Überlingen Überlingen ist für Radfahrer gefährlich

Die Polizei warnt wegen deutlich gestiegener Unfallzahlen: Überlingen ist für Radfahrer ein gefährliches Pflaster. An 60,8 Prozent aller Unfälle, bei denen jemand verletzt wurde, waren Fahrradfahrer beteiligt. Das sind 144 Unfälle mehr als im Vorjahr, so das Polizeipräsidium Konstanz.

Die Polizei meldet einen eklatanten Anstieg der Unfälle mit Fahrrädern im ersten Halbjahr 2017. Ist es die gestiegene Zahl der Fahrräder überhaupt, sind es dabei besonders die Nutzer der Elektrofahrräder, ist es eine Überlastung der Radwege oder sind diese Radwege ganz generell nicht für das höhere Radaufkommen geeignet, da zu unsicher? Es ist von allem etwas, zeigt sich nach einem Gespräch mit der Polizei und mit Irene Alpes, der Ansprechpartnerin des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC).

Die Verkehrsunfallbilanz für die Landkreise Konstanz, Ravensburg, Sigmaringen und den Bodenseekreis für das erste Halbjahr 2017 spricht eine deutliche Sprache: An 60,8 Prozent aller Unfälle, bei denen jemand verletzt wurde, waren Fahrradfahrer beteiligt. Das sind 144 Unfälle mehr als im Vorjahr, so das Polizeipräsidium Konstanz.

Bemerkenswert an der Unfallbilanz ist die Aussage der Polizei: "Bei der lokalen Betrachtung ist festzustellen, dass diese Steigerungen bei den Zweiradfahrern nahezu ausnahmslos in den touristischen Bereichen rund um den Bodensee zu verzeichnen sind." Die Zahl der Radfahrer ist in den vergangenen Jahren, auch aufgrund einer erweiterten Mobilität durch die E-Bikes, stark gestiegen. Hinzu kommt ein weiterer Anstieg, der des Fahrradtourismus – Überlingen liegt direkt am Bodenseeradweg. Dazu Irene Alpes: "Ich halte Radfahren auf unseren Radwegen für gefährlich, eigentlich ist es erstaunlich, dass nicht noch mehr passiert. Auch Schüler sollten sichere Radwege haben, dem ist nicht so und deshalb sind Eltern oft in Sorge, ob ihre Kinder gut nach Hause kommen."

Irene Alpes, die für die Grünen im Gemeinderat sitzt, ist seit Jahrzehnten erfahrene Radfahrerin. 1980 stellte sie die Fahrradinitiative Konstanz im Rahmen des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz) mit auf die Beine und gestaltete die Geschicke des Fahrradclubs im Bodenseekreis als Vorstandsmitglied wesentlich mit. "Optimale Radwege, ja sogar Fahrrad-Schnell-Wege, könnten auch hier den Verkehr entlasten, uns in Bewegung bringen und unsere Luft verbessern", begeistert sich Alpes. Sie kann sich Überlingen als Fahrradstadt sehr gut vorstellen, dazu müsste aber erst die "Hardware" gemacht werden, das hieße, die Radwege zu ertüchtigen und zu optimieren, so Alpes.

Irene Alpes ist seit 30 Jahren Mitglied im ADFC und Stadträtin für die Grünen: "Radfahren in Überlingen ist brandgefährlich", sagt sie.
Irene Alpes ist seit 30 Jahren Mitglied im ADFC und Stadträtin für die Grünen: "Radfahren in Überlingen ist brandgefährlich", sagt sie. | Bild: Stef Manzini

Ihre Aussagen werden untermauert vom ADFC-Gutachten dieses Jahres, darin belegte Überlingen mit der Note 4,5 im Vergleich zu ähnlich großen Städten den letzten Platz in Baden-Württemberg (siehe Kasten). Damit ist Überlingen die fahrradunfreundlichste Stadt des Landes, so der ADFC-Klimatest, an dem auch Irene Alpes beteiligt war. Besonders schlecht wurde im Test die Breite der Überlinger Radwege bewertet und genau diese hält Alpes auch für einen äußerst neuralgischen Punkt. Ebenfalls negativ wurde das mangelnde Engagement Überlingens betrachtet, die Stadt habe in den vergangenen Jahren keine Förderung der Radwege betrieben, sagt Karl Honnen vom ADFC-Kreisverband.

