Überlingen Dokumentation der Platanenallee: Bäume passen jetzt in einen Leitz-Ordner

Vor knapp einem Jahr wurden nach langer, hitziger Diskussion die Platanen im Überlinger Westen gefällt. Auflage des Denkmalamtes war die Erstellung einer Dokumentation. Grünflächenamtsleiter Rolf Geiger blickt zurück, erklärt die Unterlagen – und äußert seine Sorgen wegen der Pflege des Uferparks.

Einst waren es prächtige Bäume, heute existieren nur noch auf Papier. Bald ein Jahr ist es her, dass die Platanenallee im Überlinger Westen gefällt wurde, um Platz für die Gestaltung eines Uferparks zu schaffen. Vorausgegangen war eine monatelange, hitzig geführte Debatte über die Historie der Allee und den Wert der Bäume für Überlingen.

Für Rolf Geiger, Leiter des städtischen Grünflächenamts, waren es sehr anstrengende Monate, wie er heute rückblickend sagt. "Es war eine sehr schwere Zeit, die immens an meiner Substanz gezerrt hat." Er sei während der fast ein Jahr andauernden Debatte oft angegriffen worden, teilweise auch privat. Aus Selbstschutz habe er sogar mehrmals darauf verzichtet, an Veranstaltungen teilzunehmen. Besonders getroffen habe ihn das, weil er sich selbst eigentlich aus Baumschützer sieht, schließlich sei unter ihm ja auch die Baumschutzsatzung eingeführt worden. Auch bei der Platanenallee sei es ihm sehr schwergefallen, sich für die Fällung einzusetzen, "aber wenn höhere Ziele in einem demokratischen Prozess beschlossen werden, habe ich mich als Bediensteter der Stadt für diese Ziele einzusetzen". Er habe aber gerne für das Projekt Uferpark gekämpft: "Das, was jetzt entsteht, ist für mich wesentlich wertvoller als die Allee."

Grünflächenamtsleiter Rolf Geiger erklärt die Dokumentation der gefällten Platanenallee. Bild: Martin Deck
Grünflächenamtsleiter Rolf Geiger erklärt die Dokumentation der gefällten Platanenallee. Bild: Martin Deck | Bild: Martin Deck

Seit der Fällung der Bäume am Rosenmontag des vergangenen Jahres sei abrupt Ruhe eingekehrt. Auch die Bild- und Schriftdokumentation der historischen Platanenallee habe bislang noch niemand einsehen wollen. Diese Dokumentation war Voraussetzung des Landesdenkmalamts für die Genehmigung der Fällaktion, nachdem die Allee als Kulturdenkmal eingestuft worden war. Von November 2016 bis Februar 2017 erstellte das von der Stadt beauftragte Landschaftsarchitekturbüro Wiegel aus Bamberg einen mehrseitigen Bericht mit historischer Einordnung, Bildern, Standortplänen und Bewertungen des gesundheitlichen Zustands der Bäume – letztere wurde vom städtischen Grünflächenamt erstellt, was Rolf Geiger damit erklärt, dass hierfür eine langfristige Beobachtung vonnöten gewesen sei: "Ein Baum ist kein Merklinkasten, aus dem man einzelne Bausteine rausholt und einfach zusammensetzt."

Für jeden der 43 gefällten Bäume ist ein eigenes Datenblatt vorhanden. Dabei wurde nach einem Bewertungssystem Punkte in den Kategorien Vitalität, Schäden, Alter, Höhe, Stamm- und Kronendurchmesser vergeben, um ein Gesamturteil zu bilden. Das Ergebnis: Mehr als 90 Prozent der Platanen wurden mit "erhaltenswert" beurteilt, dem zweithöchsten Wert der vierstufigen Skala. "Es war von Anfang an klar, dass die Bäume nicht aus gesundheitlichen Gründen gefällt werden. Die Entscheidung war eine politische", sagt Geiger, der aber einräumt, dass in der hitzigen Debatte vonseiten der Stadt und LGS GmbH auch teilweise mit dem geschwächten der Bäume argumentiert wurde. "Es ist leider Gottes mit viel Emotion argumentiert worden, unter anderem wurde falsche Zahlen beim Alter genannt. Da haben wir reagieren müssen."

