Überlingen Wettbüros schießen aus dem Boden - Stadt kann Ansiedlung nicht verhindern

Die Abstandsregeln für Spielhallen gelten bei der Ansiedelung von Wettbüros in einer Gemeinde nicht. Wo das Aufstellen von Spielautomaten aus rechtlichen Gründen untersagt wurde, lassen sich in Überlingen jetzt teilweise Wettbüros nieder.

Intensiv hat sich die Stadt im Vorjahr mit einem Vergnügungsstättenkonzept und einer möglichen Steuerung der Ansiedelung von Spielhallen befasst. Inzwischen sind auch Wettbüros auf dem Vormarsch. Im Mai 2016 hatte der Gemeinderat sein Konzept verabschiedet, bei dessen Vorstellung Roland Kahnert vom Büro Dr. Acoccella (Lörrach/Dortmund) schon auf den Unterschied zwischen Spielsalons mit Glücksspielautomaten und Wettbüros hingewiesen hatte. Die beiden Arten von Vergnügungsstätten fallen zwar in eine ähnliche Kategorie, doch gelten unterschiedliche Kriterien bei der Genehmigung. Dies ist seit einigen Wochen deutlich sichtbar, denn inzwischen haben sich die ersten Wettbüros in der Stadt niedergelassen. Teilweise exakt an einem Standort, an dem die Stadt die Ansiedlung eines weiteren Spielsalons mit Erfolg verhinderte. 

Nahe des Ostbahnhofs, In den Mühlen, hat Tobias Flohr im April ein Wettbüro des Anbieters Tipwin eröffnet. "Es läuft gut", sagt er: "An Bundesligawochenenden kommen hier 20 bis 30 Sportinteressierte zusammen."
Nahe des Ostbahnhofs, In den Mühlen, hat Tobias Flohr im April ein Wettbüro des Anbieters Tipwin eröffnet. "Es läuft gut", sagt er: "An Bundesligawochenenden kommen hier 20 bis 30 Sportinteressierte zusammen." | Bild: Hanspeter Walter

"Man will Vergnügungsstätten nicht überall haben", hatte der Experte die Formulierung einer Konzeption begründet. "Doch man kann sie nicht vollständig verhindern, weil es eine reguläre gewerbliche Nutzung ist, die in einer Gemeinde irgendwo ihren Standort haben muss." Am hilfreichsten sei es daher, Gebiete zu definieren, wo Vergnügungsstätten zulässig sein sollen und wo nicht. Spielhallen gelten bei Stadtplanern als Indiz oder Einstieg in einen sogenannten "Trading-Down-Prozess". Auf der anderen Seite werden die Gefahr der Spielsucht und der Kinder- und Jugendschutz gesehen. Damals gab es acht Spielhallen, im Bommer-Center, in der Innenstadt und im Gewerbegebiet. 

Inn zentraler Lage am Hochbildkreisel hat im Juli die Firma Playlife Sports aus Konstanz ein Wettbüro des Anbieters Tipico eröffnet.
Inn zentraler Lage am Hochbildkreisel hat im Juli die Firma Playlife Sports aus Konstanz ein Wettbüro des Anbieters Tipico eröffnet. | Bild: Hanspeter Walter

"Wir haben noch keine Wettbüros", sagte Roland Kahnert damals: "Die werden aber kommen, das ist unvermeidlich." Nicht einmal ein Jahr dauert es, bis Kahnerts Prognose sich bewahrheitete. Im April eröffnete Tobias Flohr als Franchise-Partner von Tipwin ein erstes Büro In den Mühlen unmittelbar beim Bahnübergang. Mehrere Anläufe zur Genehmigung einer Spielhalle durch andere Betreiber waren hier gescheitert. Zunächst war die zulässige Fläche überschritten, dann fasste der Antragssteller zwei kleinere getrennte Angebote ins Auge. Aufgrund des vorgeschriebenen Mindestabstands zur nächsten weiterführenden Schule, der 500 Meter beträgt und geringfügig unterschritten war, wurde die Genehmigung verweigert.

Aus stadtplanerischer Sicht fallen Spielhallen und Wettbüros zwar in dieselbe Kategorie, doch während wrstere dem Glückspielstaatsvertrag und den darauf zumindest in Baden-Württemberg fußenden Abstandsregeln unterliegen, tun die Wettbüros dies nicht. "Glücksspielrechtlich kann ein Sportwettbüro zulässig sein an einer Stelle, wo eine Spielhalle wegen des Abstandsgebotes von 500 Meter zu Einrichtungen für Kinder und Jugendliche (§ 42 LglüG, Landesglückspielgesetz) verboten ist", bestätigt auch die Pressestelle des zuständigen Regierungspräsidiums Karlsruhe. "Denn für Sportwettbüros oder -annahmestellen gibt es nach LGlüG kein Abstandsgebot."

Das Wettbüro Tipwin beim Ostbahnhof scheint gut angelaufen. Franchisegeber ist die gleichnamige Buchmacherfirma in Malta, deren deutsche Zentrale in Köln sitzt. "Ich bin sehr zufrieden", sagt Betreiber Tobias Flohr. "An Bundesligawochenenden sind hier 20 bis 30 Leute, schauen die Spiele an und wetten." Wetten abschließen kann man auch auf Fußballspiele in Korea oder Indonesien, auf Tennisturniere in Japan oder Handball in Spanien. Wer registriert ist, kann dies auch online von zuhause tun. Was die Suchtgefahren angeht, hat Flohr keine Bedenken. "Beim Alkohol bestehen diese doch auch. Doch das wird in der Gesellschaft eher akzeptiert."

Nahe des Ostbahnhofs, In den Mühlen, hat Tobias Flohr im April ein Wettbüro des Anbieters Tipwin eröffnet. "Es läuft gut", sagt er: "An Bundesligawochenenden kommen hier 20 bis 30 Sportinteressierte zusammen."
Nahe des Ostbahnhofs, In den Mühlen, hat Tobias Flohr im April ein Wettbüro des Anbieters Tipwin eröffnet. "Es läuft gut", sagt er: "An Bundesligawochenenden kommen hier 20 bis 30 Sportinteressierte zusammen." | Bild: Hanspeter Walter

Mitte Juli hat sich direkt am Hochbildkreisel die Playlife Sports aus Konstanz als Franchisenehmer mit einem Wettbüro des Branchenriesen Tipico niedergelassen, der ebenfalls auf Malta seinen Hauptsitz hat. Auch hier flimmern inzwischen Sportereignisse aus aller Welt über riesige Bildschirme, hier können Interessenten an Terminals ihre Wetten abschließen. Dazu gehören Livewetten: wer beim Supercupfinale zur Halbzeit führt oder wer die erste Gelbe Karte kassiert. Das Wettprogramm der Woche umfasst viele Din-A-4-Seiten.

Inn zentraler Lage am Hochbildkreisel hat im Juli die Firma Playlife Sports aus Konstanz ein Wettbüro des Anbieters Tipico eröffnet.
Inn zentraler Lage am Hochbildkreisel hat im Juli die Firma Playlife Sports aus Konstanz ein Wettbüro des Anbieters Tipico eröffnet. | Bild: Hanspeter Walter

Dass es inzwischen häufiger zu Kontroversen über die Ansiedlung von Wettbüros kommt, weiß Dominic Sauer aus Frankfurt nur zu gut. Er ist PR-Chef von Tipico für Deutschland und hebt Unterschiede zu Spielhallen hervor. Die gesetzlichen Abstandsregelungen für Spielhallen seien von Gerichten "nur deshalb ausnahmsweise akzeptiert, weil die von dem Spiel an Geldspielgeräten in Spielhallen ausgehenden möglichen Suchtgefahren auch nach den gerichtlichen Feststellungen am gravierendsten sind". Die möglichen Gefahren, die von dem Spiel an Geldspielgeräten ausgehen, seien signifikant höher als bei Sportwetten.

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