Ravensburg Kunstmuseum Ravensburg zeigt Karl Schmidt-Rottluff in neuem Licht

Die Ausstellung "Das Rauschen der Farben" versammelt fast nur Ölgemälde des "Brücke"-Künstlers aus sämtlichen Werkphasen. Insbesondere das Spätwerk wird stark gewichtet. Diese vierte Einzelausstellung des Hauses zu Künstlern der "Brücke" ist auch die Abschiedsgabe von Museumsdirektorin Nicole Fritz. Im Januar wechselt sie zur Kunsthalle Tübingen.

“Karl Schmidt-Rottluff war der Unzugänglichste und Sprödeste der Künstlergemeinschaft Brücke.“ Und: „Er suchte keine Kontakte, keine Anregungen.“ Das schreibt der Kunstsammler Lothar-Günther Buchheim über einen, dem das Kunstmuseum Ravensburg nun eine Einzelausstellung mit 70 Werken widmet; es ist die Abschiedsgabe von Museumsdirektorin Nicole Fritz, die im Januar die Leitung der Kunsthalle Tübingen übernimmt.

Farbkräftiges und wuchtiges Spätwerk: Schmidt-Rottluffs Arbeiten ab den 50er Jahren zeigt, wie wichtig die Impulse der Expressionisten für die junge Künstlergeneration der Gruppe SPUR waren – hier die Bronze "Romeo und Juli" von SPUR-Mitglied Lothar Fischer. Bild: Harald Ruppert
Farbkräftiges und wuchtiges Spätwerk: Schmidt-Rottluffs Arbeiten ab den 50er Jahren zeigt, wie wichtig die Impulse der Expressionisten für die junge Künstlergeneration der Gruppe SPUR waren – hier die Bronze "Romeo und Juli" von SPUR-Mitglied Lothar Fischer. Bild: Harald Ruppert | Bild: Harald Ruppert

Das Brücke-Museum Berlin ist mit 40 Bildern der Hauptleihgeber dieser Ausstellung, in der das gern vernachlässigte Spätwerk Schmidt-Rottluffs stark gewichtet wird. Ein Spätwerk, dessen enorme Farbigkeit und Leuchtkraft überraschen. Zum einen, weil Buchheim Schmidt-Rottluffs Kunst „alttestamentarisch schwer“ nennt, als hieße er Barlach; zum anderen, weil Schmidt-Rottluff es im Dritten Reich sehr schwer hatte: 608 seiner Bilder wurden aus Museen entfernt, einige verbrannt; 1941 wurde ihm, wie Nolde, Malverbot erteilt und wie Pechstein wurde sein Atelier ausgebombt. Etwa 2000 Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde waren verloren. Nach solchen Schlägen ist frische Farbigkeit nicht zu erwarten.

In den 1920er-Jahren malt Schmidt die ländliche Bevölkerung. Seine Kompositionsgabe erreicht ihren Höhepunkt. Bild: Harald Ruppert
In den 1920er-Jahren malt Schmidt die ländliche Bevölkerung. Seine Kompositionsgabe erreicht ihren Höhepunkt. Bild: Harald Ruppert | Bild: Harald Ruppert

Ist Schmidt-Rottluff also der Unbeirrbare, der von seinem Weg nicht abzubringen ist, wie Buchheim ihn auffasst? Die in Ravensburg gezeigten Gemälde aus den dunklen Nazi-Jahren sprechen eine andere Sprache. Er, der früher wie die anderen Brücke-Künstler Badende in freier Natur malte und seine Frau Emy als Akt darstellte, malt nun überhaupt keine Menschen mehr fest – sondern entwurzelte Bäume oder die Fenster seines Ateliers. Diese Bilder sind Metaphern seiner bedrückenden Lebenssituation, in der Schmidt-Rotluff die Malerei trotzdem nicht aufgibt; auch nicht nach dem Malverbot: der von Nolde geprägte Begriff der „ungemalten Bilder“ passt auch auf Schmidt-Rottluff, denn wie Nolde fertigte er Aquarelle und Farbstiftzeichnungen, von denen er einige dann in den 50er Jahren in Öl ausarbeitete.

Ausstellung "Karl Schmidt-Rottluff: Das Rauschen der Farben" im Kunstmuseum Ravensburg. Bild: Harald Ruppert
Ausstellung "Karl Schmidt-Rottluff: Das Rauschen der Farben" im Kunstmuseum Ravensburg. Bild: Harald Ruppert | Bild: Harald Ruppert

Nolde bleibt in seinem Spätwerk bei Landschaften und Stillleben; in den Motiven also beim Bewährten. Es sind aber malerisch enorm kraftvolle Bilder, die das Dargestellte vereinfachen, es stilisieren und die dadurch sehr einprägsam sind. Die Ausstellung stellt Schmidt-Rottluffs Arbeiten der 50er bis 70er-Jahre Plastiken der Gruppe SPUR gegenüber – dabei zeigt sich, dass die 20-jährigen Bilderstürmer bei der wuchtigen Formensprache des 70-jährigen Schmidt-Rottluff einen wichtigen Stichwortgeber fanden.

