Friedrichshafen In Gedanken jede Sekunde in Syrien

Saif Al Hamoud und Rajaa Al Sayar sind 2013 aus Idlib geflohen. Die Syrer haben große Angst um ihre Familie im hart umkämpften Gebiet. Ihr sechsjähriger Neffe kam bei einem Angriff im Januar ums Leben.

Es sind dutzende Bilder und Videos, die Saif Al Hamoud jeden Tag auf sein Handy geschickt bekommt. Bilder des Grauens aus Syrien, seiner Heimat, aus der er 2013 gemeinsam mit seiner Frau Rajaa Al Sayar und seinen Kindern Rageb, Ragad, Noori und Rania geflohen ist.

Die Familie kommt aus Idlib, der so hart umkämpften Region. Die Bilder, die Saif Al Hamoud täglich bekommt, stammen von seinen Freunden und Verwandten, die dieser Hölle ausgeliefert sind. "Sie wollen fliehen, aber sie wissen nicht wohin", schildert er. "Die Grenzen sind dicht." 74 Familienmitglieder hat der 36-Jährige im Krieg schon verloren, darunter zwei Brüder. Anfang Januar erreichte ihn die Nachricht, dass sein kleiner sechsjähriger Neffe bei einem Bombenangriff gestorben ist. "Er könnte noch leben, wenn die Grenzen offen und wenn Familiennachzug einfacher wäre", sagt er verzweifelt.

Die Region Idblid ist von den Kämpfen schwer getroffen. Hier eine Aufnahme vom 8. Januar, die einen Straßenzug in der nordsyrischen Stadt Iblid nach einer Explosion zeigt.
Die Region Idblid ist von den Kämpfen schwer getroffen. Hier eine Aufnahme vom 8. Januar, die einen Straßenzug in der nordsyrischen Stadt Iblid nach einer Explosion zeigt. | Bild: AFP

Tag für Tag sitzt er mit seiner Frau Rajaa und den inzwischen fünf Kindern – Töchterchen Inas wurde in Deutschland geboren – in der Wohnung in Deisendorf und betet: für Syrien, für seine Familie, seine Freunde. So machtlos fühlt er sich, so hilflos. Rajaa Al Sayar sagt, dass sie immer und immer traurig ist und so viel an ihre Mutter in Syrien denkt, die Diabetes und Bluthochdruck hat und Medikamente braucht, die sie nicht bekommen kann. Und dass es doch so kalt sei in Syrien. Dass die Mama keine Jacke habe und kaum Kleidung. Sie müsse unter freiem Himmel leben, da das Haus der Familie zerstört wurde.

Ein Angriff auf das Zuhause war auch für Saif al Hamoud und Rajaa Al Sayar der Grund zu fliehen. Sie war gerade dabei, ihr jüngstes Kind zu stillen, als das Haus getroffen wurde. Die 33-Jährige zeigt eine kleine Narbe am Kiefer, doch das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war der Bombensplitter im Kopf des Säuglings, der während der ganzen Flucht an Ort und Stelle blieb und erst in Deutschland entfernt wurde. Jetzt ist das Kind fünf Jahre alt und geht in den Kindergarten. Es hat lange gedauert, bis das kleine Mädchen sein Trauma annähernd überwunden hatte. "Sie war wirklich schwer traumatisiert. Wenn man sie angeschaut hat, hat sie geschrien", erinnert sich Margarete Liedecke, ehrenamtliche Mitarbeiterin bei der Diakonie, die sich um die Familie kümmert.

Familie wurde verfolgt

Ein weiterer Grund für die Flucht: Saif Al Hamouds Familie wurde verfolgt, da sie erkennbar gegen die Regierung ist. Das Ehepaar floh mit seinen Kindern zunächst in die Türkei und dann mit einem Schlauchboot über das Meer. "Wir hatten große Angst", sagt Rajaa Al Sayar. Zumal sie die Gefahren kannten, eine Kusine war kurz zuvor auf dem Wasser ums Leben gekommen. Mit Zug, Bus und zu Fuß kam die Familie schließlich nach Ellwangen, dann nach Sigmaringen und schließlich nach Deisendorf. Hier haben die Al Hamouds Freunde gefunden, Nachbarn, die sich um sie kümmern. Hildegard Schumann zum Beispiel, zu der Rajaa Al Sayar in Tränen aufgelöst rannte, als sie vom Tod ihres kleinen Neffen erfuhr. Nach deren Hand greift sie während des Gesprächs immer wieder haltsuchend.

Ja, sie haben Nachbarn, Menschen, die sich um sie kümmern, die ihren Teil zur Inegration beitragen. Die Integrationsmanagerin der Diakonie, Ewa Ziehm, findet, dass die Familie Al Hamoud ein gutes Beispiel für gelungene Integration sei. "Die Kinder lachen wieder, sie spielen, sie sind erfolgreich in der Schule und sie gehen in die Regelklassen." Die Kinder sind das Glück ihrer Eltern. Und doch können Saif Al Hamoud und Rajaa Al Sayar nicht glücklich sein, in keiner Sekunde, wie sie sagen. Mit ihren Gedanken sind sie ständig in Syrien. Seit fünf Jahren haben sie ihre Familie nicht gesehen. Hoffnung auf ein Wiedersehen haben sie nicht. Also glauben die beiden nicht an Frieden? Nein, sagt ein Freund der Familie, ebenfalls Syrer, der aber namentlich nicht genannt werden will, weil er um seine Schwester fürchtet, die im besetzten Gebiet lebt. "Solange es Assad gibt, gibt es keinen Frieden."

In den vergangenen Tagen wurden mehrere Krankenhäuser von der Luft aus zerstört. Das "Sham Surgical"-Krankenhaus am gestrigen Donnerstag.
In den vergangenen Tagen wurden mehrere Krankenhäuser von der Luft aus zerstört. Das "Sham Surgical"-Krankenhaus am Donnerstag. | Bild: AFP

Wie hält man das aus? Diese Angst, diese Furcht, diesen Kummer? Das Ehepaar schüttelt nur den Kopf. Dafür gibt es keine Worte. Man hält aus, weil man muss.

 

Kampf um Idlib

Im Dezember startete Machthaber Baschar al-Assad mit seinen russischen Verbündeten eine Offensive auf die von Rebellen kontrollierte Region Idlib im Nordwesten Syriens. Berichten zufolge leben in der Provinz 2,5 Millionen Menschen, fast jeder zweite ist ein Binnenflüchtling. Viele von ihnen lebten trotz des Winters in notdürftigen Camps und Unterkünften. Idlib hatte zuvor knapp eine Million Menschen aufgenommen, die aus Kriegsgebieten geflohen waren. Laut Angaben der Vereinten Nationen wurden seit Mitte Dezember mehr als 325 000 Menschen von der Gewalt vertrieben. (emb)

 

Ihre Meinung ist uns wichtig
% SALE bei SÜDKURIER Inspirationen %
Neu aus diesem Ressort
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren