Ravensburg Fanfare Ciocarlia im globalen Dorf

Eine Blaskapelle kommt in die ausverkaufte Ravensburger Zehntscheuer, und die Tuba – in Anspielung an eine bayerische Fernsehserie – spielt darin ganz bestimmt nicht der Huber. Fanfare Ciocarlia aus Rumänien sind die „Monsters of Balkans Brass“, sagt der kanadische Gitarrist Adrian Raso, der mit ihnen unterwegs ist, um das gemeinsame Album „A Devil's Tale“ vorzustellen.

Raso sieht mit den Haarzotteln, die unter seinen schwarzen Hut hervorlugen und dem bleichen Gesicht ein wenig aus wie Johnny Depp in einem Film à la Jim Jarmusch – als Musiker, der für seine Fingerfertigkeiten seine Seele an den Teufel verkauft.

Genau zwei Minuten dauert es, bis sich ein tanzender Pulk bildet. Und dabei geht es auf der Bühne noch gemütlich zu. In ihren schwarzen Anzügen, Hüten und Krawatten sehen die acht mehrheitlich untersetzten Rumänen mit ihren Tuben, Hörnern und Trompeten wie die Vertreter einer gern als „ehrenwert“ bezeichneten Organisation aus – wäre da nicht ihre Festtagslaune, dieses von der eigenen Musik berauschte Glänzen in den Augen, vorneweg bei Saxofonist Oprica Ivancea, der den Zampano gibt.

Fanfare Ciocarlia und Adrian Raso sind eine Traumkombination, weil die Blaskapelle durch den Gitarristen ihr urwüchsiges Spiel um andere Stilarten erweitert. Raso wiederum bezieht aus der Begegnung ein Temperament, das seine geschmackvollen eigenen Alben manchmal missen lassen. Swing im heißen Stil der 30er-Jahre, Walzer, Afrobeat, Ska, Polka, Funk, Tarantella, türkische Einflüsse, Flamenco und rasender Nashville-Country – es gibt nichts, was diese elf Musiker nicht mit pumpenden Rhythmen und überbordenden Verzierungen wieder in Balkanbeat zurückverwandeln würden.

Fanfare Ciocarlia ist nun nicht mehr dieser obskur-urige Haufen, der Klischeebilder von der tolldreisten Balkanmusik auch zu Tode ritt – jetzt ist die ganze Welt in ihren Sound eingezogen, so rund, reif und wendig wie nie, und durch Adrian Raso oft auch mit einem dezenten Schönklang, den man dieser Kapelle nie zugetraut hätte. Fanfare Ciocarlia mögen wild und verrückt klingen, aber wäre diese Kapelle nicht enorm diszipliniert, ließen sich die dahinrasenden kleinteiligen Bläserarrangements nicht spielen. Die Kombo würde auseinanderbrechen, und einmal geschieht das auch – aber zum Vergnügen. Die Kapelle spielt röhrenden New Orleans-Jazz, der nur noch aus gleichzeitig spielenden Solisten zu bestehen scheint und über denen Satchmos raue Stimme röhrt.

Wo die rumänischen Dörfler schon mal überm großen Teich sind, ziehen sie weiter durch die amerikanischen Weiten und stoßen auf abgelegene Gegenden: Raso zupft das Banjo und imaginiert Bilder von hinterwäldlerischen Täler mit eiskalten Bächen, in denen erschlagene Goldgräber vermodern; wenn nicht Schlimmeres.

Das Schlimmste, was dem Publikum an diesem Abend geschieht, ist das Ende des Konzerts nach 105 Minuten. Eine Länge, an der es aber nichts zu mäkeln gibt. Schließlich befindet man sich hier nicht auf einer rumänischen Hochzeit. Sonst hätten Fanfare Ciocarlia wohl bis zum nächsten Morgen durchgespielt.

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