Überlingen Lange Nacht der Bücher bewegt die Massen

Die 30 Lesungen an 21 Orten sind gut besucht. Auch abseits der mit den bekannten Stars der Literatur-Szene besetzten Leseorte ist der Andrang groß. Kulturreferent Michael Brunner spricht von einem "großartigem Erfolg".

Auch die 14. Auflage der Langen Nacht der Bücher knüpfte nahtlos an die Erfolge der Vorjahre an und bewegte einmal mehr die Massen. "Wir mussten den Museumssaal zwei Mal wegen Überfüllung schließen" berichtet Kulturreferent Michael Brunner, der von einem "großartigen Erfolg" spricht. Auch im Osiander, in der Stadtbücherei und in der Galerie Fauler Pelz war es "zum Bersten voll." Aber auch abseits der mit den bekannten Stars der Literatur-Szene besetzten Leseorte bot sich ein ähnliches Bild. Das Programm mit den 30 Lesungen an 21 Orten bot für alle Literaturfreunde ein spannendes Programm – und zwar vom frühen Nachmittag bis kurz vor Mitternacht:


Ein Meister der Zurückhaltung

Arnold Stadlers liest aus „Rauschzeit“.
Arnold Stadlers liest aus „Rauschzeit“. | Bild: Max Horn

Arnold Stadlers „Rauschzeit“ ist vor allem eines: sanft. Mit großer Behutsamkeit hat der Georg-Büchner-Preisträger die zerlebte Beziehung von Alain und Mausi zu Papier gebracht. Aufwändig ineinander verwoben sind Zeitläufe und Anekdoten, jede einzelne verschwurbelte Episode fügt dem großen Farbverlauf über die Liebe, in dem die Psychen der Protagonisten unweigerlich ineinanderfließen, nur um sich wieder zu lösen, eine weitere Schattierung hinzu. „Wir stritten uns überhaupt nicht, aber nicht deswegen, nicht weil wir uns nichts mehr zu sagen gehabt hätten.“ In einer beschleunigten Zeit zwingt Stadler seine Zuhörer zum Innehalten. Diese Entschleunigung schafft Raum, die unprätentiös eingeflochtene Melancholie des Werkes zu erleben, die selbst im Moment des Scherzes nicht weichen will. Denn dem Autor sitzt der Schalk im Nacken. Seine launigen Bemerkungen goutierte das Publikum in der überfüllten Buchhandlung Osiander immer wieder mit Szenenapplaus. Wer selbst beißende Ironie in sanfte Sätze wickeln kann, ist ein Meister der Zurückhaltung. (rho)


Die glitzernde Welt der Juwelen

Bild: SK

In die glitzernde Welt der Juwelen entführte die Buchlandung ihre Gäste. Mit den Worten: "Ich hole noch Stühle beim Italiener", sorgte die Buchhändlerin Karin Lambertz-Zalitatsch dafür, dass 40 Frauen und vier Männer ihr Geschäft auch restlos füllen konnten. "Die falsche Liz Taylor", so der Titel des Buches von Stephan Friedrich. Der Autor und einer der bekanntesten Juweliere Deutschlands war eigens aus Frankfurt angereist, um zusammen mit seiner Verlegerin, der Überlingerin Anya Schutzbach, die Lesung zu gestalten. Sie beschrieb das Buch als sehr bibliophiles und äußerst unterhaltsames Werk. Genau davon konnte sich das Publikum ein lebhaftes Bild machen. Aufregende Geschichten aus der etwas anderen Welt der Juweliere versprach Friedrich und ergänzte die Lesung immer wieder mit persönlichen Anekdoten. Besonders eine heitere Geschichte über Barbara Streisand, die seine juwelengeschmückte Lesehilfe in BlackyFuchsbergers Show "Auf los geht´s los" getragen und darin sogar für ihn geworben hatte, ließ die Zuhörer gebannt an den Lippen der Vorleser hängen. (sma)

 

Konfetti an Bord des Luftschiffes

Dieter Leder liest bei der langen Nacht der Bücher.
Dieter Leder liest bei der langen Nacht der Bücher. | Bild: Max Horn

„Herzlich willkommen an Bord des Luftschiffes und viel Spaß auf der Fahrt“, begrüßte SÜDKURIER-Mitarbeiter Dieter Leder das Publikum im Atelier küb der Malerin Martina Fischer. Leder ist Experte für Zeppelin-Post und Briefmarken-Sachverständiger. Den dereinst mit Luftschiffen transportierten Postsendungen geht er nach und erforscht dahinter stehenden Geschichten. In seinem Buch „Wenn es doch Tag gewesen wäre“ schildert er die Fahrt des Luftschiffes „LZ127 Graf Zeppelin“ im Jahr 1929 von Friedrichshafen nach Palästina. Mithilfe von Funksprüchen, Pressemitteilungen, Tagebüchern und Augenzeugenberichten hat Leder die Fahrt rekonstruiert. Detailliert bis hin zu den Menükarten vermag Leder die Orient-Reise zu schildern. Aber auch das Geschehen am Boden notierte Leder. Egal ob in Basel, Rom oder Jerusalem: Die Menschen begrüßten das Luftschiff mit großer Euphorie. Über Tel Aviv warf „LZ127 Graf Zeppelin“ zum Gruß 30 Kilogramm Konfetti ab – was der Chronist zur Freude des Publikums während der Lesung nachzuahmen vermochte. (rho)