Kapazitäten zu gering

Ob sich Überlingen denn demnächst als Fahrradstadt neu aufstellen wolle, diese Frage beantwortete die Stadtverwaltung wie folgt: "Eine Fortschreibung oder Neuaufstellung des Konzepts für Radwege erfolgt aktuell und in der nächsten Zeit nicht." Wie Pressesprecher Raphael Wiedemer-Steidinger mitteilte, konzentriere man sich auf das Projekt Hafenstraße und den neuen Fahrradstreifen in der Bahnhofsstraße. Oberbürgermeister Jan Zeitler betont dabei, "dass bei der Umsetzung des bestehenden Verkehrskonzepts alle Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger, Radfahrer und motorisierte Verkehrsteilnehmer gleichermaßen berücksichtigt werden sollen".

Das genügt Irene Alpes nicht, denn die Unfallzahlen verlangten ein rasches und konsequentes Handeln, erklärt sie. Die Fahrradweg-Kapazitäten seien zu gering und die Wege zu schmal. Die Entflechtung speziell in den Uferbereichen sei nicht gegeben. "Da muss sich der Fahrradfahrer um die Fußgänger herumbewegen, darüber bin ich traurig, denn nicht alle Radfahrer sind so höflich wie ich", konstatiert Alpes. Die Situation für Radfahrer in der Lippertsreuter Straße und am Ostbahnhof bezeichnet die Stadträtin als "brandgefährlich".

Im Kontext "Gefahr" weist auch Polizeipressesprecher Jens Purath daraufhin, dass sich die Präventivanstrengungen, wie in der Unfallbilanz beschrieben, besonders an die Nutzer von E-Bikes richteten. Dass Risiko, bei einem Unfall getötet zu werden, sei für sie doppelt so hoch wie bei konventionellen Radfahrern – und das scheinen viele einfach auszublenden, so steht es im Bericht. Konsequentes Helmtragen laute die Devise, so die Polizei.

Apropos Fahrradstadt Überlingen. Die Stadt Münster in Westfalen wirbt mit diesem Attribut und einem hervorragenden Fahrradwege-System. In Münster gibt es doppelt so viele Fahrräder wie Einwohner, nämlich etwa 500 000 Stück. Der Anteil an E-Bikes ist wie im Bundestrend auch dort stark angestiegen. Die Zahl der Fahrradunfälle im Vergleich zum vergangenen Jahr jedoch nicht.

 

ADFC-Fahrradklima-Test

  • Der ADFC-Fahrradklima-Test ist die größte Befragung zum Radfahrklima weltweit und lief im Herbst 2016 zum siebten Mal. Mehr als 100 000 Menschen stimmten ab, für Überlingen waren es 73 Teilnehmer. Der Test bestand aus 27 Fragen wie „Macht das Radfahren Ihrer Stadt Spaß oder Stress?“ oder „Sind die Wege für Radfahrende angenehm breit oder zu schmal zum Überholen?“ Bewertet wurde nach dem Schulnoten-Prinzip mit Werten zwischen eins und sechs. 
  • Überlingen kam 2016 zum ersten Mal in die Auswertung des Tests und landete mit einem Durchschnitt von 4,5 im Vergleich ähnlicher Städte im Bodenseekreis und in Baden-Württemberg (bis 50 000 Einwohner) auf dem letzten Platz. Besonders negativ sehen die Überlinger Radfahrer die Ampelschaltungen für Radfahrer, die mangelnde Breite der Radwege und die fehlende Falschparkerkontrolle auf Radwegen. Es wird ebenfalls negativ beurteilt, dass die Stadt in den vergangenen Jahren keine Förderung des Radfahrens betrieben hat. Positiv dagegen ist, dass Fahrraddiebstahl kein Problem darstellt. Es wird auch anerkannt, dass viele Menschen Rad fahren, eine gute Fahrradwegweisung sowie Abstellanlagen vorhanden sind. (mde)

 

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