Ausstellung "Karl Schmidt-Rottluff: Das Rauschen der Farben" im Kunstmuseum Ravensburg. Bild: Harald Ruppert
Ausstellung "Karl Schmidt-Rottluff: Das Rauschen der Farben" im Kunstmuseum Ravensburg. Bild: Harald Ruppert | Bild: Harald Ruppert

Schmidt-Rottluff inszenierte nicht nur seine Malerei, sondern auch seinen Namen: Geboren wird er 1884 schlicht als Karl Schmidt in Rottluff bei Chemnitz. Anzeichen für seinen späteren Malstil sieht Co-Kuratorin Christiane Remm schon bei den gezeigten Landschaften, die der junge Karl noch als Gymnasiast malt: Naturalistisch zwar, aber durch die Verdichtung von Formen und Farben in einzelne Zonen auch sehr ausdrucksstark.

Ausstellung "Karl Schmidt-Rottluff: Das Rauschen der Farben" im Kunstmuseum Ravensburg. Bild: Harald Ruppert
Ausstellung "Karl Schmidt-Rottluff: Das Rauschen der Farben" im Kunstmuseum Ravensburg. Bild: Harald Ruppert | Bild: Harald Ruppert

Als Urknall wirken 1905 zwei Ausstellungen in Dresden, wo Schmidt-Rottluff das Architekturstudium aufnimmt: Gezeigt werden dort die französischen Neoimpressonisten und van Gogh. Ebenso beeindruckt ist der vier Jahre ältere Ernst-Ludwig Kirchner, der in Dresden sein Architekturstudium gerade abgeschlossen hat; zusammen mit Erich Heckel und Fritz Bleyl gründen die beiden die „Brücke“. Schmidt-Rottluff braucht die Gruppe und ist doch ein Einzelgänger. Bei Nolde, der 1906 zur Brücke kommt, verbringt er drei Monate auf der Ostsee-Insel Alsen. Der Austausch ist fruchtbar: Schmidt-Rottluffs Bilder kommt von den fliegenden Farben van Goghs („Am Meer“) allmählich zu einer großflächigeren und zweidimensionaleren Darstellungsweise. In diesen Jahren, in denen sich der Brücke-Stil herausbildet, wird bei Schmidt-Rottluff die Farbe schließlich nur noch von Konturlinien zu Gegenständen gebannt.

Ausstellung "Karl Schmidt-Rottluff: Das Rauschen der Farben" im Kunstmuseum Ravensburg. Bild: Harald Ruppert
Ausstellung "Karl Schmidt-Rottluff: Das Rauschen der Farben" im Kunstmuseum Ravensburg. Bild: Harald Ruppert | Bild: Harald Ruppert

Schmidt-Rottluff sucht die Abgeschiedenheit in der Natur, aber nicht den unberührten Naturmenschen – und so malt er auf Nidden die badende Bevölkerung; Mensch und Natur bilden eine Einheit. Um sie zu finden, braucht er sich anders als Pechstein nicht ins Abenteuer einer Südseereise zu begeben. Stattdessen droht ihm das „Abenteuer“ Erster Weltkrieg. 1915 wird er eingezogen, gerät nach Litauen – und malt 1919 nach der Heimkehr nach Berlin das Bild „Frau im Feld“. Dass der Kopf dabei unverhältnismäßig groß gerät, hat tiefere Gründe – Schmidt-Ruttloff sieht in ihm den „Sammelpunkt aller Psyche“.

Ausstellung "Karl Schmidt-Rottluff: Das Rauschen der Farben" im Kunstmuseum Ravensburg. Bild: Harald Ruppert
Ausstellung "Karl Schmidt-Rottluff: Das Rauschen der Farben" im Kunstmuseum Ravensburg. Bild: Harald Ruppert | Bild: Harald Ruppert

Nun kommt es zum Höhepunkt seiner Formentwicklung: 1923 malt er die heimische Landbevölkerung – nicht als Individuen, sondern er macht sie zu holzschnittartig vereinfachten Elementen in eckigen Bildarchitekturen mit starken Hell/Dunkel-Kontrasten.

Im Alter sorgt Schmidt-Rottluff dafür, dass der Einfluss der Expressionisten auf die Nachkriegskunst sichtbar bleibt: die Gründung des Brücke-Museums geht auf seine Initiative zurück. Sein Nachlass wird dort als Dauerleihgabe gezeigt. 1976 starb Schmidt-Rottluff mit 92 Jahren; vier Jahre zuvor entstand seine letzte Zeichnung.

Bis 8. April 2018 im Kunstmuseum Ravensburg, Burgstraße 9. Geöffnet Di bis So 11-18 Uhr, Do 11-19 Uhr

Karl Schmidt-Rottluff im Jahr 1967.
Karl Schmidt-Rottluff im Jahr 1967. | Bild: Hans Kinkel / Brücke-Museum Berlin, Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung

 

 

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