 

"Zweite Buchtaufe“ im Rathaussaal

Die Dichterin Monika Taubitz liest aus der von ihr geschriebenen Biographie der Helen(e) von Bothmer.
Die Dichterin Monika Taubitz liest aus der von ihr geschriebenen Biographie der Helen(e) von Bothmer. | Bild: Max Horn

Es gibt Personen, in deren Biografien gleich mehrere Epochen zusammentreffen. Das Leben der Helen(e) von Bothmer war insofern historisch. Ihre Biografie hat nun eine Freundin, die Dichterin Monika Taubitz, geschrieben und dadurch die Kulturgeschichte der Bodenseeregion bereichert. Helen, ein US-amerikanisches Topmodel, folgt einem deutschen Adeligen ins Dritte Reich. Ihren Gatten Heinrich von Bothmer zieht es nach dem Krieg zurück an den Ort seiner Jugend: Das Fürstenhäusle in Meersburg. Heinrich ist der Urgroßneffe der Droste und hat das Haus der Dichterin geerbt. Für Helen von Bothmer ist das der Beginn einer jahrzehntelangen Kulturarbeit, während derer sie nicht nur dem Droste-Museum zu neuem Glanz verhilft, sondern auch als Kulturförderin im Internationalen Bodensee-Club und als Stifterin des Droste-Preises in Erscheinung tritt. Die von Moderator Siegmund Kopitzki, Kulturredakteur des SÜDKURIER, angekündigte „zweite Buchtaufe“ im Rathaussaal gelingt nicht zuletzt wegen der vollen, schönen und wachsweichen Lesestimme der Autorin Taubitz. (rho)

 

Auf spannender Spurensuche

Ursula Erchinger zeigt den etwa 30 Zuhörern im Gallerturm in einen Lichtbildvortrag Zeichnungen von Maja Weiss-Junghans.
Ursula Erchinger zeigt den etwa 30 Zuhörern im Gallerturm in einen Lichtbildvortrag Zeichnungen von Maja Weiss-Junghans. | Bild: SK

"Wir wissen noch ganz wenig von ihr", gestand Ursula Erchinger den etwa 30 Zuhörern im Gallerturm. In ihrem Lichtbildvortrag ging es um Zeichnungen von Maja Weiss-Junghans, die vor zwei Jahren im Nachlass von Dorothee Kuczkay gefunden wurden. Erchinger präsentierte ihre bis dato gesammelten Erkenntnisse über das künstlerische Wirken von Weiss-Junghans und versuchte, auch ein wenig ihr Leben zu rekonstruieren. Die spannende Recherche führte sie in die Uhrenstadt Schramberg in den Schwarzwald, und von dort über Berlin in die Niederlande. Eine dortige Skulpturenausstellung ist der letzte Hinweis auf das Wirken von Weiss-Junghans und auch eine Überraschung: Im Ausstellungskatalog finden sich Abbildungen von diversen von ihr geschaffenen Büsten. Trotz der vorgefundenen Zeichnungen wirkte Weiss-Junghans offenbar doch nicht wie vermutet als Malerin, sondern als Bildhauerin. Erchingers interessantes Programm war mehr Vortrag als Lesung, aber deswegen nicht weniger interessant. Immerhin, damit die Veranstaltung ins Programm passte und "der Nachmittag noch Wert hat," las sie noch zwei Sätze vor. (dle)

 

Vorgeschmack auf die Nußdorfer Chronik

Einen vielversprechenden Vorgeschmack auf die fast fertige Nußdorfer Ortschronik gaben in der "Genussecke" Margarete Staiger-Gut, Ingeborg Simon, Dietram Hoffmann und Rudolf Beck.
Einen vielversprechenden Vorgeschmack auf die fast fertige Nußdorfer Ortschronik gaben in der "Genussecke" Margarete Staiger-Gut, Ingeborg Simon, Dietram Hoffmann und Rudolf Beck. | Bild: Hanspeter Walter

Einen vielversprechenden Vorgeschmack auf die fast fertige Nußdorfer Ortschronik gaben in der "Genussecke" Margarete Staiger-Gut, Ingeborg Simon, Dietram Hoffmann und Rudolf Beck. Das Quartett hatte verschiedene Facetten der jüngeren Geschichte herausgepickt und teilweise aus persönlichem Erleben, teilweise aus den Annalen zusammengestellt vorgetragen. An den Tourismus in der Nachkriegszeit erinnerte sich Margarete Staiger-Gut, deren Eltern schon 1955 so viele Fremdenzimmer vermieteten, dass die Kinder im Keller nächtigen mussten. "Ich habe die Kurgäste gehasst." Ingeborg Simon erinnerte an die Anfänge der Feuerwehr und deren Rolle im Dritten Reich. Als der einmütig geschätzte und 1938 gewählte Kommandant Josef Reichle wegen seiner nazi-kritischen Haltung denunziert und wieder abgesetzt wurde. Die Frauen, die die Wehr während des Kriegs aufrecht erhielten, suchte Simon vergeblich in der Chronik. Episoden um den prominentesten Nußdorfer, Martin Walser, trug Dietram Hoffmann vor und Rudolf Beck erinnerte an den Wandel in der Landwirtschaft. (hpw)

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