Überlingen Begrüßungsfest für Vogelkolonie: Willkommens-Rap für den Waldrapp

Halb Hödingen ist bei der offiziellen Begrüßung der kleinen Vogelkolonie dabei und Projektleiter Johannes Fritz betont: So eine Begeisterung habe ich bisher nicht erlebt. Regierungspräsident Klaus Tappeser darf seinen Patenvogel "Kopernikus" streicheln.

Hödingen ist auf dem besten Weg zur Waldrapp-City zu werden. Das halbe Dorf schien beim Willkommensfest für die 31 jungen Vögel versammelt zu sein, die hier den ersten Flug in ihr Winterquartier üben. Aus Tübingen angereist war Regierungspräsident Klaus Tappeser, der Schirmherr des Projekts ist und dem eine Patenschaft für Waldrapp "Kopernikus" urkundlich bestätigt wurde. Ja, der Behördenchef durfte seinem von den Ziehmüttern wohlbehüteten Kopernikus beim Rundgang sogar zärtlich über das Gefieder streicheln. "Die Federn sind ja richtig weich", konstatierte er strahlend. Hödinger Kinder sangen und dichteten für die längst ins Herz geschlossenen Tiere. Reinhard Moser und Thomas Hepperle intonierten zum Abschluss einen heiteren und schwungvollen Waldrapp-Rap und ließen das Publikum einstimmen.
 

Jaaaa, der Waldrapp lebt: Einen echten Rap hatten Reinhard Moser (links) und Thomas Hepperle auf die Rappen arrangiert und das Publikum machte mit.
Jaaaa, der Waldrapp lebt: Einen echten Rap hatten Reinhard Moser (links) und Thomas Hepperle auf die Rappen arrangiert und das Publikum machte mit. | Bild: Hanspeter Walter

Wissenschaftler Johannes Fritz und sein Team praktizieren eine sensible Balance zwischen Distanz und Ruhe, die die Tiere in der Eingewöhnungs- und Lernphase brauchen, und der kontrollierten Begegnung mit den Menschen und der Publizität, die sie für die Akzeptanz und das Verständnis des Vorhabens ebenso benötigen. Am besten ist dies daran abzulesen, dass selbst der Projektleiter seine beiden Ziehmütter fragt, ob ein Besucher mal etwas näher an die Voliere treten darf. In Hödingen scheint diese Balance mit Unterstützung des Vereins zur Erhaltung der Kulturlandschaft zu gelingen. Per Flugblatt hält Marin Keßler, Vorsitzender und Ortsvorsteher, seine Mitbürger auf dem Laufenden.

"Ganz besonders stolz sind wir auf unsere Flaps, für sie wird das Fliegen sicher ein Klacks", hatten die Schulkinder gedichtet und zeigten sich tolerant, was die Ästhetik der jungen Krummschnäbel angeht: "Ob sie schön sind oder nicht, bleibt jedem seine eigene Sicht." Sich in die "herben Schönheiten" (Johannes Fritz) verliebt zu haben scheint sich auch Oberbürgermeister Jan Zeitler, der den Tieren schon zum zweiten Mal seine Aufwartung machte. "Es ist wunderbar, dass Sie den Weg hierher in das schöne Hödingen gefunden haben", wandte er sich an Projektleiter Fritz. "Es war ein Glücksgriff, dass wir hier diese schöne Fläche und die Infrastruktur zur Verfügung stellen konnten." Alle Hödinger hätten längst gesagt: "Das ist unser Projekt. Das ist etwas ganz Besonderes, was hier stattfindet."
 

Großer Bahnhof für den Waldrapp in Hödingen: Auch Oberbürgermeister Jan Zeitler (rechts) und Regierungspräsident Klaus Tappeser waren begeistert vom Empfang für die Vögel.
Großer Bahnhof für den Waldrapp in Hödingen: Auch Oberbürgermeister Jan Zeitler (rechts) und Regierungspräsident Klaus Tappeser waren begeistert vom Empfang für die Vögel. | Bild: Hanspeter Walter

Schon Klaus Tappesers früh verstorbener Vorvorgänger Hermann Strampfer hatte noch in der Planungsphase die Zusage gegeben, die Schirmherrschaft für das Projekt zu übernehmen. Da stand der neue Regierungspräsident nun und konnte nicht anders, erklärte der Behördenchef mit einer Anleihe an Martin Luther. Doch er übernahm diese Verpflichtung mit spürbarem Interesse. Respekt zollte er den jungen Ziehmüttern, die sich hier engagierten und "ein Stück Lebenszeit opfern". Bewunderung nötigte dem Regierungspräsidenten ab, "dass die Brutzyklen so angepasst werden sollen, dass zur Landesgartenschau 2020 nicht nur die Straßen fertig, sondern auch die jungen Waldrappe ausgebrütet worden sind."

So eine Begeisterung habe er bisher noch nie erlebt, freute sich Johannes Fritz, der von den ersten erfolgreichen Flugversuchen über eine größere Distanz berichtete. Fritz wies auf das von den Menschen zu verantwortende massive Artensterben auf der Erde hin. In der Ansiedlung des Waldrapps, der vor mehr als 300 Jahren durch die Jagd ausgerottet worden sei, sieht er ein modellhaftes Signal, um der Entwicklung gegenzusteuern.

Das ganze Projekt passe bestens zu Hödingen, erklärte Thomas Hepperle und überbrachte Grüße von Vogelkundler Peter Berthold, der dem österreichischen Projektleiter Johannes Fritz nach dessen Erkenntnissen über das Vorkommen des Waldrapps am westlichen Bodensee den Standort vorgeschlagen hatte.

Das Projekt

  • Seit 2014 läuft das Waldrapp-Projekt des österreichischen Wissenschaftlers Johannes Fritz, das im Rahmen des europäischen Life-Programms gefördert wird. Ziel ist es, jungen Nachwuchstieren aus dem Zoo mithilfe der frühzeitigen Prägung auf ihre Ziehmütter das natürliche Zugverhalten nahezubringen. Der Instinkt ist noch vorhanden, doch die menschlichen Begleiter in einem Leichtfluggerät müssen den Vögeln den richtigen Weg in das Winterquartier in der Toskana weisen. Von dort kehren sie nach eineinhalb Jahren selbstständig zurück.
  • Zwei Mal ist dies in Niederbayern und im Salzburgerland schon geglückt. Der dritte Standort ist nun Überlingen, wo der Waldrapp bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts verbreitet war. Derzeit laufen in Hödingen die ersten Flugübungen, die sich später auf Stadt und See ausdehnen werden. Mitte August ist der Abflug nach Italien geplant. In der Hoffnung, dass die erwachsen gewordenen Waldrappe 2019 wieder nach Hödingen zurückkehren, um an den Molassefelsen am Bodensee eigene Brutfelsen bekommen. (hpw)

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