Überlingen Initiative will Città-Slow-Geist mit Leben erfüllen

Große Resonanz beim Informationsabend zur Città-Slow-Bewegung im Ratssaal in Überlingen. OB Zeitler zeigt sich noch skeptisch, ob die Idee tragfähig bleibt.

Überlingen – Sich von einer Idee begeistern zu lassen, das kann ganz schnell gehen. Die Vision von "Città Slow" jedoch mit Leben zu erfüllen und nach innen und außen wahrnehmbar zu machen, das ist schon eine deutlich größere Herausforderung. Dies wird am Beispiel Überlingen ganz deutlich, das 2004 als dritte Stadt in Deutschland in den kleinen Kreis der "lebenswerten Städte", wie man den Italo-Anglizismus gerne übersetzt, aufgenommen worden war. So richtig Feuer gefangen und in den Köpfen festgesetzt hat sich der Geist bis heute nicht, obwohl die Ideen von Nachhaltigkeit, Regionalität und besonderer Identität an vielen Stellen vorhanden sind.

Neu befeuern wollen die Idee der Hödinger Norbert Meier und einige Mitstreiter mit einem Informationsabend, zu dem der Präsident der deutschen Vereinigung, Manfred Dörr aus Deidesheim, und sein Stellvertreter, der Bad Schussenrieder Bürgermeister Achim Deinet, an den Bodensee gekommen waren. Beide sind erst ein halbes Jahrzehnt nach Überlingen zu der Bewegung gestoßen, leben sie allerdings deutlich intensiver, wie aus ihren Beiträgen deutlich wurde.

Obwohl er nur als Gast gekommen sei, um sich zu informieren, formulierte Oberbürgermeister Jan Zeitler in seiner Begrüßung gleich eine gehörig Portion Skepsis. So positiv die Idee sei, so erstaunlich sei es, dass sie in der Stadt bis heute nur wenig bekannt sei und kaum gelebt werde. Er fühle sich mit der Verwaltung nicht gezwungen dies voranzutreiben, sagte Zeitler, insbesondere wenn Überlingen sich seit mehreren Jahren vergeblich um eine Sporthalle bemüht habe. Wenn, dann müsse die Bewegung von unten getragen werden, betonte der OB.

Genau das will Norbert Meier erreichen, der überzeugt ist, dass das Label "zu Überlingen passt wie zu kaum einer anderen Stadt". Deshalb hoffe er, dass der Gedanke in Zukunft stärker trage und besser sichtbar werde. Erste Ansätze sah er zumindest in der positiven Resonanz auf die Veranstaltung. Meier: "Es ist für mich ein gutes Zeichen, dass so viele Interessierte gekommen sind."

Kur und Touristik-Chef Jürgen Jankowiak sieht in dem Città-Slow-Gedanken und in dem Label durchaus eine gute Chance, das Profil Überlingens als Gesundheitsstadt und Standort für nachhaltigen Tourismus zu schärfen. Als dominantes Aushängeschild sei es allerdings weder sinnvoll noch notwendig. Das Prädikat Kneippheilbad hält Jankowiak für wesentlich relevanter. Dass die Città-Slow-Idee im Marketing nach innen und außen allerdings auch zu wenig eingesetzt wird, beklagte Hotelier Werner Rummel. So sei die Cittá-Slow-Schnecke zwar auf dem Programmheft des WortMenue abgedruckt, auf dem Image-Prospekt der Touristiker suche man danach allerdings vergeblich. Dass es engagierte Motoren und Multiplikatoren sowie einen langen Atem braucht, zeigt die Slow-Food-Idee, aus der die Cittá-Slow-Bewegung entsprang. Zwei Jahre später – 2006 – von Hubert Hohler und Markus Keller aus der Taufe gehoben, hat sich das Convivium zwischen Friedrichshafen und Radolfzell gut etabliert. Die Notwendigkeit von engagierten Visionären ist auch ein Grund, dass der Verband keineswegs aktiv nach weiteren Mitstreitern sucht, wie Präsident Manfred Dörr ausdrücklich betont. Der Antrieb dazu müsse von den interessierten Kommunen selbst kommen.

Selbst dann ist es noch kein Selbstläufer, wie Überlingen als dritte Città-Slow-Stadt nach Hersbruck und Waldkirch ganz deutlich zeigt. Ein Gegenbeispiel scheint Bad Schussenried zu sein, wo Bürgermeister Achim Deinet nach seiner Wahl vor sieben Jahren ganz unvermittelt mit dem Gedanken konfrontiert worden war. Deinet hat ihn aktiv befördert und sich mit seiner Kommune unter anderem den European Energy Award erarbeitet. "Wir würden sonst sicher pro Jahr 100 000 Euro mehr an Energiekosten bezahlen", sagte er.

Die Bewegung

Es war eine Idee des italophilen Kulturbürgermeister Ulrich Lutz gewesen, mit Überlingen der damals noch jungen Bewegung beizutreten, die unter dem Italo-Anglizismus "Città Slow" firmierte. Der Gemeinderat hatte ihm im April 2003 den Rücken gestärkt. Doch über ein Jahr musste die Stadt warten, bis sie im Sommer 2004 als dritte Kommune nach Hersbruck in Fanken und Waldkirch im Schwarzwald in den kleinen Kreis aufgenommen wurde. Der Bauernmark, die geschichtsträchtige Identität und eine nachhaltige Entwicklung sollten das Markenzeichen sein. Doch so richtig mit Leben erfüllte sich das Label kaum. Bis heute sind es lediglich 17 Städte in Deutschland, die dem Netzwerk angehören, weltweit allerdings mehr als 200. (hpw)

Informationen im Internet: www.citta-slow.deundwww.cittaslow.net

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