Überlingen Batteriezüge auf der Gürtelbahnstrecke?

Der Hersteller Bombardier stellt im gemeinsamen Ausschuss neue Modelle vor und Experten der Fachhochschule Nordwestschweiz halten einen Betrieb für realistisch. Die Batteriekapazität reicht derzeit allerdings nur für den Abschnitt zwischen Radolfzell und Uhldingen.

Wer weiß, wie langwierig und schwierig die Realisierung der bevorstehenden Elektrifizierung der Südbahn auf der Strecke zwischen Ulm, Friedrichshafen und Lindau war, der kann erahnen, welche Herausforderungen die Modernisierung der Bodenseegürtelbahn auf der Trasse zwischen Friedrichshafen und Radolfzell birgt. Dies gilt für Planung und Finanzierung gleichermaßen. Regionaldirektor Wilfried Franke freut sich nach nahezu zehnjährigem Einsatz auf den ersten Spatenstich für die Südbahn am 23. März.

Erschwert wird die Elektrifizierung im westlichen Bodenseekreis schon durch mehrere Tunnels, hinzu kommt die teilweise exponierte Lage der Trasse direkt am See. Eine Alternative könnten daher die neuesten Batteriezüge der Firma Bombardier bieten, deren Vertreter im gemeinsamen Ausschuss des Verwaltungsverbands Überlingen, Owingen, Sipplingen ihre aktuellen Konzepte als mögliche Lösung vorstellten. Just am Tag, als die häufig hochgelobte Schweizer SBB voller Stolz die ersten neuen Doppelstockzüge vom Bombardier präsentiert hatte, waren Lothar Baumgartner, Direktor für den Verkauf in der Schweiz und Baden-Württemberg, sowie der technische Leiter, Stefan von Mach, zu Gast im Überlinger Rathaus.

Die Vertreter von Bombardier erläuterten das Konzept der neuen Batterietriebzüge "Talent 3", die im Rahmen eines Projekts mit dem baden-württembergischen Verkehrsministerium im kommenden Sommer Testfahrten und einen ersten Planbetrieb mit Primove-Traktionsbatterien absolvieren werden. Die Gretchenfrage stellte in diesem Zusammenhang Wilfried Franke, Direktor des Regionalverbands und seit vielen Jahren intensiv mit dem Ausbau des Schienenverkehrs befasst.

Noch verkehren Dieselloks auf der Bodenseegürtelbahn. Nun gibt es Überlegunge, Batterietriebzüge einzusetzten, um zumindest die 34&nbsp;Kilometer lange Strecke zwischen Radolfzell und Uhldingen ohne Elektrifizierung überbrücken zu können. Das würde unter anderem die aufwendige und teure Elektrifizierung der Tunnels ersparen und den sensiblen Uferbereich schonen. <em>Bild: Stefan Hilser</em>
Derzeit verkehren Dieselloks auf der Bodenseegürtelbahn. Nun gibt es Überlegungen, Batteriebetriebzüge einzusetzen, um zumindest die 34 Kilometer lange Strecke zwischen Radolfzell und Uhldingen ohne Elektrifizierung überbrücken zu können. Das würde unter anderem die aufwendige und teure Elektrifizierung der Tunnels ersparen und den sensiblen Uferbereich schonen. | Bild: Stefan Hilser

Voraussichtlich bis 2026 werde auch die Hochrheinbahn zwischen Basel und Singen elektrifiziert sein, erklärte Franke. Offen sei das Zwischenstück zwischen Radolfzell und Friedrichshafen. Daneben gelte es das vorgesehene Fahrplanangebot zu berücksichtigen. Zum einen gehe es um die schnelle Relation zwischen Basel und Ulm. Diese werde voraussichtlich im Dezember 2021 nach Elektrifizierung der Südbahn in Friedrichshafen "gekappt". Zudem gebe es ein Betriebskonzept für den künftigen Schienenverkehr auf der Gürtelbahn, den schnellen Stundentakt auf der derzeitigen Interregio-Strecke, aber nach Möglichkeit auch einen verdichteten Halbstundentakt für den langsamen Verkehr. Dafür bedürfe es zum einen zweier verschiedener Fahrzeuge, zum anderen eines teilweisen zweigleisigen Ausbaus.

Stefan von Mach von Bombardier machte deutlich, dass Batterietriebzüge auch in Hybridform als "Brückentechnologie" eingesetzt werden könnten – auf der Verbindung zwischen zwei elektrifizierten Strecken. Die gesamte Strecke zwischen Radolfzell und Friedrichshafen sei aus dieser Perspektive mit einer Distanz von 60 Kilometern für die existierenden Fahrzeuge allerdings noch zu lang.

Eine weitere Erhellung der Problematik lieferten Roland Fischer und Pascal Häflinger von der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg-Windisch bei Aargau. Die FHNS hatte schon 2016 im Auftrag des Kreises eine Machbarkeitsstudie für die Verbesserung des Schienennahverkehrs erstellt. Häflinger machte nun deutlich, dass die "Talent 3"-Fahrzeuge mit einer Speicherkapazität von 290 Kilowattstunde (kWh) und ihrer aktuellen Reichweite zumindest die 34 Kilometer lange kritische Strecke zwischen Radolfzell und Uhldingen überbrücken könnten, um anschließend mit Strom weiterzufahren und gleichzeitig die eigenen Batterien wieder aufzuladen. Bis Markdorf (49 Kilometer) würden schon 438 kWh, bis Friedrichshafen (59 Kilometer) sogar 562 kWh benötigt, mehr als im Moment verfügbar ist.

Mit der Überbrückung bis Uhldingen ließen sich immerhin die sensible Strecke am Ufer und die Tunnels zurücklegen und zugleich die Kosten für die Elektrifizierung auf diesem Abschnitt einsparen – allein in den Tunnels (1600 Meter) mache dies 19 Millionen Euro aus. Die Elektrifizierung der ganzen Strecke zwischen Radolfzell und Friedrichshafen würde sich daher auf 75 Millionen Euro belaufen. Bei den 25 Kilometern ab Uhldingen fielen dagegen lediglich 18 Millionen Euro an. Die Mehrkosten für die Batteriefahrzeuge beliefen sich auf 1,5 Millionen pro Zug, insgesamt je nach Konzept zwischen 15 und 19,5 Millionen Euro. Klar wurde angesichts der Kosten und der notwendigen Infrastruktur, dass die Umsetzung zumindest mittelfristig Dimensionen annimmt.

Hersteller

Bombardier Transportation gehört zum kanadischen Bombardier-Konzern, zählt weltweit zu den führenden Herstellern von Bahntechnik und verfügt über ein breites Portfolio. Zur Produktpalette zählen das gesamte Spektrum schienengebundener Fahrzeuge, Fahrzeugkomponenten sowie Signal- und Steuerungstechnik. Zudem bietet das Unternehmen komplette Transportsysteme und ist in den Bereichen Bahndienstleistungen und Elektromobilität aktiv. Der Konzern sieht sich als Vorreiter für neue Standards in nachhaltiger Mobilität und will mit Verkehrslösungen Vorteile für Transportunternehmen, Fahrgäste und Umwelt schaffen. Mit seinen Produkten und Dienstleistungen ist der Konzern in über 60 Ländern vertreten. Bombardier Transportation hat rund 37 150 Beschäftigte. Die Konzernzentrale befindet sich in Berlin.

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