Überlingen Gemeinderat befürwortet Naturkindergarten am Waldorfkindergarten

Mehr Raum für Überlinger Kinder in freier Natur. Der Rat stimmt für eine neue Gruppe beim Waldorfkindergarten. Ein bewährtes Beispiel dafür bietet der Waldkinidergarten in Überlingen-Deisendorf seit nunmehr 15 Jahren.

Not macht erfinderisch, sagt man, ja bisweilen kann aus der Not sogar eine Tugend oder besser ein Erfolgsmodell werden. Das wird an zwei Beispielen der Kinderbetreuung deutlich, von denen eines schon lange erfolgreich praktiziert wird, das andere erst noch entstehen soll. Aus Platzgründen hatte der Förderverein des Ortsteils Deisendorf schon vor rund 15 Jahren eine Waldgruppe eingerichtet, die in luftiger Höhe über dem Nußbachtal ihren Standort unter Baumkronen hat und als Zufluchtsort bei besonderen Wetterereignissen einen fröhlich bemalten Bauwagen besitzt. Allein die Natur bietet schon genügend Herausforderungen zum Rennen, Springen und Klettern, daneben hat die Gruppe einen eigenen Hochsitz als Beobachterposten.

Von dort aus können die Jungen und Mädchen ihre Aufmerksamkeit künftig noch gezielter walten lassen. Denn Hartmut Walter, Vorsitzender des Naturschutzbunds und Vogelkenner, brachte den Kindern jetzt zwei eigene Nistkästen, die er mit Gruppenleiter Markus Müller gleich an mächtigen Buchen installierte. Gerade der ideale Zeitpunkt, denn die Meisen werden sich demnächst auf die Suche nach einem Nistplatz machen. Doch das war lediglich das sichtbare Mitbringsel der Ornithologen. Eine Spende von 500 Euro aus dem Erlös des Nabu-Flohmarkts in Andelshofen hatte er dem Verein des Waldkindergartens schon überwiesen. "Uns ist es einfach ein großes Anliegen, dass Kinder frühzeitig mit den Schönheiten der Natur in Berührung kommen und so die Neugier geweckt wird", erklärte Hartmut Walter: "Genau das geschieht hier."

Sommer oder Winter, Regen oder Schnee – die Erziehung findet draußen vor der Tür statt, die Erfahrungen werden in der Natur unter freiem Himmel, allenfalls unter dem schützenden Dach der Baumkronen gemacht. Selbst bei den minus 10 Grad der letzten Wochen waren die Kinder draußen – zumindest meistens. "Manchmal war zudem noch ein eisiger Wind, der schon sehr unangenehm war", berichtet Markus Müller. Und so geschah es auch an einem einzigen Tag, dass die Kleinen streikten. Wenn ein Kind einmal zu weinen anfange, könne dies die anderen schnell anstecken. Schon etwas mildere Temperaturen und Sonne hatte sich Nabu-Vertreter für seinen Besuch ausgesucht. Im "Stuhlkreis" konnte Hartmut Walter so den Kindern die Nistkästen demonstrieren und während er deren Aufbau erklärte, zwitscherten rundherum schon die Kohlmeisen und die Rotkehlchen.

Die Einrichtung eines weiteren Naturkindergartens bzw. einer entsprechenden Gruppe wurde jetzt von der Waldorfschule beantragt und diese kann demnächst in Rengoldshausen entstehen. Geradezu begeistert hatte sich schon der Ausschuss für Bildung und Kultur von den Plänen gezeigt und auch der Gemeinderat folgte der Empfehlung des Gremiums einstimmig, ab September 2018 eine Naturgruppe in den Kindergartenbedarfsplan aufzunehmen. Als Dach über dem Kopf soll der neuen Gruppe auch ein Bauwagen auf dem Hofgut dienen. Dies zeige einmal mehr die "bunte Vielfalt" der Betreuungsangebote in der Stadt, betonte Oberbürgermeister Jan Zeitler erfreut.

Der Träger hatte auf einen neuen Bedarf für 70 Kinder über drei Jahren verwiesen, während lediglich 35 an die Schule abgegeben würden. Die Hälfte könne man daher nicht unterbringen. Eine Zurückweisung von Geschwister- und Krippenkindern wäre aus Sicht des Trägers eine "unverhältnismäßige Belastung" für die betroffenen Familien und würde zudem "dem guten Ruf der Einrichtung schaden". Deshalb wolle der Waldorfkindergarten mit der Naturgruppe eine siebte Ü3-Gruppe schaffen. Die Investitionen für den Bauwagen, dessen Einrichtung und die erforderliche Infrastruktur werden mit 83 500 Euro beziffert, wobei ein Teil über ein Förderprogramm des Regierungspräsidiums abgedeckt werden soll. Die Stadt müsse 70 Prozent der nicht gedeckten einmaligen Kosten übernehmen, erklärte Abteilungsleiterin Adelheid Hug und beziffert diese auf möglicherweise 25 000 Euro. Die Betriebskostenförderung durch die Kommune beliefe sich jährlich auf rund 92 000 Euro, die sich durch Zuweisungen aus dem Finanzausgleich und den interkommunalen Kostenausgleich auf rund die Hälfte reduzieren könne, prognostizierte Hug.

Kiga in Wald und Natur

  • Waldkindergarten: Seit Sommer 2016 ist der Verein "Kinderhaus Storchennest Deisendorf" offiziell eingetragen und der Betrieb des Kindergartens aus dem Förderverein Deisendorf herausgelöst, der die Einrichtung als Träger vor rund 20 Jahren gegründet hatte. Zum Kinderhaus "Storchennest" gehören eine Regelgruppe und die Kinderkrippe im Schulhaus sowie der Waldkindergarten, der schon seit 15 Jahren existiert und sich längst zu einem Erfolgsmodell gemausert hat. Gefragt ist die von Markus Müller geleitete Waldgruppe aus der Umgebung. Die Idee war in Dänemark entstanden und verbreitete sich schon in den 1970er Jahren in ganz Skandinavien. In Deutschland sind Waldkindergärten erst seit den 1990er Jahren offiziell anerkannt und verbreiteten sich erst daraufhin in allen Regionen. Ansprechpartner, Teamleitung: Markus Müller, Telefon 0 75 51/97 00 37, mobil 0 17 4/6 81 35 74, E-Mail kiga@deisendorf.de, www.deisendorf.de/waldkindergarten
  • Naturkindergarten: Der geplante Naturkindergarten auf dem Hofgut in Rengoldshausen folgt den gleichen Grundsätzen wie die Waldkindergärten, die beim Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) festgeschrieben sind. Er ist lediglich nicht im Wald angesiedelt. Ja, der KVJS selbst hat inzwischen den Terminus Naturkindergarten als umfassenderen Oberbegriff für derlei Angebote gewählt, da "zusätzlich zum klassischen Waldkindergarten in den letzten Jahren verschiedenste Naturräume (Wiese, Park, Jugendfarm, Heide, Strand etc.) für diese Betreuungsform genutzt werden", wie es heißt. Ansprechpartner, Krippe: Christine Rose, Telefon 07551 8301 81, krippe@waldorfkindergarten-ueberlingen.de; Kindergarten:? Gundi Brenner, Telefon 0755 1/6 30 79 oder 0 75 51/83 01 83; kontakt@waldorfkindergarten-ueberlingen.de (hpw)

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