Überlingen Lange Nacht der Bücher bewegt die Massen nicht nur mit Literatur

Der Lesemarathon machte Lust auf Literarisches. Doch auch Kunst und Musik fanden ihr Publikum.

Früh beginnt, was eine lange Nacht werden will. Um möglichst viele Beiträge aus Büchern und rund um das Buch unterzubringen, fiel der Startschuss zum großen Lesemarathon dieses Mal schon vor dem Mittagessen im Städtischen Museum. Und der letzte Vorhang fiel erst kurz vor Mitternacht in der Weinstube Renker. Wohl dem, der sich nicht zu viel vorgenommen hatte, der sich etwas Muße gegönnt hatte und der nicht von einer Station zur nächsten hetzte. Ja, nicht einmal viel zu bewegen brauchte sich, wer sich auf das umfangreiche Programm im Museumssaal konzentrierte, das für sich schon vielfältig war. Überhaupt beschränkten sich die Themen nicht auf das geschriebene Wort, sondern war mit Bildender Kunst und Musik angereichert.

"Ich bin insgesamt sehr zufrieden", sagte Kulturreferent Michael Brunner: "Es war ein Experiment, die Veranstaltung schon am Vormittag beginnen zu lassen. Doch es war ein voller Erfolg." Tatsächlich war der Museumssaal schon bei den ersten beiden Beiträgen zum Thema Kunst mit je 80 Zuhörern fast voll belegt. Neue Erkenntnisse hörten sie zum Beispiel von der Kunsthistorikerin Caroline Schärli, die seit sieben Jahren die Fresken in der Goldbacher Kapelle erforscht. So konnte sie nachweisen, dass zur ersten künstlerischen Ausstattung in der karolingischen Zeit vor dem Jahr 850 keine Bilder, vielmehr nur die Ornamentik und ein Gedicht von Walafried Strabo gehörten.

"Die Qualität der Veranstaltungen war sehr hoch", freute sich Brunner. Diskussionen mit einem kompetenten Publikum habe es zum Vortrag des Literaturwissenschaftlers Mario Andreotti aus St. Gallen gegeben. Besonders freue ihn, dass die "Hexereien" für Kinder des Vereins Lesezeichen einen Rekordzuspruch erfuhren. Die Qualität spricht sich herum. "Ich bin extra aus Lindau hergefahren", sagte Manfred Hagel.

 

Hier eine kleine Auswahl aus der Fülle des Programms:

"Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?" Diese berühmte Frage aus dem Goethe-Gedicht beantworten die Besucher der literarisch-musikalischen Soirée, die das Augustinum gleich zweimal anbot, nach dieser Hommage an Italien sicher mehr denn je mit: Ja. Stiftsdirektor Tobias Heemann, Kulturreferentin Olivia Schnepf und Rosemarie Scholz lasen Texte aus zwei Jahrtausenden, die einen guten Eindruck gaben, was römische Kultur und Italianità ausmachen: von Lukrez und Vergil über Macchiavelli bis Lampedusa. Auch einen Auszug aus Casanovas Memoiren, seine Flucht aus den Bleikammern von Venedig, bekamen die Gäste zu hören, wunderbar vorgetragen von Scholz. Die preisgekrönte Pianistin Chiaki Nagata, Lehrerin an der Schule Schloss Salem, spielte Scarlatti und Rossini und begleitete die international renommierte Sopranistin Christine Reber, die mit der Rossini-Arie "Bel raggio lusinghier" beeindruckte, aber ebenso mit italienischen canzoni, Liedern. 

Wie sich Kunst im Spannungsfeld der äußeren Rahmenbedingungen verändert, machte Ursula Erchinger von der Kunstwerkstatt Überlingen an der Reformation und dem Ende der ausschließlich religiösen Darstellungen deutlich. Die Freiheit, die sich die Künstler nahmen, sei allerdings damit einher gegangen, dass Bilder nicht mehr zum Alltag gehörten. Bis heute, so Erchinger, interessiere sich nur eine Minderheit für Kunst. Das Aufkommen der Akademien habe wieder zu einer strengen Reglementierung geführt. Besonders anerkannt waren lebendige Historienbilder mit einer positiven Botschaft, am Ende rangierten die Stillleben. Sich davon zu distanzieren und neue eigene Wege zu, war für die Künstler mühsam, was im Impressionismus und in der Zeit der beginnenden Abstraktion deutlich wird. "Kunst muss aus sich selbst heraus wirken", sagte Ursula Erchinger in der Büchernacht. "Die Kunst kann erfahrbar machen, was sonst nicht erfahrbar ist." 

Ursula Erchinger beschrieb Veränderungen in der Kunst nach der Reformation.
Ursula Erchinger beschrieb Veränderungen in der Kunst nach der Reformation. | Bild: Hanspeter Walter

Dem "Tierbild vom Mittelalter bis heute" widmet sich eine Ausstellung im Städtischen Museum. Dazu ist ein Begleitbuch erschienen, das Kulturreferent Michael Brunner nun im Museumssaal präsentierte, nachdem Pianist Thomas Blaser musikalisch auf das Thema eingestimmt hatte. Brunner stellte alle zehn Überlinger Autoren und ihre Beiträge vor.

