Überlingen Lehrer an der Musikschule: Künstler und Pädagogen zugleich

Die Ansprüche an die musikalische Ausbildung des Nachwuchses haben sich in den vergangen Jahren deutlich verändert, sagt Musikdirektor Ralf Ochs. Wie es Lehrer gelingt, den Nachwuchs motivieren und weshalb viele Kinder schon früh Terminprobleme haben.

Die Erwartungen und Ansprüche vor allem der Eltern haben sich enorm gewandelt, sagt Ralf Ochs. Seit 13 Jahren leitet er die Überlinger Musikschule mit mittlerweile über 900 Schülern, gibt darüber hinaus Waldhorn-Unterricht und dirigiert die Stadtkapelle. "Heute kann ich nicht mehr mit der Trompete werben. Wichtiger als das Instrument an sich ist vielen Eltern die Tatsache, dass das Musizieren Sozialkompetenzen fördert, Selbstbewusstsein vermittelt und die Koordination schult." Außerdem, sagt Ralf Ochs, gönnen die Eltern ihren Kindern in ihrer Freizeit möglichst viel Spaß. Da müsse man aber genau hinsehen. "Den Begriff Spaß finde ich unpassend, wenn es um das Musizieren geht. Freude finde ich besser." Die Freude am Musizieren schließe eine gewisse Disziplin mit ein – und auch Konsequenz.

"Die Kinder haben ein gewaltiges Schul- und Freizeitprogramm, haben schon früh Terminprobleme", sagt Ochs. Wenn es zu viel wird, werde dann eher die Musik aufgegeben als der Sport. "Sport ist ja auch gut und wichtig. Bedenklich finde ich nur, wenn die Musik gestrichen wird, weil sie eben auch anspruchsvoll ist. Und die Eltern ihren Kindern vielleicht eher ein Kontrastprogramm zur Schule bieten möchten, statt sie beim Musizieren noch mal stillsitzen zu lassen."

Tabea Stuck, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Psychologischen Beratungsstelle der Caritas Überlingen, findet, Musizieren hat mit Stillsitzen nichts zu tun: "Musizieren ist nicht stillsitzen, sondern mitschwingen. Musik macht unglaublich lebendig und stimuliert das Gehirn auf eine ganz andere Weise. Das hat ja nichts mit rezeptivem Konsumieren zu tun, sondern wirkt ausgleichend." Gerade bei Streichinstrumenten, bei denen die rechte und die linke Hand gleichzeitig unterschiedliche Aufgaben haben, werde auch die Koordination geschult.

Wer musiziert, muss Disziplin lernen. Zu gewissen Zeiten, wie vor Weihnachten, sind die Musikschüler schon gefordert. Zusätzlich zu den anderen Terminen zur Weihnachtszeit stehen dann weitere Proben und Auftritte an. Ralf Ochs: "Allerdings muss man sagen, profitieren die Kinder, die am Ball bleiben, wirklich davon. Das Gemeinschaftsgefühl im Orchester ist unvergleichlich – und wann sonst hat man die Möglichkeit, auf einer Bühne vor 500 Menschen zu spielen, in dieser Gemeinschaft? Die Erfolgserlebnisse, die die Kinder bei solchen Auftritten haben, sind groß."

Und wer sind die Lehrer? "Unsere Lehrer sind Künstler und Pädagogen zugleich. Vielleicht hat der eine ein bisschen mehr von dem und der andere von dem. Aber Einstellungsvoraussetzung für unsere Musiklehrer ist ein Diplom von der Musikhochschule, was eine pädagogische Grundausbildung beinhaltet." Ginge es nach Ochs, würde Methodik und Pädagogik an der Musikhochschule einen noch größeren Stellenwert bekommen. Das Studium sei nach wie vor auf eine Musikerkarriere ausgelegt. "Wo wir aber doch wissen, dass der Großteil der Studierenden später eine Lehrtätigkeit ausüben wird, kommt die Pädagogik noch etwas zu kurz."

Dass sich Virtuosität und pädagogische Begabung nicht ausschließen, beweisen die Musiker Anna Mishkutenok und Alexander Burdenko, die nachmittags an der Überlinger Musikschule unterrichten und an so manchem Abend selber auftreten, wie zuletzt bei einem Kammerkonzert im Städtischen Museum. "Wir mussten rund 60 Gäste wieder wegschicken, so groß war der Andrang", berichtet Ralf Ochs. Die Geigen- und Bratschenlehrerin Anna Mishkutenok unterrichtet seit sechs Jahren an der Überlinger Musikschule. In St. Petersburg geboren machte sie ihre Musikausbildung in Russland, und ihren Master als Geigen- und Bratschenlehrerin im schweizerischen Bern. In der Schweiz werde auf die Pädagogik extrem viel Wert gelegt, sagt sie. "Das war richtig hart, viel Arbeit. Ich musste mehrere Praktika in Schulen machen." Ihr Kollege Alexander Burdenko hatte sich, als er bei der Musikschule anfing, in der Region bereits einen guten Ruf als Klavierpädagoge erarbeitet. Ralf Ochs: "Unsere Musiklehrer vereinen Virtuosität und Pädagogik auf höchstem Niveau. Darauf lege ich Wert."

Und wie erreicht man die jungen Schüler am besten? "Ich biete eine Mischung aus Humor und Strenge, ich glaube, das kommt gut bei den Kindern und Jugendlichen an" erklärt Alexander Burdenko. Im Unterricht gebe es kein Problem mit der Motivation. "Das Schwierige ist, sie zu motivieren, zu Hause weiter zu üben." Und wie löst man das? "Wir müssen hier nicht nur Beethoven und Bach spielen. Wir können auch Musik spielen, die die Kinder und Jugendlichen gerne hören. Dann können sie zu Hause 'Fluch der Karibik' üben. Wir müssen uns auch an den Interessen unserer Schüler orientieren." So würden sie derzeit auch prüfen, wie Apps sinnvoll eingesetzt werden können, um die Schüler beim Üben zu Hause zu unterstützen.

Auch Anna Mishkutenok hat die Erfahrung gemacht, dass der Bezug zu aktueller Musik und zu den Interessen der Schüler ein großer Motivationsfaktor ist. Man müsse sie in ihrer Lebenswelt abholen. "Ich habe mal auf einem Konzert mit der Band Sunrise Avenue gespielt. Wenn ich meinen Schülern das erzähle, weckt das bei vielen das Interesse." Das Wichtigste beim Lehren eines Instrumentes, sind sich Mishkutenok und Burdenko einig, sei aber die Leidenschaft, die man für die Musik selber habe. Denn die spüre der Nachwuchs und lasse sich davon anstecken.

Kooperationen

Was den Termindruck angeht, versucht Ralf Ochs schon seit langem, mit einem besonderen Angebot den Schülern entgegenzukommen. "Wir haben mit fast allen Kindertagesstätten und Grundschulen in Überlingen inklusive der Teilorte Kooperationen. Unsere Musiklehrer gehen in die Einrichtungen, in den Schulen wird der Unterricht im Rahmen des Schulstundenplans angeboten." So fallen für die Kinder und Eltern zumindest keine zusätzlichen Wege an. In den Grundschulen wird Blockflöten- und Gitarrenunterricht angeboten. Wer ein anderes Instrument erlernen möchte oder während des laufenden Schuljahres einsteigen möchte, greift auf das Angebot der Musikschule in der Gradebergstrasse zurück. Im Internet: www.musikschule-ueberlingen.de

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