Die These, dass man nicht mehr als sieben Minuten zuhören kann, widerlegten die interessierten Bermatinger, Markdorfer und Gäste, die sich zur Führung mit Hermann Zitzlsperger zum Tag des offenen Denkmals eingefunden hatten, um ein Vielfaches. Das kann man dem Vortragenden zuschreiben, der in gewohnt unterhaltsamer, dennoch fundierter Manier lebendig über "Totes" erzählte. Über Balken, Bräuche, Benehmen, Bürgergeld und ehemalige Bermatinger und mit seiner Erzählkunst sicher ein Ziel erreichte: Dass man sich erinnert – und vielleicht den einen oder anderen Brauch in seiner ursprünglichen Form wieder aufleben lässt.

Mit dem ehemaligen Salemer Amtshaus, dem Gasthaus "Adler" verknüpfte er das Motto "Entdecken und erfahren, was Bürger in Bermatinger mit Geschichte verbindet". Dort wirkte ein Ammann, der örtliche Vertreter der Klosterherrschaft. Er hatte im 15. Jahrhundert eine Doppelrolle, war Herrschaftsvertreter und an der Spitze der dörflichen Selbstverwaltung, was dem Amt des Bürgermeisters eher nahe kam. Der Ammann hatte auch "Umgeld" für den Wein festzusetzen.

Verbot des Zuprostens, um den Konsum einzudämmen

Bis 1530 konnte man ihn sorglos trinken. Dann aber erging vom evangelisch geprägten Konstanz das Verbot des Zuprostens, um den Konsum einzudämmen: War man damals nahezu verpflichtet, einen Schluck zu nehmen, sobald jemand ihn am Ärmel zupfte oder zunickte und das Glas hob, wollten die "Evangelischen" das verhindern. Doch knitz hoben die Bürger künftig das Glas zum Wohle von Josef, dem Zimmermann. Dagegen konnte die Kirche doch nichts haben. "Da hat man sich im Laufe des Abends durch die ganze Heilige Familie zugeprostet", so Hermann Zitzlsperger.

Gerne erinnerte er auch an den von Pfarrer Hansjakob hochgelobten Balleron, einen Ring Fleischwurst, zu dem sich Handwerker am späten Vormittag trafen, sich dabei Aufträge zuschacherten und Ortspolitik machten. Niemand mehr kenne den Balleron, bedauerte Zitzlsperger – doch Halt! Ein Hagnauer berichtete vom wiederbelebten Brauch beim Museumsfest in Hagnau.

Erinnerung an Bräuche wie das Eierlesen

Darüber und über den Einwurf freute sich Zitzlsperger, der an weitere Bräuche wie das Eierlesen in Bermatingen erinnerte, wie man am Fachwerk erkennen konnte, ob in den Häusern arme oder reiche Leute wohnten und dass man noch vor knapp 200 Jahren Einstandswein, -brot und Käse von Personen verlangte, wenn man Bürger in einer Gemeinde werden wollte, damit sie der Gemeinde nicht zur Last fielen.

Reich sein kann man aber auch im anderen Sinn: "Ein Ort ist nur reich, wenn möglichst viele die Geschichte kennen und leben", meinte Hermann Zitzlsperger. Dazu hatte er wieder einmal erfolgreich beigetragen.