Sipplingen Kontroverse Schau "Die vergessene Sammlung" in der Bahnhofsgalerie zu sehen

Eine Ausstellung mit Seltenheitswert, die schon im Vorfeld für Sprengstoff sorgte, konfrontiert noch bis zum 22. Oktober das Publikum in der Bahnhofgalerie in Sipplingen mit der Frage: Können auch Nachschöpfungen ausstellbare Kunst sein? Gleichzeitig stellt die Schau "Die vergessene Sammlung – Aufbruch in die Moderne Kunst" den Status der aktuellen Kunstszene infrage: Ist der Kunstmarkt zu einem Aktienmarkt verkommen, bei dem nur Kapital und Namen zählen und das Bild als solches nicht mehr Bestand hat?

Kaum eine der 80 ausgestellte Nachschöpfungen, die zum großen Teil auf die Künstlerkolonie Nagybanya zurückgehen, ist mehr als 300 Euro wert, die Maler der Bilder sind unbekannt ebenso wie das Alter der Bilder. Warum also lohnt sich trotzdem ein Besuch der neu eröffneten Ausstellung? "Wir überschreiten bewusst Grenzen und schlachten hiermit das goldene Kalb", sagte Erwin Niederer im Rahmen seiner Laudatio. Noch nie zuvor habe es eine Ausstellung mit dieser Fülle an historischen Nachschöpfungen gegeben. Bewusst vermeidet Niederer den Begriff Kopie: "Eine Kopie ist ein überkommener Begriff und steht für etwas Wertloses – Massenware." Als Kunstpädagoge begeistere ihn der Schlüssellochblick auf die Geburtsstunde der modernen Kunst, den die Ausstellung ermögliche. "Man steht nicht beeinflusst durch einen großen Namen ehrfürchtig vor dem Bild, sondern die Kunstwerke entwickeln eine authentische Wirkung, die einen sofort ergreift", so Niederer. Die meisten Bilder verweisen in Motivwahl, Technik, Stil und Signatur auf die Künstlerkolonie Nagybanya im heutigen Rumänien.

Während Niederer sich von den Kritikern vorwerfen lassen musste, dass er das Niveau der Kunst drücke, ist er von dem pädagogischen Wert der Ausstellung überzeugt. "Diese Ausstellung geht über Anblick und Empfinden und nicht über den Geldbeutel", betonte Niederer. Auch wenn die Kunstwerke nur Kopien von Gemälden von Künstlerin wie beispielsweise Sandor Ziffer, Alexander Archipenko und Albert Gleizes seien, entstehe die Intensität in den Bildern durch das handwerkliche Können der Maler. "Heutzutage geht in der Kunst zusehends der handwerkliche Aspekt verloren", meinte Wolfgang Groh aus Unteruhldingen. In der Ausstellung stehe die malerische Fähigkeiten im Vordergrund und nicht der materielle Wert der Bilder.

Die Werke der Künstlerkolonie Nagybana stehen im Vordergrund der Ausstellung "Die vergessene Sammlung" in der Bahnhofsgalerie in Sipplingen.
Die Werke der Künstlerkolonie Nagybana stehen im Vordergrund der Ausstellung "Die vergessene Sammlung" in der Bahnhofsgalerie in Sipplingen. | Bild: Christiane Hartung

Schon vor der Ausstellungseröffnung reichte der Sturm der Entrüstung bis hoch zum Oberbürgermeister. Der erste Aufschrei sei hier von etablierten Antiquitätenhändlern der Region gekommen, die einen Angriff auf ihr Image befürchteten. "Jeder kann ausstellen, was er will", konstatiert Niederer. Einige Objekte seien zwar zum Verkauf freigegeben, würden jedoch zu flohmarktüblichen Preisen verkauft werden. Auch die studierten Kunsthistoriker kritisierten die Ausstellung. "Nichts fürchtet ein professioneller Kurator mehr als eine Fälschung", so Niederer. Vorbehalte gegenüber einer Ausstellung aus Nachschöpfungen seien daher naheliegend. "Kunst erschafft sich immer wieder neu. Warum nicht einfach nur Nachschöpfungen zeigen?", fragt der Kunstpädagoge bewusst provokant.

Bei den Bildern handele es sich zwar um Kopien, aber ohne Fälschungsabsicht: "Dazu sind Machart und Wirkung zu weit von der berühmten Vorlage entfernt." Die Bilder stammen aus einer Privatsammlung, die Bilder selbst wurden bei fliegenden Händlern oder auf dem Flohmarkt gekauft. Ihre ursprüngliche Herkunft wurde bisher nicht zuverlässig ermittelt. Zur Vernissage ist keiner der Kritiker gekommen. Hinsichtlich ihrer Qualität unterscheiden sich laut Niederer die Bilder: "Manche sind virtuos gemalt, andere eher flüchtig und skizzenhaft."

"Hier wird der Fokus auf das gemalte Bild gelegt", betonte Gudrun Maack aus Oberuhldingen. Bei der Farbkomposition werde deutlich, dass hier Menschen mit Faszination und Liebe zur Malerei gearbeitet haben.

Noch bis zum 22. Oktober kann sich der Kunstliebhaber in Sipplingen selbst die Gretchenfrage stellen: Handelt es sich nur um 80 Kopien bekannter Gemälde oder sind es doch Nachschöpfungen mit pädagogischem Zeigefinger, welche die aktuelle Kunstszene ad absurdum führen.

Nagybanya

Die Entstehung der Künstlerkolonie Nagybanya begann in München Ende des 19. Jahrhunderts. Viele ungarische Maler studierten an der dortigen Akademie und nutzten den Sommer zur gemeinsamen Freilichtmalerei in Nagybanya im damaligen Ungarn. Die Gruppe aus circa 50 Malern hatte sich dem Geist der Neuerung verschrieben. Während sich die Künstlerkolonie zunächst auf die naturnahen impressionistische Malerei konzentrierte, kam es durch neue Tendenzen des Expressionismus, Kubismus und Fauvismus zur Ausbildung einer Nebenbewegung, die "Neos", die nach Differenzen 1911 ausgeschlossen wurde. Im internationalen Kunsthandel spielen die Künstler von Nagybanya, vor allem im Osten, inzwischen eine wachsende Rolle. (chf)

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