Überlingen, Salem, Deggenhausertal Nach Wolf-Entdeckung in Überlingen: "Experten"-Streit um die Gefährlichkeit des Wildtiers für Menschen

Irgendwo zwischen Rotkäppchen-Panik und Kuscheltier-Mentalität bewegt sich die Debatte um den Wolf. Vergangene Woche wurde ein Exemplar in Überlingen entdeckt.

Wolfgang Gerstenhauer ist Jäger und Jagdausbilder. Und nun ist der Mann aus Salem bemüht, ein "romantisiertes Bild des Wolfs", das bei Teilen der Bevölkerung vorherrsche, zu korrigieren. Wenn Wolfsbotschafter des Nabu davon sprechen, dass der Wolf scheu sei, müsse die Frage erlaubt sein, warum sich die Tiere dann so problemlos auch in menschlichen Siedlungen bewegen. Gerstenhauer: "Die bisherigen Erfahrungen in den deutschen Wolfsgebieten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen zeigen: Die Wölfe besitzen wenig Scheu vor uns Menschen. Und genau darin liegt die Gefahr!"

Der kanadische Biologe und Umweltwissenschaftler Prof. Dr. Valerius Geist von der Universität in Calgary habe in einer Untersuchung „When do wolves become dangerous to humans?“ aufgezeigt, dass die anpassungsfähigen Großraubtiere auch Menschen gefährlich werden, wenn wir sie nicht auf Distanz halten. Laut Valerius Geist nähern sich die Wölfe in einer Sieben-Punkte-Eskalation zunächst nachts menschlichen Siedlungen, beginnen diese dann auch tagsüber offen zu observieren, werden schließlich zuerst gegenüber kleineren Haus- und Nutztieren übergriffig, später gegenüber großen Nutztieren und begännen am Ende auch Interesse an uns Menschen als Beute zu entwickeln.

Weiter zitiert Gerstenhauer aus einem Artikel der Wochenzeitung "Zeit" von 2015, aus dem hervorgehe, dass der Mensch durchaus in das Beuteschema eines Wolfs fallen könne. Gerstenhauer: "Ich will keine Angst schüren. Ich würde mir nur wünschen, dass die Diskussion um den Wolf kenntnisreicher und differenzierter, statt aus festen ideologischen Gräben heraus geführt wird.

Der Wolf ist kein Kuscheltier und er hat nur dann wirklich eine Chance bei uns, wenn Angriffe auf Menschen unterbleiben. Wir sollten ihm dabei helfen – mit funktionierenden Strategien statt mit romantischen Vorstellungen."

"Wir Naturschützer freuen uns über die Rückkehr des Wolfes. Wölfe zeigen, dass sie mit uns leben können", schreibt Rolf Servos, Vorsitzender BUND-Deggenhausertal, und fordert: "Jetzt können wir zeigen, ob wir mit ihnen leben wollen." Die Rückkehr der Wölfe sei ein großer Erfolg für den Artenschutz. Verständlicherweise löse ihre Rückkehr nicht überall Begeisterung aus. "Sie fressen Rehe und junge Wildschweine, die mancher Jäger gerne selbst geschossen hätte."

Nutztiere wie Schafe könnten leichte Beute werden, "wenn der Tierhalter weder in ausreichende Elektrozäune noch in Herdenschutzhunde investiert hat". Servos verweist darauf, dass vom Land Herdenschutzmaßnahmen finanziell gefördert würden. Darauf hatte vergangene Woche auch Umweltminister Franz Untersteller hingewiesen. Allerdings kontert Schäfer Florian Gulde aus Salem, dass der Ausgleich den enormen personellen und materiellen Aufwand bei Weitem nicht decke. Er wünsche dem Wolf, dass er in unseren Breiten ausgerottet bleibt.

"Wie kann ein Mensch, der die meiste Zeit mit Tieren in der Natur verbringt, ein derart gestörtes Verhältnis zum Naturschutz haben", fragt Rolf Servos, BUND-Vorsitzender. "Erfahrungen in osteuropäischen Ländern zeigen, dass sich die Nutztierhalter seit Jahrzehnten gut mit den dort viel zahlreicheren Wölfen arrangiert haben. Mit etwas gutem Willen und Toleranz wird der Wolf unsere natürliche Umgebung bereichern." Die sehr anpassungsfähigen Tiere könnten auch in der Bodenseeregion leben. "Größter Feind ist der Straßenverkehr. Menschliche Siedlungen stören Wölfe wenig. Erfahrene Wölfe sind sehr vorsichtig und weichen Menschen früh aus, während junge Tiere aus Neugier schon mal näher kommen können, bevor sie dann flüchten." Die Gefahr für Menschen, im Straßenverkehr oder bei Haushaltsunfällen Schaden zu erleiden, sei "tausendmal höher".

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