So hat etwa der Benediktiner-Eremit Bruder Jakobus Kaffanke über "Die Erschaffung der Tiere" im Buch Genesis geschrieben, der Volkskunde-Professor Werner Mezger widmet sich dem "Esel zwischen Würde und Komik" und der Leiter des Affenbergs, der Zoologe Roland Hilgartner, beschäftigt sich mit dem "Mythos Paarleben" unserer nächsten Verwandten. Fazit: Monogamie ist in der Tierwelt die Ausnahme. SÜDKURIER-Redakteur Martin Baur, der sein Essay vorlas, zeigt, dass Orwells Parabel "Animal Farm", in der es auch um Manipulation geht, in Zeiten von Trump, Brexit und social bots nichts an Aktualität verloren hat. 

Martin Baur im Städtischen Museum.
Martin Baur im Städtischen Museum. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Viele Jahre hatte Eva-Maria Bast die lange Nacht der Bücher organisiert. Dieses Jahr präsentierte sie erstmals in den eigenen Verlagsräumen ihre alten und neuen "Geheimnisse", wie sie inzwischen für mehr als 30 Städte Deutschlands erschienen sind. Dabei las Bast die erste Geschichte, aus der sich das Erfolgsmodell entwickelt hatte. Von dem Jungen Ulrich, für dessen Tod im 14. Jahrhundert jüdische Mitbürger verantwortlich gemacht worden waren und der eine massive Judenverfolgung auslösen sollte. Während Ulrich – allerdings nur im Straßennamen – sogar "heiliggesprochen" wurde. Nicht immer sind die großen Geschichten hinter den kleinen Dingen oder Namen so tragisch wie in diesem Fall. Spannende Erklärungen gibt es auch für Erfindungen und alltägliche Redewendungen, wie die neuesten Bände zeigen. Ín ihrem Verlagsprogramm erscheint außerdem die Zeitschrift Women's History, die die Rollen bekannter Frauen der Geschichte beleuchtet.

Eva-Maria Bast las die Geschichte des ersten Geheimisses.
Eva-Maria Bast las die Geschichte des ersten Geheimisses. | Bild: Hanspeter Walter

Aus einem ebenso anrührenden wie lesenswerten Briefwechsel, der eben im Frankfurter Weissbooks-Verlag neu erschienen ist, trug Oswald Burger in der "Buchlandung am See" einige Passagen vor, die bisweilen unmittelbare Assoziationen zur heutigen Situation weckten. Berichtet wird von einer nach Palästina geflüchteten Mutter, die 1938 ihrem Sohn eine Reise ins "gelobte Land" USA ermöglicht. Besser gesagt: Die amerikanische Tante schickt das Ticket mit vielen gut gemeinten Ratschlägen für die Schifffahrt und der Vorfreude auf die erste Million in den Vereinigten Staaten. Dorthin schreibt Anuta aus Tel Aviv ihrem "Rubele", schildert ihm das von Terroranschlägen geplagte tägliche Leben und das Leid der "Refugees", die mit Schiffen anlanden und teilweise wieder weggeschickt werden. Während die Mutter 1940 aus Verzweiflung Selbstmord begeht, sollte ihr Sohn als Soldat George mit den Alliierten landen und später im Harz ein Konzentrationslager befreien. 

Oswald Burger las aus dem Briefwechsel von Anuta Sakheim.
Oswald Burger las aus dem Briefwechsel von Anuta Sakheim. | Bild: Hanspeter Walter

Jedes Jahr fluten rund 80 000 neue Titel den Buchmarkt. "Gute Zeiten für Dichtung?" Nein, so die ernüchternde Bilanz des St. Galler Literaturprofessors Mario Andreotti, der hinter die Kulissen des Literaturbetriebs blickte. Denn nach den Gesetzen des Marktes, bei denen das Augenmerk auf den Umsatzzahlen liegt, müssten eher die Autoren denn die Texte auffallen. Lyrik und Experimentelles hätten es schwer in einer Verlagslandschaft, die hauptsächlich die Konzerne Bertelsmann und Holtzbrinck untereinander aufteilten. Verlegerpersönlichkeiten seien verschwunden, heute vermittelten Literaturagenten zwischen Autor und Verlag, der Vertrieb sei zum "Promotionszirkus" mutiert, der Buchhandel zu Multimediakaufhäusern, die Literaturkritik oft massentauglich. Letztlich sei egal, wie ein Buch besprochen werde: "Hauptsache, es wird geredet." Die Autoren würden immer jünger – und immer früher verschlissen, geißelte Andreotti, der auch Juror beim Bodensee-Literaturpreis ist. 

Literaturprofessor Andreotti.
Literaturprofessor Andreotti. | Bild: Sylvia Floetemeyer

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