Überlingen FDP wettert gegen Schließung der Hafenstraße, und nur einer hält dagegen

Joachim Stumpf vertritt mutig in einer FDP-Veranstaltung die Gegenposition. Es geht um die Schließung der Hafenstraße, um die Verkehrslenkung überhaupt – und um die Sorgen, die der Einzelhandel von Überlingen damit hat. Heute fällt im Gemeinderat die Entscheidung.

Angst ist ein großes Wort. Raimund Wilhelmi, Vorsitzender im FDP-Ortsverein, hat "Angst", wie er sagt: "Davor, dass Überlingen nach und nach verarmt, und dass die Sicherheit in der Stadt nicht mehr gewährleistet sein wird." Er zeichnete bei einer FDP-Veranstaltung am Montagabend vor rund 50 Zuhörern das düstere Bild einer aussterbenden Innenstadt, wo dunkle Gestalten die Oberhand gewinnen. Auch sei die Freiheit des Bürgers, mit dem Auto in die Stadt zu fahren, in Gefahr. Ja, wenn der Gemeinderat, wie anzunehmen ist, die Hafenstraße für Autofahrer sperren lässt.

Mit Autos hat Joachim Stumpf kein Problem. Er war Entwicklungs-Ingenieur bei Daimler in Stuttgart, nach seiner Pensionierung 2010 zog er nach Überlingen. Er hat ein Haus in der Hafenstraße gekauft und saß als Gast in der FDP-Veranstaltung, mutterseelenalleine unter gut 50 Leuten, die gegen die Schließung der Hafenstraße wetterten. Er befürwortet sie.

Mit dem Bekenntnis zu seiner Angst setzte Raimund Wilhelmi bei der Begrüßung im Restaurant "Arena" ein Ausrufezeichen hinter die Einladung, die mit einem Fragezeichen gekennzeichnet war: "Schließung der Hafenstraße – Tod der Überlinger Innenstadt?", lautete der Titel, den Wilhelmi sich ausgedacht hatte. Manchmal, so sagte er zur Begründung, müsse man zu drastischen Worten greifen, "um die Leute wachzurütteln".

Koalition aus WVÜ und BÜB+

Wen rüttelte die FDP wach? Ihrer Einladung folgten viele Einzelhändler, die im Wirtschaftsverbund organisiert sind, also Leute, die seit Jahren hellhörig auf das Thema reagieren. Außerdem kam die Gruppe um Dirk Diestel, die unter dem Namen BÜB+ nächstes Jahr in den Gemeinderat gewählt werden möchte. Sie alle einte am Montag die Überzeugung, dass eine Sperrung der Hafenstraße zu einem Verkehrschaos führe, weil dann alle am Landungsplatz von Westen her kommenden Autos über die Franziskanerstraße ausfahren müssen. Somit würde dem Einzelhandel Schaden zugefügt. Die Kundschaft könne nicht mehr mit dem Auto in gewohnter Weise in die Innenstadt fahren, erledige ihre Einkäufe anderswo. Unter dem Applaus der Anwesenden untermauerte Diestel die Sorge mit dem Hinweis, dass sein Fotografengeschäft "an der Sperrung der Münsterstraße vor 27 Jahren pleite gegangen" sei.

Einzelhändler Hansjörg Kübler (Spectrum) sagte, dass in Überlingen "Meersburger Verhältnisse" geschaffen würden, mit im Winter geschlossenen Läden. Nicht die Verkehrsführung sei in Überlingen das Problem. "Hier bräuchte ich gar keine Veränderung." Sondern die zu wenigen Parkplätze. "Die sind am Samstag ab elf Uhr dicht. Das Parkhaus Post ist viel zu klein." Klaus Munding vom gleichnamigen Modehaus sagte, dass der Seesportplatz "dringend" unterkellert werden müsse, für neue Parkplätze. Birgit Frauenfelder (Sport Schmidt) warnte vor jeglicher Art von Experimenten. Sie könne anhand der Frequenzzahlen (reine Besucherzahlen) in ihren beiden Geschäften gut ablesen, wie sensibel die Kundschaft auf Veränderungen reagiert. "Ich habe so einen Hals", sagte sie. Reinhard Haas, Vorsitzender im Wirtschaftsverbund WVÜ, meinte, dass die Händler "an einer gesamtheitlichen Lösung" mitarbeiten würden, was jetzt geplant ist, das sei aber "Flickschusterei". FDP-Stadtrat Reinhard Weigelt erinnerte daran, dass früher, vor etwa zehn Jahren, im Rat das Credo herrschte, "von außen nach innen" zu beruhigen. Erst, wenn Park-and-Ride-Plätze in ausreichender Zahl geschaffen und das Parkleitsystem installiert sein würde, sei an Sperrungen zu denken. "Nun macht man den dritten vor dem ersten Schritt." Die Versammlung war in sich so geschlossen und ganz einer Meinung, dass es auch keinem mehr aufzufallen schien, als nur noch geschimpft und nicht mehr argumentiert wurde. "Das ist alles so ein Schwachsinn", sagte Kristin Müller-Hausser (BÜB+), die für ihre Aussage zwar keine Begründung lieferte, im Ristorante Arena aber viel Applaus ernte.

Stumpf in der Arena

Wäre da nicht Joachim Stumpf gewesen, die FDP hätte mit dem für sie guten Gefühl heimgehen können, alle überzeugt zu haben. Doch Stumpf fragte in die Runde: "Wollen wir eine autogerechte Stadt oder eine Stadt für Leute, die hier gerne einkaufen?" Es gehe darum, die Aufenthaltsqualität zu verbessern, und das gelinge umso besser, wenn man Wohlfühlatmosphäre schafft, in der Fußgänger und Autofahrer mindestens gleichberechtigt nebeneinander existieren können. Prompt gab es den Versuch, den Neubürger wegzumeckern. Zwei Händler fragten: Wie könne einer, der vor acht Jahren nach Überlingen kam und in der Innenstadt ein Haus kaufte, nun den Einheimischen sagen wollen, wie sie's zu machen haben?

Stumpf blieb aufrecht. Am Folgetag stellte er sich demonstrativ in die Hafenstraße, mit dem für ihn guten Gefühl, dass er nur ausdrückte, was der vorläufigen Mehrheitsmeinung im Gemeinderat entspricht, und im Wissen, dass nicht im "Arena" der Kampfplatz liegt, sondern dass die Entscheidung heute im Ratssaal fällt.

Am Mittwoch im Gemeinderat

Der Rat entscheidet am Mittwoch, 9. Mai, in der um 17 Uhr beginnenden Sitzung über eine Schließung der Hafenstraße für den motorisierten Individualverkehr (Anlieger und Anlieferverkehr frei) und über eine Öffnung der Straße für Radfahrer von Ost nach West (an der Marktstraße sollen Radler über eine Bedarfsampel Richtung Christophstraße geleitet werden). Der Gemeinderats-Ausschuss für Verkehrsfragen hatte vergangene Woche mit 7:2 Stimmen eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Rat heute der Empfehlung folgt, ist bei diesen Mehrheitsverhältnissen also groß. Die 2 Gegenstimmen im Ausschuss kamen von FDP und Linken.

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