Schon auf dem Flur schlägt dem Besucher Kaffeeduft entgegen und er hört durch die Tür angeregte Gespräche und Lachen: Zum dritten Mal hatte die Gruppe "Bürger füreinander" zum "Internationalen Kaffee" eingeladen. Und tatsächlich: Vier Nationen unterschiedlicher Kontinente sitzen an den vollbesetzten, Tischen: Gäste aus Sri Lanka, Indien, Syrien, Kroatien und Deutsche. Mittendrin die beiden Claudias, Hafen und Veeser, närrisch verkleidet. Passend zur Jahreszeit erklären "Birne" und "Apfel" ihr Häs und erzählen, wie die Fasnacht in Ahausen verläuft, wie die Masken zustande kamen. Klar, dass der Narrenruf geprobt wird: "Moscht", rufen die beiden, "Obst", antworten lautstark die Besucher, die sehr am deutschen Kulturgut interessiert sind.

Leonhard aus Kroatien hat heute Geburtstag, da kommt die Kaffeetafel gerade recht. Morgens schon hat er in seiner Familie das jährliche Ritual genießen können: Kerzen ausblasen auf dem extra für ihn gebackenen Kuchen und Geschenke auspacken: Ein Handy! Die Feier abends mit Freunden und der Familie musste allerdings um eine Woche verschoben werden.

Nach Kaffee und selbstgebackenem Kuchen wurde eine Runde Uno gespielt. Von links Ali Yousif, Christa Schellhammer, Maryam und Redoz Yousif.
Nach Kaffee und selbstgebackenem Kuchen wurde eine Runde Uno gespielt. Von links Ali Yousif, Christa Schellhammer, Maryam und Redoz Yousif. | Bild: Keutner, Christiane

Christa Schellhammer sitzt am Ende der langen Tafel und spielt mit Familie Yassif aus Syrien "Uno". Seit eineinhalb Jahren wohnt die Familie in Bermatingen. Sohn Redoz spricht akzentfrei Deutsch und verbessert Vater Ali hin und wieder, der sich ebenfalls sehr gut ausdrücken kann und die schwierige B 1-Prüfung bestanden hat.

"Da kommt der Held der Arbeit", empfängt Pate Thomas Müller einen seiner Schützlinge mit ausgebreiteten Armen und erzählt mit dessen Einverständnis, wie sich die Familie Domani aus Syrien einen Platz in der Gesellschaft erobert. Während die Ehefrau, eine ehemalige Analphabetin, nach Hauptschulabschluss jetzt in Weingarten eine Ausbildung zur Kindererzieherin absolviert, kümmert sich der Mann um die Kinder, jobbt freitags und an den Wochenenden, wenn seine Frau zuhause ist. Abends besucht er noch einen Deutschkurs. Ehrenamtliche unterstützen das Paar beim Lernen.

Neben den Geflüchteten – manchmal kommen auch Bewohner aus der Gemeinschaftsunterkunft -, sind zu den Café-Terminen jegliche Interessierte eingeladen, sowie "alle, die gerne wissen wollen, welches interessante Publikum wir hier in Bermatingen haben", so Carola Uhl von "Bürger füreinander".

Sie freuen sich gemeinsam über den Fortschritt, den Rodin Muslem (links) unter anderem dank der Hilfe von Gabriele Gomm gemacht hat.
Sie freuen sich gemeinsam über den Fortschritt, den Rodin Muslem (links) unter anderem dank der Hilfe von Gabriele Gomm gemacht hat. | Bild: Keutner, Christiane

Sie hatte in ihrem Willkommensgruß zur traditionellen Vorstellungsrunde gebeten und freute sich, dass Lernbegleiter für das Paradebeispiel an Integration vermittelt wurde: Rodin Muslem, ein syrische Kurdin, konnte weder lesen noch schreiben. Vor drei Jahren kam die heute 18-Jährige nach Deutschland. Nach eineinhalb Jahren Vorbereitungsklasse wurde sie in die achte Klasse im Bildungszentrum Markdorf eingestuft, ist jetzt in der neunten und macht den Hauptschulabschluss. Danach möchte sie noch in die Realschule und strebt den Beruf der PTA an: "Das Praktikum in der achten Klasse in der Bermatinger Apotheke hat mir soviel Spaß gemacht und mein Bruder empfiehlt mir diesen Beruf auch. Das ist im sozialen Bereich, man kann Menschen helfen und sie beraten." Heute hat sie das Ehepaar Christa und Gisbert Schellhammer gefunden, das ihr hilft, ihre Noten in Mathe und Englisch zu verbessern. In Deutsch hat sie eine zwei!

Ziel des Treffs ist nicht nur Integration: Ganz nebenbei und somit als Selbstverständlichkeit gegeben, wird Gleichstellung, Akzeptanz und Toleranz vermittelt. "Jeder wird gleich behandelt, Mann und Frau, Christen und Moslems, egal ob arabisch, kurdisch oder christlich, und die Hautfarbe spielt auch keine Rolle. Das haben die Geflüchteten ein bißchen verinnerlicht", so Carola Uhl.

Workshops und Seminare

  • Ehrenamtliche, die sich um Geflüchtete kümmern wollen, werden mit vielen Fragen konfrontiert. Deshalb organisierte Tatiana Ayala-Cerna, die Integrationsbeauftragte der Gemeinde Bermatingen, Workshops. Sie sind kostenlos und finden in Bermatingen im Mesnerhaus in der Schulstraße 16 von 15 bis 18 Uhr statt. Die Termine sind: Konfliktmanagement am Freitag, 22. März, sowie Umgang mit Frustrationen am Freitag, 12. April. Anmeldung unter Tel. 0 75 44/95 02-31 oder per E-Mail an tatiana.ayala-cerna@bermatingen.de.
  • Seminare für Ehrenamtliche im Rahmen des Landesprogramms Qualifiziert.engagiert gibt es über und in der VHS Friedrichshafen: am Donnerstag, 21. März, 18 Uhr, Diskriminierung und Rassismus reflektieren – engagiertes Handeln ermöglichen, Tagungsraum 2, GA1142QE; Mittwoch, 13. März, 17.30 Uhr, Lernen lernen, Tagungsraum 2, GA1144QE; Samstag, 23. März, 9 Uhr, Interkulturelle Jugendbegegnungen gestalten, Tagungsraum 1, GA1146QE; Donnerstag, 16. Mai, 18 Uhr, Leben in Vielfalt – Das Wir in der Migrationsgesellschaft, Tagungsraum 2, GA1148QE. Genauere Informationen im Internet unter www.vhs-fn.de. Eine Anmeldung zu den Seminaren bei der VHS ist unter Tel. 0 75 41/2 03-34 34 oder per E-Mail an info@vhs-fn.de möglich.
  • "Bürger füreinander" ist ein Zusammenschluss, der für Menschen in Bermatingen Hilfen im Alltag vermitteln. Darüber hinaus kümmern sich die Ehrenamtlichen um Geflüchtete. Sie betreuen, unterrichten, begleiten sie zu Terminen und Behördengängen: Tel. 0 75 44/9 67 99 96 oder mittwochs von 11 bis 12.30 Uhr im Mesnerhaus. (keu)