Überlingen Skurrile Erlebnisse im gelobten Land

Robert Scheer beschert beim „WortMenue“ im Restaurant „Naturata“ das Fußball-Evangelium nach Lothar Matthäus

Mit einem großen Unbekannten und einem alten Bekannten konfrontierte der Tübinger Autor Robert Scheer sein Publikum bei der „WortMenue“-Spätsoiree im Restaurant „Naturata“: Dem israelischen Automodell „Sussita“, dem „Trabi des Nahen Ostens“, wie Scheer schreibt, und der deutschen Fußballegende Lothar Matthäus – beides für das jeweilige Heimatland keine Exportschlager in ihrem Metier. Er sei kein Schriftsteller, er schreibe nur, hat Scheer gegenüber dem „Schwäbischen Tagblatt“ einmal fein differenziert. Geschrieben hat er schon eine ganze Menge – darunter „The ghost of Tübingen“, ein Drama auf Englisch über Hölderlin – veröffentlicht nicht ganz soviel. Mitgebracht hatte er seinen 2012 erschienen Erzählband „Der Duft des Sussita“ mit jeder Menge deutsch-israelischer Dialektik.

„Man muss das Buch laut lesen, weil es auch einen schönen Sound hat“, empfahl Moderator Oswald Burger. Noch besser ist aber: Laut lesen lassen. Burger nennt es „eines der respektlosesten Bücher gegenüber Israel“, in dem Onkel Sauberger auf koscheres Essen pfeift und Schweinefleisch vergöttert. Burger hatte den Werdegang Scheers kurz skizziert, der in Rumänien geboren und dessen Muttersprache Ungarisch ist, der sechs Sprachen spricht, der lange in Israel gelebt hat und erst vor zehn Jahren in Tübingen begann Deutsch zu lernen, aber sich gerne mit Kant und Kollegen auseinandersetzt. Eine bewundernswertes Phänomen sind die Texte aus dieser Perspektive ebenso wie sein lebendiger Vortrag, der in leichtem Fluss beginnt, dann langsam Fahrt aufnimmt und schließlich beschleunigt, als triebe er auf gefährliche Stromschnellen und einen dramatischen Wasserfall zu.

Dies bei beiden Themen. Rund um das israelische Auto „Sussita“, von dem ein heiß ersehntes Exemplar auf einem falschen Parkplatz in Nazareth wie vom Erdboden verschwindet und ein Opfer von Kamelen werden sollte, als gäbe es nichts Erwartbareres. Selbst schuld, textet ein Palästinenser dem verzweifelt suchenden Besitzer zu: Wie kann man sein Auto ausgerechnet hier abstellen?! Wie kann man dann auch noch das Anti-Kamel-Spray vergessen?!

Ebenso bei einer Begegnung mit Fußballlegende Lothar Matthäus, für den Scheer in Israel als Übersetzer in Vorbereitung vor der zweimonatigen Trainerkarriere bestellt worden war. Zentrales Problem wurde schnell das „defensive Mittelfeld“, das der Autor als „Evangelium nach Matthäus“ bezeichnet. Und dessen Löcher, die nur einer stopfen konnte: Hamann, Didi Hamann. Den verortet Rabbi Avramoff schnell im Alten Testament, erkennt ein böses Feindbild und verzweifelt. Matthäus sollte es ebenso ergehen. Dass Scheer mit seinen skurrilen, lebendig präsentierten Geschichten richtig Appetit gemacht hat, aber keinen Nachschlag gewährt, verwundert manchen. Doch der Tübinger hat seine Lesung perfekt einstudiert und von diesem Niveau scheint er keine Abstriche machen zu wollen.

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