Zwar gibt es an der historischen Bedeutung der Allee am westlichen Stadteingang keine Zweifel. So findet sich in der Dokumentation auch die Bewertung Denkmalamts wieder, das der Anlage einen "dokumentarischen Wert" bescheinigte – "insbesondere für die stadtgestalterischen Maßnahmen um 1900 und für die Entwicklung Überlingens als Fremdenverkehrs- und Erholungsort". Allerdings ist dort auch festgehalten, wie stark ab den 1960er-Jahren durch Beschneidungen und Neupflanzungen immer wieder in die Baumreihen eingegriffen wurden.

Auch wenn sich Rolf Geiger erleichtert zeigt, dass die Diskussion um die Platanen mittlerweile beendet ist, bringt die bevorstehende Gartenschau für ihn und seine Abteilung weitere Strapazen mit sich. Zwar sei die LGS "eine unheimliche Herausforderung und spannend", dass sie aber so viel Energie koste, habe er im Vorfeld nicht erwartet. Insbesondere die Diskussion mit den LGS-Planer koste Kraft. Zwar sei die Zusammenarbeit generell gut, doch nicht immer verfolgten LGS GmbH und das Grünflächenamt dieselben Ziele. "Planer denken nur in ihrem Projekt." Er habe hingegen die langfristige Sicht im Blick und sieht sich dabei als Vertreter der Bürger. "Man muss den Ort und die Geschichte kennen."

Auch nach Ende der Gartenschau rechnet Geiger mit viel zusätzlicher Arbeit für seine Mitarbeiter, schließlich will der Uferpark, dann Bürgerpark genannt, gepflegt werden. "Das kostet sicherlich viel Arbeit." Sorgen machen ihm dabei weniger die Rasenflächen, die mit Maschinen leicht gemäht werden könnten, als vielmehr die Tausenden Weidensetzlinge, die zur Stabilität zwischen den Granitblöcken im Uferbereich gepflanzt werden. Spätestens alle zwei Jahre sollten diese geschnitten werden, sollen künftig doch keine ausgewachsenen Bäume den Blick auf den See versperren. Das Problem: Der Aufwand dafür ist immens. Die Weiden müssten einzeln von Hand beschnitten, der Arbeiter wegen des abfallenden Ufers mit einem Seil gesichert werden. Wie das funktionieren soll, weiß der Grünflächenamts-Chef heute noch nicht. Klar scheint aber die Aussage der Stadtverwaltung, dass es hierfür nicht mehr Personal geben wird.

Rodung in Kleingärten

In den kommenden Tagen beginnen die ersten Maßnahmen für das Projekt Grünvernetzung der Landesgartenschau. Bis Ende Februar müssen die Heckenrodungs- und Baumfällarbeiten aus naturschutzrechtlichen Gründen abgeschlossen sein. Auf dem Rosenobelturm und der angrenzenden Rosenobelschanze muss der Wildwuchs und einige Bäume entfernt werden, heißt es vom Grünflächenamt. Zudem werden die Buchsbaumhecken in den Menzinger Gärten gerodet, die laut der Behörde vom Buchsbaumzünsler stark geschädigt und großenteils ganz abgestorben sind. "Als öffentliche Behörde dürfen wir nicht die benötigten Pestizide einsetzen", sagt Rolf Geiger. Das ursprüngliche Erscheinungsbild solle aber durch die Anpflanzung einer neuer Hecke wieder hergestellt, allerdings mit anderen Arten. Im Anschluss an die Gartenschau sollen die einzelnen Parzellen wieder an Kleingärtner verpachtet werden – mit Ausnahme von drei Flächen, die künftig als Aussichtpunkt dienen sollen.

Ihre Meinung ist uns wichtig
% SALE bei SÜDKURIER Inspirationen %
Neu aus diesem Ressort
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Die besten Themen
Kommentare (2)
    Jetzt kommentieren