Ravensburg Ravensburger Luther-Oratorium erlebt umjubelte Premiere

Fast 300 Mitwirkende, mehr als drei Stunden Spieldauer und eine ausverkaufte Evangelische Stadtkirche: Das Oratorium "Furchtlos und frei" von Jochen Tolk und Michael Benedict Bender wird mit Ovationen uraufgeführt.

Nach dem leisen Schlussakkord und kurzem Innehalten füllte der gewaltige Applaus den Kirchenraum der restlos besetzten Evangelischen Stadtkirche Ravensburg. Minutenlang gefeiert wurde die Uraufführung des Luther-Oratoriums „Furchtlos und frei“. Nach vier Jahren Entstehungszeit konnten Jochen Tolk, verantwortlich für die ausgefeilten Texte und Michael Benedict Bender, der in einer weit gefächerten Tonsprache die Musik dazu komponierte, die stehenden Ovationen der Zuhörer entgegennehmen. Bender bekam zusätzlich von den fast 300 Mitwirkenden in Chor und Orchester für die sichere Leitung der über drei Stunden dauernden Aufführung verdienten Sonderapplaus.

Die Konzeption von Tolk und Bender, das Leben und Wirken Martin Luthers in verschiedenen Bildern mit Zweifeln und Widersprüchen der heutigen Zeit zu konfrontieren, führte zu einem abwechslungsreichen Geschehen. Bachchor und Gospelchor, die beiden Hauptchöre der Stadtkirche, stellten die gegensätzlichen Pole engagiert mit ihren jeweiligen Stilmitteln dar. Ihnen zugeordnet waren einerseits mit der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben ein „traditionelles“, allerdings groß erweitertes Sinfonieorchester sowie „klassische“ Gesangssolisten, andererseits eine Big-Band mit vollem Bläsersatz und stimmiger Rhythmusgruppe sowie einer Pop-Sängerin.

Schon nach den ersten Takten mit Solisten auf Saxophon und Kontrabass war klar, dass keine schematische Reihung von Einzelsätzen in verschiedenen Stilen folgen würde. In vielen Stücken verschmolzen die spezifischen Elemente zu einer neuen Einheit. Da musste der Bachchor gekonnt swingen, der Gospelchor präzise Notenwerte aushalten. Aber auch die Instrumentalisten waren mit starken Ausdruckswechseln, stilistischen Feinheiten und harmonischen Gängen durch alle Tonarten gefordert. Glänzen konnte jeder Chor für sich: in großen sinfonischen Sätzen, mit klar artikulierten Fugen, strahlender Höhe oder feinem A-cappella-Gesang der Bachchor – mit viel Rhythmus, vorwärtsdrängendem Drive, stimmigen Synkopen der Gospelchor. Die hellwach gespielten Begleitsätze von Sinfonieorchester und Bigband gaben den Chören eine hervorragende Stütze.

Neben den vielen mitreißenden, gekonnt tonmalerisch ausgestalteten Szenen wie zum Beispiel beim marktschreierischen Ablasshandel, legte Bender bei den jedes Bild abschließenden Chorälen besonderen Wert auf große Individualität in Form, Aussage und Gestaltung. Hier waren die Seniorenkantorei und die „Kantate zum Mitsingen“ eingebunden. Die Kinderchöre der evangelischen Singschule und „Smarty Voices“ der Musikschule Ravensburg kommentierten mit ihren hellen Stimmen das Geschehen aus ihrer Sicht: "Die spinnen, die Großen“. Erfrischend auch die verschiedenen Einschübe, alles auswendig gesungen, wie zum Beispiel mit einem Hochzeitslied für Katharina und Luther mit ländlicher Klarinettenbegleitung.

Kleinen Rollen wie Luthers Vater, Kanzler, Tetzel und Cajetan gaben Hermann Locher (Bass) und Karsten Münster (Tenor) gewichtige Präsenz in ihren Arien. In der Rolle der für die Handlung wichtigen Katharina (Luthers Ehefrau) war die Altistin Brigitte Schweizer enttäuschend. So waren die Rezitative nur teilweise zu verstehen, die Arien von sehr unterschiedlicher Tonqualität. Glücklicherweise konnten die Zuhörer in einem ausführlichen Textbuch mit hilfreichen Erläuterungen mitlesen. Überzeugend dagegen Conny Bader mit ihrer lyrisch geführten Sopranstimme in der Oppositionsrolle als Pop-Sängerin.

Ein Glücksgriff war die Verpflichtung von Christian Feichtmair für die Hauptrolle Martin Luther. In immer neuen Ausdruckswechseln lebte der Bariton die Stimmungen von Hoffnung, Suchen, Standhaftigkeit, Zweifeln mit viel emotionaler Tiefe seiner weit tragenden Stimme. In der zentralen Arie über Luthers Rolle im Bauernkrieg über den Missbrauch der Religion entwickelte er eine berührende Dramatik.

Nach etwas freundlicherem Pop-Solo und „lutherschem“ Schlusschoral setzte ein monumentaler Schlusschor mit allen Chören und Orchestern einen letzten Höhepunkt: „Doch trotz aller Zweifel will ich nicht verzagen, ich will an ihn glauben und will’s mit ihm wagen“.

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