Überlingen Image des Kurorts steht auf der Kippe

Die Landesgartenschau rückt näher, bei der sich die Stadt von ihrer besten und schönsten Seite zeigen will. Doch nicht nur auf die Optik kommt es an, das Prädikat des Kneippheilbads ist durch den Verkehr in der Innenstadt schon seit einigen Jahren gefährdet.

An zwei repräsentativen, von ihm selbst gewählten Standorten der Stadt hatte der Deutsche Wetterdienst von 5. Juli 2013 bis 4. Juli 2014 Langzeitmessungen vorgenommen. Für das Kurgebiet wurden die Werte auf dem Gelände der Klinik Buchinger-Wilhelmi erfasst, für die verkehrsreiche Innenstadt in unmittelbarer Nähe des Franziskanertors.

Insbesondere die Belastung durch Stickstoffdioxid war gemessen an den Bestimmungen des Deutschen Heilbäderverbands "in unzulässiger Weise erhöht", hieß es in dem Gutachten. Die geltenden Kurzzeitrichtwerte für Stickstoffdioxid wurden ebenfalls zu häufig überschritten. Auch bei einem relevanten Bestandteil des Grobstaubs war die Belastung zu hoch. Im kommenden Jahr muss die Stadtluft erneut auf den Prüfstand.

2018 steht die nächste Prüfung an

"Mir ist schon daran gelegen", hatte Bürgermeister Matthias Längin im November 2014 erklärt, "dass wir im zweiten Quartal 2015 zumindest erste Schritte zu einer Verbesserung umsetzen können." Diese Hoffnung war wohl zu optimistisch. Doch die Verwaltung sieht sich mehr als zwei Jahre später zumindest auf dem richtigen Weg. "Zwischenzeitlich wurde die Tempozone 20 in der Altstadt eingerichtet", erklärt Pressesprecher Raphael Wiedemer-Steidinger. "

Ab 2018 enden sämtliche regionalen Buslinien bis auf die Seelinie und Linie von und nach Bodman-Ludwigshafen am ZOB." Zudem seien "viele Parkplätze in der Altstadt außerhalb von Parkhäusern" zurückgebaut sein. Wiedemer-Steidinger: "Das Parkleitsystem wird bis zum Frühjahr 2018 installiert sein, sodass der Parksuchverkehr weiter reduzieren wird."

Das wäre gut, denn 2018 steht die nächste Prüfung an. Dieses Mal ist es keine Luftqualitätsmessung, sondern eine "bioklimatologischer Bewertung", wie Wiedemer-Steidinger betont. Hierbei werde die Eignung des Bioklimas im Hinblick auf die angestrebte Artbezeichnung "Kneippheilbad" betrachtet.

Die Franziskanerstraße mit dichtem Verkehr.
Die Franziskanerstraße mit dichtem Verkehr. | Bild: Stefan Hilser

Ein Überlinger, der nicht nur viel mit Luftqualität zu tun hat, sondern im Verlauf des Jahres für viel Aufsehen gesorgt hat, ist Jürgen Resch aus Bonndorf, der Geschäftsführer und das Gesicht der Deutschen Umwelthilfe (DUH) ist. Mit seiner massiven Kritik an den Diesel-Manipulationen und der erfolgreichen Klage beim Verwaltungsgericht Stuttgart erregte er größte Aufmerksamkeit. Ob die Situation in der Überlinger Innenstadt so dramatisch ist wie am Neckartor, mag dahin gestellt sein. Was dort der ganze Talkessel ist, seien hier "die engen Gassen und Häuserschluchten", sagt Resch.

Das Problem kann man riechen

Zwar rät Umwelthilfe-Chef Resch der Stadt, ein aussagekräftiges Gutachten zur Luftqualität erstellen zu lassen. Doch auch der eigenen Nase traut er einiges zu. "Ich brauche nicht Koch zu sein, um zu wissen, wenn ein Schnitzel verbrannt ist", zitiert er in diesem Fall gerne Hans Moser. Nicht nur in der Jakob-Kessenring-Straße könne man das Problem fast täglich riechen. "Ich fahre häufiger mit dem Fahrrad hier durch", sagt Jürgen Resch: "Da merkt man das gleich."

Von einer Vollsperrung für den Individualverkehr verspricht sich Resch gar nicht so viel. "Sie haben ja immer noch viel Anwohner- und Lieferverkehr." Sinnvoller aus seiner Sicht wäre es auch für Überlingen, eine "Umweltzone oder Ähnliches" auszuweisen und vor allem die wirklichen Hauptverschmutzer draußen zu halten. In Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann finde die Stadt sicher einen Unterstützer. Raus müssten aus Reschs Sicht sämtliche Dieselfahrzeuge, die jenseits der Euronorm VI liegen.

Insbesondere die Busse des ÖPNV und die Taxis gelte es genau unter die Lupe zu nehmen, empfiehlt der Umwelthilfe-Chef. Er selbst habe in Überlingen auch schon Spotmessungen auf Feinstaubpartikel vorgenommen, sagt Jürgen Resch. Die Topografie der Innenstadt mit ihren teilweise engen Häuserschluchten beeinträchtige den Luftaustausch. Erschwerend hinzu komme der enorme "Durchgangs- und Standverkehr". Wenn Überlingen sein Image und seinen Status als Kurort erhalten wolle, würde er der Stadt dringend weitere konkrete Maßnahmen empfehlen. "Wenn wir die Schweizer Grenzwerte hätten, wäre das anders" , erklärt er.

Gerade die Dieselloks am nördlichen Seeufer seien "abenteuerlich", was die Abgase angehe. "Das ist noch eine Technik aus den 1980er Jahren", sagt Jürgen Resch. Besonders am Trog des Überlinger Bahnhofs Mitte seien die Konsequenzen quasi täglich zu riechen. Aber diese technische Nachrüstung müsse man bei der Bahn auch "einfordern", sagt er..

Zur Person

Jürgen Resch ist seit 1988 Bundesgeschäftsführer des Vereins Deutsche Umwelthilfe (DUH). Er studierte Verwaltungswissenschaften an der Universität Konstanz und begann seine umweltpolitische Karriere 1975 als Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Bodensee und Anfang der 80er Jahre als Vorsitzender des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben beim Bund für Umwelt- und Naturschutz e.V. (BUND). Von 1983 bis 1986 baute er parallel zum Studium beim BUND die Kampagnenabteilung auf und war Persönlicher Referent des damaligen Bundesvorsitzenden Prof. Dr. Gerhard Thielcke. 1986 kam er als Assistent des damaligen Bundesvorsitzenden Helmut Ruland zur DUH, wurde ein Jahr später Geschäftsführer und leitet seit 1988 bis heute als einer von zwei Bundesgeschäftsführern den Verein.

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