Überlingen Adventskalender der Überlinger Persönlichkeiten: Bildhauer Jörg Zürn

Im fünften Teil des Adventskalenders der Überlinger Persönlichkeiten geht es um Jörg Zürn.

Im Münster St. Nikolaus kann man noch heute Jörg Zürns Kunstfertigkeit bestaunen: Sein erstes großes Werk, den Marienaltar in der Betz'schen Kapelle, vollendet Zürn zwischen 1607 und 1610. Bereits hier zeigt er sich "als ein Meister eigenen Stils", wie Wolfgang Bühler in seiner Abhandlung Malerei und Plastik von der Romanik bis zum Klassizismus feststellt. Drei Jahre später beginnt er mit seinem Vater und seinen Brüdern die Arbeit an seinem wohl beeindruckendsten Werk: dem Hochaltar. Grund dafür, dass dieser "in keiner größeren kunstgeschichtlichen Darstellung des 17. Jahrhunderts fehlt", ist Bühler zufolge sein "Reichtum an plastischem Bildwerk homogener künstlerischer Qualität und minutiöser kunstvoller Ornamentik". Dass die Stadt zu Beginn des 17. Jahrhunderts solch ein imposantes Kunstwerk in Auftrag geben konnte, spricht dafür, dass es im ausgehenden Mittelalter gut um sie bestellt ist.

Wie Eugen Schnering in seinem Aufsatz "Der Meister des Überlinger Hochaltars" beschreibt, kommt Zürn gemeinsam mit seinen Brüdern zu einer Zeit nach Überlingen, "als die Reichsstadt und ihr Bürgertum gute künstlerische Chancen boten". Nachdem sein Vater ihn die Kunst des Bildhauens gelehrt hat, geht der junge Jörg Zürn (um 1583-1635/38) als Geselle bei dem Überlinger Virgilius Moll in Ausbildung und wird dort zum Meister weitergebildet. Nach Molls Tod übernimmt Zürn 1607 nicht nur dessen Bildhauerbetrieb, er heiratet auch Molls hinterbliebene Witwe und wird offizieller Bürger der Stadt. 

Zurück zum Hochaltar: Zweieinhalb Jahre lang ist die Familie mit den aufwendigen Schnitzereien aus Lindenholz beschäftigt, eine ziemlich kurze Zeitspanne, die die Stadt der Bildhauerfamilie für die Fertigstellung des Werks gestattet. Im Museum ist heute noch der einstige Entwurf zu sehen, den Zürn für sein Mammutprojekt anfertigte. Aus seiner Hand stammen unter anderem die Hauptszenen des Altars, die Verkündigungsszene und die Hirtenanbetung. Beeindruckende zehn Meter Höhe und fünf Meter Breite misst der Hochaltar, der zur Kategorie der Marienaltäre gehört und sich in vier Stufen gliedert. Die unteren drei stellen Lebensstationen Marias dar: Ganz unten befindet sich die Szene der Verkündigung, darüber folgt die Geburt Christi mit der Anbetung der Hirten und auf der dritten Ebene die Marienkrönung. Über dieser Szene thront auf der vierten Stufe der Patron des Münsters, Bischof Nikolaus von Myra, und zu guter Letzt an der Spitze der gekreuzigte Jesus. Insgesamt 23 lebensgroße und mehr als 50 kleinere Figuren fasst die Darstellung.

Stellt dieser Hirte ein Selbstbildnis Zürns dar?
Stellt dieser Hirte ein Selbstbildnis Zürns dar? | Bild: Eva-Maria Bast

Zu Zürns Schaffenszeit kommt es nicht selten vor, dass Künstler sich selbst in ihren Werken darstellen. Daher liegt aus kunsthistorischer Sicht die Vermutung nahe, bei einem der Hirten könne es sich um ein Selbstbildnis Zürns handeln. Für diese Theorie stehen zwei Figuren in der engeren Wahl. Die erste ist der Hirte rechts vorne. Er hält seinen Hut in der Hand und wendet sich mit einem Blick zurück auf die Krippe zum Gehen, so als ob er aufs Feld zurückkehre. Bei einem arbeitsamen Mann wie Zürn nicht abwegig. Als zweite Möglichkeit gilt der knieende Hirte rechts neben der Krippe. Für diese Variante spricht, dass dieser nicht das Jesuskind in der Krippe, sondern den Betrachter direkt anschaut. Ein seinerzeit durchaus typisches Merkmal bei Selbstbildnissen.

Ob es sich bei einer der Holzfiguren des Hochaltars um Jörg Zürn handelt oder nicht, er hat sich nicht nur mit seiner Bildhauerkunst ein Denkmal gesetzt, sondern wurde auch als Namensgeber in Überlingen verewigt: Die Gewerbeschule trägt noch heute seinen Namen.

 

Adventskalender

In unserem diesjährigen Adventskalender widmen wir uns Menschen, die Überlingen zu dem gemacht haben, was es heute ist. Menschen, die auf die eine oder andere Weise Spuren hinterlassen, die die Stadt geprägt haben. Bisher erschienen: Hermann Hoch, Andreas Reichlin von Meldegg, Wilhelm Levi.

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