Überlingen Promenade wird zur Filmkulisse

Überlinger drehen einen Kurzfilm am winterlichen Seeufer. Fünf Drehtage sind dabei für fünf Minuten Film erforderlich.

Kaum jemand wagte sich bei diesem wechselhaften Wetter am Sonntag vor die Tür. Rund 50 Menschen hatten allerdings einen triftigen Grund: Sie drehten an der Überlinger Promenade einen Film. Das Drehbuch schrieb Alexander Bergmann und der „Balanceakt“, so der Titel des Kurzfilms, dient ihm als Bewerbung für die Filmakademie. Die Vorgabe: Maximal fünf Minuten sollen es sein, an einem Stück gedreht und das Thema heißt „Im letzten Augenblick“. Um die Spannung für künftige Zuschauer nicht zu schmälern, soll nur so viel verraten werden, es handelt sich um einen Vater und seinen auf der Promenadenmauer balancierenden Sohn. Der Rest bleibt noch ein Geheimnis.

Kein Geheimnis ist, dass die Mitwirkenden zwar aus Berlin und München, Stuttgart und Freiburg anreisten – aber zumeist gebürtige Überlinger sind. Fünf Drehtage für fünf Minuten Film erscheinen einem Laien ziemlich viel. Das Team um Alexander Bergmann (Regisseur) und Benjamin Tomoff (Produzent) sieht das anders. „Das ist so, die meiste Zeit vergeht mit Warten“, sagt eine Darstellerin lachend, während sie auf ihre Kussszene wartet. Tatsächlich vergeht sehr viel Zeit in diesem Zustand. Mal ist es zu hell, mal zu dunkel. Dann kommen ein Schneeschauer und ein Versprecher. Ohne Schnitt, in einem „Take“, das ist eine Herausforderung.

Viel Entgegenkommen und Unterstützung

Unvorstellbar viel mehr als fünf Minuten wurden in die Planung investiert. Ins Casting der beiden Buben Ben Bickele und Nelio Schnell und die Jugendamtsformulare für die beiden minderjährigen Akteure. Oder in Preisverhandlungen. „Die Stadt Überlingen hat problemlos die Drehgenehmigung erteilt“, freut sich Alexander Bergmann. Schließlich sind er und sein Team in Überlingen nach mehreren Filmen und Auszeichnungen keine Unbekannten mehr. Ebenfalls sehr erfreulich war das Entgegenkommen der evangelischen Kirchengemeinde und der Feuerwehr sowie die Großzügigkeit zweier renommierter Hotels, des Kinobetreibers oder einer Cateringfirma. „Ohne dieses Sponsoring wäre mein Etat gesprengt worden“, gibt Student Bergmann zu bedenken.

Weniger erfreulich waren die Erlebnisse von Benjamin Tomoff. Er sollte am Absperrband für eine leere Promenade sorgen. „95 Prozent der Spaziergänger hatten ebenso viel Verständnis wie der Kioskbetreiber und wünschten uns viel Glück.“ Dass aber jemand mehrmals täglich das Wegerecht einfordert und sich immer wieder aufs Neue die Dreherlaubnis zeigen lässt, erscheint ihm doch sehr skurril. Oder die Frau, die mit einer Schere anrückte, und mehrfach das rot-weiße Band durchschnitt, erntete auch nur Kopfschütteln. In wirklich schlechter Erinnerung wird jedoch ein Schiffbesitzer bleiben, der es nicht stolz als Werbung betrachtet, dass sein Boot in einem Film mitwirkt, sondern eiskalt 400 Euro dafür verlangt. Pro Stunde.

Dagegen erscheinen die eisigen Wetterkapriolen beinahe hitzig. Aber so ist das eben im Filmgeschäft: Immer ein Balanceakt. Bis zum letzten Augenblick.

 

Zur Person

Alexander Bergmann wurde 1994 im Schwarzwald geboren und wuchs ab 1998 in Überlingen auf. Erste Filmerfahrungen machte er zusammen mit seinen Freunden im Studio seines Vaters. Sein erster Kurzspielfilm gewann 2008 auf dem Züricher Kurzfilmfestival „Offene Leinwand“ den Publikumspreis. Bergmanns Kurzfilm „Momentum“ wurde auf mehreren internationalen Festivals ausgezeichnet. Zusammen mit Phil Nylund, Benjamin Tomoff und Nicolai Rissmann gründete er 2013 seine eigene Produktionsfirma, die sich auf Kurzfilme im Bereich des Spielfilms, Werbung und Dokumentation spezialisiert hat. (sk)

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