Überlingen Adventskalender der Überlinger Persönlichkeiten: Kaufmann Wilhelm Levi

Sie hinterließen Spuren: Im Adventskalender der Überlinger Persönlichkeiten stellen wir hinter Türchen Nummer vier den Überlinger Juden vor, der ein Bekleidungsgeschäft in der Münsterstraße (damals Hindenburgstraße) betrieb.

Große Spuren hat Wilhelm Levi in Überlingen nicht hinterlassen – zumindest keine sichtbaren. Keinen Park hat er geschaffen, keine Villa gebaut, keine Schienen verlegt. Und doch ist Wilhelm Levi in Überlingen unvergessen, die Spuren, die er hinterlassen hat, sind emotionaler Natur. Sein Schicksal bewegt die Überlinger noch heute.

Wilhelm Levi wird 1861 in Mühringen bei Horb geboren, 1891 zieht er mit seiner Frau Hannchen und seinen Söhnen Karl und Viktor nach Überlingen und eröffnet dort im gleichen Jahr in der Münsterstraße 12 ein Textilgeschäft. Die Familie braucht nicht lang, um in Überlingen anzukommen und heimisch zu werden: Neben dem geschäftlichen Erfolg gelingt es Levi schnell, Teil des Überlinger Gemeinwesens zu werden. 1909 wird er bei der "Bürgerausschußwahl (als) der einzige seit 18 Jahren dort wohnende Jude" zum Mitglied gewählt, wie einer zeitgenössischen jüdischen Zeitung zu entnehmen ist.

Das einstige Textilgeschäft der Familie Levi in der Münsterstraße. Bild: Lauterwasser
Das einstige Textilgeschäft der Familie Levi in der Münsterstraße. Bild: Lauterwasser

Und dann beginnt die schwere Zeit: 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus, auch Levis Sohn Karl zieht ins Feld für's Vaterland. Und für's Vaterland lässt er im November 1916 auf den Schlachtfeldern von Verdun sein Leben. Zwar heiratet Wilhelms zweiter Sohn Viktor die in Stockach geborene Julie Weil und zwei Enkelkinder werden geboren, doch das kurze Glück währt nicht lang, die Nationalsozialisten ergreifen die Macht und danach ist in der jüdischen Überlinger Familie Levi nichts mehr wie vorher. Schilder wie "Kauft nicht bei Juden" hängen nun auch an ihren Schaufenstern. Nur noch Mutige trauen sich in das Textilgeschäft. An der Fassade der direkt angrenzenden Löwenzunft kann man in Schaukästen nationalsozialistische Propaganda lesen, unter anderem steht da: "Juden sind unser Unglück!" Das historische Gebäunde neben Levis ist die NSDAP-Kreisleitung. 

In der Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wird Wilhelm Levis Sohn Viktor ein Opfer dieser ersten Verhaftungswelle. Der Vater kämpft um die Freilassung des Sohnes aus dem KZ Dachau, doch die wird an harte Bedingungen geknüpft. Nicht nur, dass er sein Geschäft und sein Haus verkaufen soll, Viktor Levi wird als Bedingung für die Freilassung seines Sohnes auch auferlegt, dass die komplette Familie Levi Überlingen und das Deutsche Reich zu verlassen habe. Die beiden Enkelinnen können mit Hilfe des Kindertransports schnell die Reise nach England antreten und Viktor Levi verkauft im Dezember 1938 sein Geschäft an einen Nachbarn. Bürgermeister Albert Spreng vermerkt den Wegzug der Familie in der Überlinger Stadtchronik so: "Mit diesen Verkäufen ist der Überlinger Hausbesitz völlig frei von jüdischem Eigentum geworden". Der Verkaufserlös kommt freilich nicht der Familie Levi zu Gute: Judenvermögensabgabe, Reichsfluchtsteuer, Umzugsgutabgabe und diverse andere Gebühren fallen an, vom Verkaufserlös bleibt nichts übrig. Die Levis reisen am 25. August 1939 aus Deutschland aus. Ihre neue Heimat finden sie in Louisville, Kentucky in den USA. Wilhelm Levi kehrt nie mehr zurück. Er stirbt 1952 fern der alten Heimat.

Heute ist das Textilgeschäft der Familie Levi in der Münsterstraße ein Café. Die Adresse damals (kleines Bild): Hindenburgstraße 52. <em>Bilder: Melanie Kunze, Lauterwasser</em>
Heute ist das Textilgeschäft der Familie Levi in der Münsterstraße ein Café. Die Adresse damals (kleines Bild): Hindenburgstraße 52. Bilder: Melanie Kunze, Lauterwasser

Nein, Von dem, was er schuf in Überlingen, ist nichts geblieben – weil man es ihm genommen hat. Doch die emotionalen Spuren des Wilhelm Levi, die bleiben. Und die Stolpersteine vor seinem einstigen Haus erinnern Jahrzehnte später an sein Schicksal und das seiner Familie.

 

Adventskalender

In unserem diesjährigen Adventskalender widmen wir uns Menschen, die Überlingen zu dem gemacht haben, was es heute ist. Menschen, die auf die eine oder andere Weise Spuren hinterlassen, die die Stadt geprägt haben. Bisher erschienen: Hermann Hoch, Andreas Reichlin von Meldegg.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Außergewöhnliche Geschenkideen für Ihre Liebsten
Neu aus diesem Ressort
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Überlingen
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren