Sipplingen Andreas Kruse spricht über Martin Luther

Freiheit als Segen und Fluch: Zum Abschluss der Rathauskonzerte in Sipplingen hat Andreas Kruse über Martin Luther gesprochen. Der Überlinger brachte die wichtigsten Impulse Luthers nochmals auf den Punkt.

Über Martin Luther wurde viel geschrieben in diesem Jahr: 500 Jahre Reformation, 500 Jahre Zeit, Luthers Impulse für eine bewusstere, gerechtere und menschlichere Welt in die Tat umzusetzen. Der Vortrag von Andreas Kruse in der evangelischen Kirche Sipplingen in der Reihe der Sipplinger Rathauskonzerte brachte die wichtigsten Impulse Luthers noch einmal auf den Punkt. Kruse bettete die Impulse in historische Bezüge ein, richtete sie aber auch konkret auf die heutige Zeit aus, auf aller Menschen Verantwortung der Gesellschaft und Schöpfung gegenüber.

Luther habe nichts an Aktualität eingebüßt und dies nicht nur innerhalb der christlichen Kirchen, betonte Andreas Kruse. Als Wesen, von Gott geschaffen und bedingungslos von ihm geliebt, sei der Mensch ausgestattet mit der Freiheit im Denken und Handeln, Gottes Willen zum Wohle der Schöpfung zu verwirklichen, dies auf der Basis der Heiligen Schrift. Der Mensch sei aufgerufen, sich für die Welt zu engagieren, Mitverantwortung zu übernehmen, in Gemeinschaften zu wirken, immer selbstverantwortlich seinem Gewissen gegenüber. Wie Kruse sagte, liege in dieser Freiheit aber Segen und Fluch zugleich, bedinge sie doch ein waches und unvoreingenommenes Bewusstsein, eine gefestigte Moral und Ethik und den Mut, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und sich nicht von anderen führen, ja verführen zu lassen.

Luther warne eindringlich vor dem bedingungslosen Glauben an Autoritäten und deren Anweisungen, die unmittelbar die persönliche Freiheit beschneiden und den Menschen manipulieren können. Hier setze seine massive Kritik an kirchlichen Institutionen an, hier beschwöre er die "Freiheit des Christenmenschen", die allein auf der Basis des Wortes Gottes Mensch und Welt gesunden lasse. Dies sei ein damals wie heute nicht ungefährlicher Ansatz. Andreas Kruse verwies auf Dietrich Bonhoeffer (1906-45), der sich nicht gescheut habe, den Nationalsozialismus massiv zu kritisieren, und der dafür in den Tod gegangen sei. Auch für Luther hätte damals alles auf dem Scheiterhaufen enden können, sagte Kruse.

In der Nachfolge Jesu Christi liege das Heil für die Welt und die Freiheit des Menschen in seiner Verantwortung für das Wohl der Gemeinschaft und der gesamten Schöpfung. Luther sei sich bewusst gewesen, dass der Aufruf zu selbstständigem, verantwortlichem Handeln einer umfassenden Informationsbasis bedürfe. In seiner Zeit seien Lesen und Schreiben nur einer Elite vorbehalten gewesen. Das "gemeine" Volk sei mit aufbereiteten Informationen versorgt worden, die im Interesse der Mächtigen gestanden seien.

Vehement habe Luther nach Volksbildung verlangt. Er habe die Bibel ins Deutsche übersetzt und so den Nährboden für eine Bewegung gelegt, die in der Aufklärung im 17. Jahrhundert das Bewusstsein der Menschen revolutionieren sollte. Luther sagte, es seien nicht die "guten Werke", die den Weg zu Gott bahnten, erschaffen aus einem ehrgeizigen Ego heraus, institutionalisiert durch Kirche und Staat. Vielmehr orientiere sich eine ehrliche Gewissenserforschung an ureigensten christlichen Werten jenseits aller Autoritäten. Andreas Kruse erinnerte daran, dass Luther gesagt habe: "Was nicht in der Heiligen Schrift steht, ist nichts als Mummenschanz." Luther habe zu einer radikalen Befreiung von jeglicher Bevormundung aufgerufen.

Immer wieder stellte Andreas Kruse Bezüge zu aktuellen Situationen in Politik und Gesellschaft her: Wie ist es mit der Freiheit bestellt, mit dem Recht auf umfassende Information, frei von Einseitigkeit und manipulativem Interesse? Sind die Menschen mutig genug im Widerstand gegen Ungerechtigkeit, Gewalt, Hunger und Not auf der Welt? Luthers Engagement war in seiner Zeit stets begründet auf eine Reform der Kirche, gestützt allein auf die Heilige Schrift. Massive Veränderung in Politik und Gesellschaft, wie Bauernkriege oder das Verhältnis zu den Juden, seien seine Sache nicht gewesen.

Zur Überraschung der zahlreichen Besucher setzte sich Andreas Kruse nach seinem Vortrag an den Flügel und spielte virtuos und ohne Noten drei Stücke von J.S. Bach, zum Abschied das Choralvorspiel "Jesus bleibet meine Freude". Sein Honorar spendete er der Bürger-Selbsthilfe Sipplingen.

Zur Person

Andreas Kruse, Direktor am Institut für Gerontologie der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, aktuell berufen in den Deutschen Ethikrat, studierte neben Psychologie, Psychopathologie und Philosophie auch Musik an der Hochschule zu Köln. 2013 veröffentlichte er seine Arbeit über Johann Sebastian Bach, dessen geistliches Werk ohne Luther kaum vorstellbar ist. 2017 erschien seine Arbeit über Verletzlichkeit und Reife im hohen Alter, in der das selbstverantwortliche und mitverantwortliche Leben des Menschen im Zentrum steht. Mit zahlreichen Veröffentlichungen und Forschungen hat Professor Andreas Kruse über die Jahre das Verständnis von Alterungsprozessen verändert. Für seine Verdienste wurde er vielfach mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet, wie dem Bundesverdienstkreuz 2008. In seinen Verträgen besticht er durch freie Rede, die Inhalte klar und verständlich auf den Punkt gebracht. Bereits 2012 und 2016 engagierte er sich mit Vorträgen in Sipplingen für die Bürger-Selbsthilfe. Andreas Kruse wohnt in Überlingen und Heidelberg.

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