Überlingen Warum ein Bodensee-Schifffahrts-Unternehmen sauer auf die AfD und Alice Weidel ist

Spitzenkandidatin Alice Weidel hat in Überlingen eine Wahlkampfveranstaltung auf der MS Gunzo abgehalten. Das Ausflugsschiff wurde im Vorfeld für eine "private Brunchfahrt" gebucht. Das Schifffahrt-Unternehmen Held sieht sich getäuscht - und spendet nun die Einnahmen an die Überlinger Flüchtlingshilfe.

Da staunten einige nicht schlecht, als am Sonntag kurz vor 11 Uhr ein Kamerateam des ZDF auf dem Landungsplatz in Überlingen auftauchte. Aber nicht nur Passanten schauten verdutzt, auch die Mitarbeiter des Schifffahrtsunternehmens Held waren perplex. Vor allem, weil kurz zuvor noch eine Dame auf die Mitarbeiter zugekommen war und gefragt hatte, ob hier das Schiff der AfD-Veranstaltung ablege.

Bis zu diesem Zeitpunkt war die Besatzung des Schifffahrtsunternehmens davon ausgegangen, dass sie die MS Gunzo für eine „Brunchfahrt unter Freunden“ für einen Überlinger Privatmann bereithält. „Wir haben eine Buchung für zunächst etwa 70 Personen erhalten“, berichtet Inhaberin Susanne Held, die die Buchungen entgegen nimmt. „Kurz vor der Fahrt erhöhte sich die Zahl dann plötzlich auf 120.“ Selbst auf Nachfrage im Zuge der Buchung war mit keiner Silbe erwähnt worden, dass es sich um eine AfD-Wahlkampfveranstaltung mit Spitzenkandidatin Alice Weidel handelte. So jedenfalls war die Fahrt auf der Internetseite der Partei unter „Aktuelle Termine“ zu finden. Die Mitarbeiter des Schifffahrtsunternehmens verhinderten auf dem Schiff noch, dass Wahlplakate angebracht wurden. Die Gesellschaft wurde aber dennoch transportiert. 

Die MS Gunzo bei der Anfahrt auf den Überlinger Landungsplatz.
Die MS Gunzo bei der Anfahrt auf den Überlinger Landungsplatz. | Bild: Reiner Jäckle

„Wir wurden völlig überrascht“, bestätigt Inhaber Thomas Held. „Plötzlich stand ein Kamerateam da.“ Dass ein Schiff von einem Privatmann gebucht wird und sich das Ganze dann als Wahlkampfveranstaltung entpuppt, ist nichts Neues. Einem anderen privaten Schifffahrtsunternehmen in Überlingen ging es vor mehr als zehn Jahren genauso. Damals handelte es sich um eine NPD-Veranstaltung. Die damaligen lautstarken Gegendemonstrationen blieben allerdings am Sonntag aus.

Aggressives Verhalten

Als die Gesellschaft auf dem Schiff gegen 15 Uhr anlegte, verließ als Erster ein Mann mit einer Sackkarre die MS Gunzo. Er transportiere Kartons mit AfD-Wahlwerbung, die direkt nach dem Ausstieg den Passagieren und anderen auf dem Landungsplatz in die Hand gedrückt wurde. Außerdem war der Autor dieses Artikels mit einer Fotokamera vor Ort und richtete sie von öffentlicher Fläche aus auf den Steg, über den die Passagiere mussten. Das war offenbar der Grund, warum die Situation zu eskalieren drohte. Einige Passagiere gingen aggressiv auf den Fotografen zu und wollten die Bilder haben, da es nach deren Aussage „eine private Fahrt“ war. Es wurde laut, es folgten Beleidigungen in Richtung des Fotografen. Erst als der Privatmann kam, der die Fahrt gebucht hatte, und die Passagiere seinerseits mit deutlichen Worten zur Ruhe bat, entspannte sich die Situation. In der Zwischenzeit ging Alice Weidel von Bord.

Auch Susanne Held, die ebenfalls bei der Ankunft des Schiffes dabei war, wurde verbal angegangen. „Es war schon eine seltsame Situation“, sagt sie. „Wenn wir gewusst hätten, dass die Fahrt eine offizielle AfD-Veranstaltung ist, hätten wir die Buchung nicht angenommen.“ Da die Fahrt als offizieller Termin von Alice Weidel auf der AfD-Internetseite angekündigt wurde, sieht sich Susanne Held getäuscht. „Wir wollen uns keinesfalls vor den AfD-Karren spannen lassen“, betont sie. „Selbst in den ZDF-Nachrichten waren wir nun mit der MS Gunzo zusammen mit Alice Weidel vertreten.“

Die Presseabteilung der Partei wurde am Montag per E-Mail und per Telefon gebeten, eine Stellungnahme abzugeben, warum dieser öffentlich angekündigte Auftritt ihrer Spitzenkandidatin nicht offiziell von der AfD, sondern von einem Privatmann als „private Brunchfahrt“ beim Schifffahrtsunternehmen Held gebucht worden war. Die Pressesprecher der AfD waren weder per E-Mail oder telefonisch zu erreichen und reagierten bis zum frühen Abend nicht auf die Anfragen.

Die Inhaber des Schifffahrtsunternehmens Held wollen nun ein Zeichen setzen. „So etwas ist einfach bitter“, sagt Thomas Held. „Wir wollen zeigen, dass wir uns klar gegen die AfD stellen.“ Deshalb haben sich die Helds entschieden, ihre Einnahmen der Fahrt zu spenden. „Wir wollen uns keinesfalls mit diesem Geld bereichern“, betont Thomas Held. „Deshalb spenden wir die Einnahmen der Überlinger Flüchtlingshilfe. Im Speziellen dem Café International unter Schirmherrschaft von Maria Gratia Rinderer.“

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