümt – die Erfolge geben ihm Recht. Dabei kann er sich in der Schweiz auch relativ vieler Gönner sicher sein. Denn die Logistik verschlingt mehr Geld als bei den Sportlern ohne Handicap. Apropos: Für die Organisation ist Ralf Jegler ebenfalls zuständig. "Ich bin das Reisebüro", lächelt er. Er bucht Flüge, Fähre, Hotels, reserviert Trainingspisten.

180 bis 200 Tage im Jahr unterwegs

Das nimmt alles viel Zeit in Anspruch. 180 bis 200 Tage im Jahr ist er unterwegs, 60 000 Kilometer jährlich. Die "ruhigen" Tage zuhause in Ahausen im Holzhaus der Familie sind auch eher von Aufbruch geprägt. Aktuell steht eine Fortbildung für den Bayrischen Behindertensportverband an und er bildet Trainer im Deutschen Skiverband aus. Zudem nutzt er die Zeit, um selbst aktiv zu sein: mountainbiken, radeln, golfen, er unternimmt Einiges mit seiner Frau Uschi, "weil sie doch einige Entbehrungen hat". Sie trage das Ganze mit, sonst würde sein Leben in dieser Form nicht funktionieren. Das ist sehr abwechslungsreich. Ein geregelter "9 to 5-Job" käme für ihn gar nicht in Frage.

Immer unterwegs: Ralf Jegler kann sein Auto bald sein zweites Zuhause nennen: Jährlich nimmt er rund 60.000 Kilometer unter die Räder.
Immer unterwegs: Ralf Jegler kann sein Auto bald sein zweites Zuhause nennen: Jährlich nimmt er rund 60.000 Kilometer unter die Räder. | Bild: Christiane Keutner

Jede Menge Skischuhe und Dämpfer ausprobiert

Der Reiz, das Neue und die Herausforderung waren auch der Grund für seinen Wechsel für des damals 50-Jährigen, vor drei Jahren in die Schweiz zum Training und Betreuung behinderter Sportler. Nach kurzer Überlegung ging er das Wagnis ein: "Ich dachte, man darf das nicht komplizieren. Ich hab mir die Skitechnik angeschaut, wie sie funktioniert, wir haben drei Jahre hart gearbeitet – und jetzt die Belohnung bekommen." Dabei musste sich Jegler schon auf eine andere und intensivere Art von Training einstellen, die auch mehr Beziehung mit sich bringt: "Ich habe jeden Tag Körperkontakt, denn manche Sportler sind halbseitig oder bis fast zum Hals gelähmt, ihnen fehlt ein Bein oder ein Arm." In der Vorbereitung auf Olympia probierten sie extrem viele Skischuhe und Dämpfereinstellungen für den Mono-Ski, einen Bob.

Respekt gegenüber Leistungen der Athleten

Die Ansprüche, die Ralf Jegler an sich stellt, fordert er auch von seinen Schützlingen, wobei sie die Einstellung teilen: Sport ist das Wichtigste. "Wir gehen sehr kritisch miteinander um – sonst kommt man nicht weiter." Dabei stellt er schon einen Unterschied zwischen den "normalen" und den behinderten Athleten fest: "Die jüngeren Leute entwickeln einen Ehrgeiz, da können sich viele eine Scheibe abschneiden." Über den Extremsport hinaus meistern sie ihr "ganz normales" Leben, sind verheiratet, haben Kinder, studieren.

Bereut oder bedauert hat Ralf Jegler nichts in seinem Leben. Auch nicht, dass er selbst keine – wie er lapidar sagt – "nennenswerte" Karriere als Rennskifahrer gemacht hat – als Trainer ist er umso erfolgreicher. Der 53-Jährige wirkt spektakulär unaufgeregt. "Ich muss nicht im Vordergrund stehen. Der Athlet ist das Wichtigste."

Zur Person

Ralf Jegler, 53, stammt aus Salem-Mimmenhausen. Nach Abschluss der Realschule und der Ausbildung zum Maurermeister in Sigmaringen studierte er Diplomsport in Magglingen/Schweiz. Mit 25 Jahren erwarb er beim Deutschen Skiverband die staatliche Skilehrer- und Trainer-A-Lizenz und arbeitete anschließend 20 Jahre für den Verband. Er trainierte die Damen im Slalom- und Riesentorlauf bis zum Weltcup. Elf Jahre Trainertätigkeit in Liechtenstein folgten, zunächst bei den Damen, später war er Cheftrainer der Herren. Seit drei Jahren ist er Headcoach im Swiss Paralympic-Skiteam. Ralf Jegler ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter, Sibirian-Husky Shana und lebt seit 15 Jahren in Ahausen. Früher kickte er beim SV Bermatingen mit, heute fehlt die Zeit, sich in einem Verein zu engagieren. Seine Hobbys sind allgemein der Sport; Bergwandern mag er am liebsten. (keu)