Überlingen Achternbuschs "Ella" im Sommertheater: Eine Premiere, die benommen macht

Die dritte Sommertheater-Premiere geht einen anderen Weg: "Ella" ist keine leichte Kost, das Stück nichts für schwache Nerven. Überzeugender Hauptdarsteller Reinhard Böhm, der eigentlich Clown ist.

Es gibt im Sommertheater einen guten Cuvée, Gens et Pierres, der ist sehr zu empfehlen. Trinken sie vor der Vorstellung ein Glas, oder zwei, oder gleich die ganze Flasche. Sie werden es brauchen, es wird Ihnen helfen die nächsten zwei Stunden: Denn das Stück "Ella", das jetzt Premiere hatte, geht in seiner Gewalt und in seiner Ausdrucksstärke oftmals an die Grenzen des Erträglichen.

Einige aus dem Publikum nutzten die Pause zur Flucht. Das ist feige. Regisseur Bernhard Stengele lässt dem Publikum diese Wahl. Das ist eigentlich falsch. Er hätte das ganze Publikum statt dessen einsperren sollen. So wie er in der Pause die Hauptfigur Ella alias Josef einfach wegsperrt, in einen Käfig. Das nämlich ist die Realität, das ist Alltag: Wegsperren ins Gefängnis, in die Psychiatrie, in Heime, Kliniken, Anstalten und Irrenhäuser, Hauptsache weg mit den geistesschwachen, autistischen, manischen, depressiven, irrsinnigen und wahnsinnigen Menschen.

Josef ist einer von ihnen. Seine Rolle und seine Lebensgeschichte sind austauschbar, es könnte auch die seiner Mutter Ella sein. In "Ella" erzählt er sein (oder sie ihr) Leben, es ist ein rastloses Lamentieren, ohne Punkt und Komma. Sie kann nichts dafür, genetisch bedingt ist ihre Zukunft schon vor der Geburt fremdbestimmt. Den Rest bestimmt die Gesellschaft: Zwangsunterbringung, Zwangsbevormundung, Zwangsbehandlung, Zwangssterilisation. Das einzige, was sie selbst bestimmen darf, ist der Zeitpunkt, wann sie sich das Zyankali in den Kaffee schüttet.

"Da wird ein Mensch entkernt, was übrig bleibt, ist eine leere Fassade." Eine treffende Formulierung von Thomas M. Becker, dem Vorsitzenden des Sommertheater-Fördervereins. Der sieht Parallelen zur Spielstätte, viel mehr als eine entkernte Fassade ist von der ehemaligen Kapuzinerkirche auch nicht übrig geblieben.

Mit einem Bauzaun trennt Bühnenbildnerin Marianne Hollenstein die Wohnung, die Bühne, ab vom Zuschauerraum und sorgt so für Distanz. Alles ist auf der Bühne mit Plastikplanen abgedeckt, die man sonst beim Tapezieren verwendet: Die dort sollen keinen Dreck machen. Vorne läuft permanent eine Kaffeemaschine, Kaffee als Symbol von schönem Alltag und Geselligkeit. Weiter hinten im Fernsehen praktizieren elegante Körper in intakter Natur Endlos-Freiluftyoga: Abschalten, zur Ruhe kommen, in sich kehren. Wie der Kaffee ist auch das unerreichte Normalität.

"Magst ein Kaffee?" Das Angebot ans Publikum vor dem Zaun ist ein von Stengele gut inszenierter Ausbruchversuch aus dem Gefängnis, es ist der Schrei nach Freiheit. Genauso wie der Schockmoment, als Ella die Tür der Kirche aufmacht und auf die Klosterstraße brüllt. Oder beim Kinobesuch plötzlich vor dem Zaun im Zuschauerraum steht. Das ist brillant, weil entschieden zuviel der Zuschauernähe zu dem Dämon.

Der könnte im Kostüm und Maske von Hollenstein sowohl Mann als auch Frau sein, Josef oder Ella. Nicht nur von der Physiognomie ist Reinhard Böhm die perfekte Besetzung für die Rolle. Der ist kein hauptberuflicher Bühnenschauspieler, sonder bringt als Klinik-Clown ein wenig Abwechslung in den Anstaltsalltag. Er kennt damit das Verhalten und die Sprache der Menschen aus nächster Nähe. Und die hat er perfekt erfasst, kopiert und nachgespielt, authentischer geht es nicht. Bravo!

Das Stück macht benommen, das ist nichts für schwache Nerven, das Unterbewusstsein wird noch lange daran arbeiten. "Schatzi, was möchtest Du trinken?" Die Frage stellte ein Zuschauer nach dem Stück. Die Antwort von Schatzi spiegelt den Schock wieder: "Mir ist jetzt nicht nach was zu trinken."

Vorstellungen: Montag, Dienstag und Mittwoch, 17. bis 19. Juli, 20 Uhr. Vorverkauf bei der Kur und Touristik oder www.reservix.de.

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