Ravensburg - 1000 Quadratmeter für Kunst von heute

Die Kunsthalle Ravensburg eröffnet bei der morgigen städtischen Kunstnacht eine neue Ausstellung mit Arbeiten von Bernhard Licini, Bernd Mattiebe und Reinhard Scherer. Allein schon wegen des Ausstellungsortes an sich empfiehlt sich ein Besuch: Die im letzten Jahr eröffnete Kunsthalle Ravensburg ist eine ehemalige Industriehalle.

„Am Anfang war hier alles schwarz“, sagt Carin Arnold. Sie macht eine Geste, die den Boden, die Wände, die Decke der Halle einschließt. Da war erst mal Kärnerarbeit angesagt – mit dem Hochdruckreiniger, den sie wochenlang selbst bediente. Schon im November 2016 wurde die Kunsthalle Ravensburg offiziell eröffnet. Aber auch am Dienstag dieser Woche trägt Carin Arnold hohe, strapazierfähige Stiefel, als müsse sie gleich wieder ran. Dem ist ja auch so: die barrierefreien Toiletten sind noch nicht ganz fertig, die schweren Stahlskulpturen der nächsten Ausstellung, die am morgigen Freitag eröffnet wird, stehen noch auf Holzpaletten. Und Carin Arnold ist tatkräftig. Keine, die zuschaut, wenn es anzupacken gilt. Längst ist die ehemalige Industriehalle sauber und weiß, aber zu einem „geschleckten“ Ausstellungssaal hat Carin Arnold sie nicht umgebaut. Es würde auch nicht zur Galeristin passen.

Carin Arnold ist selbst Künstlerin, ging in die Bildhauerschule von Axel F. Otterbach in Bad Waldsee, und ihre Skulpturen arbeitet sie schon mal mit der schweren Kettensäge. Die Resultate sind erstaunlich fragil, wie die „Kakteenfamilie“: Baumstämme, die sie rundum mit vertikalen Schnitten versah, bis ihre Oberflächen denen von meterhohen Kakteen ähnelten. „New York im Wald“ nennt sie ein Ensemble, das sie ebenfalls aus Holzstämmen sägte: Jede Skulptur davon wirkt wie die aufeinandergestapelten Stockwerke eines Wolkenkratzers, der sich immer weiter verjüngt und in einer Spitze gipfelt. Platziert hat sie diesen Wolkenkratzer-Stadtteil in einem Waldstück. Reihung, Rhythmus, Serie – das sind Begriffe, die einem bei ihren Arbeiten in den Sinn kommen.

Vier Ausstellungen pro Jahr

Aber Carin Arnolds Arbeiten stehen draußen vor den signalfarbenen Toren der Kunsthalle. Nicht um sie geht es, sondern um die Kunsthalle. Sie bietet, teils auf einer Empore, 1000 Quadratmeter Platz für Ausstellungen – mehr Fläche als das Kunstmuseum Ravensburg. Kunst der Gegenwart zeigt Carin Arnold hier, und dazu ist sie viel unterwegs, besucht Künstler in ihren Ateliers. Vier Ausstellungen pro Jahr will sie auf die Beine stellen. Zwei gab es bereits. Zur Eröffnung 2016 zeigte der Slowene Uros Weinberger Malerei, entstanden unter den Bedingungen der digitalen Mediengesellschaft: „Erzähl-Samplings“ nennt der Kunstjournalist Herbert Köhler die großformatigen Bilder, die verschiedenartige Szenerien und Bezüge miteinander verschneiden. Und im Anschluss stellte der Slowene Mitja Ficko ebenfalls Malerei aus – phantastische, symbolhaltige Ölgemälde.

Damit legte die Kunsthalle Ravensburg beide Male die Latte auf die Höhe der professionellen Kunst. Dort bleibt sie auch mit der ersten Gruppenausstellung, die nun morgen eröffnet wird: unter dem Motto „Starke Farben – Starkes Material“ zeigt Carin Arnold Malerei von Bernd Mattiebe (Stuttgart), große Stahlplastiken des gebürtigen Wangeners Reinhard Scherer und Metallobjekte von Bernhard Licini (Zürich).

Raum für große Formate

Die Kunsthalle zu kuratieren bedeutet auch, Künstler zu finden, deren Arbeiten den Dimensionen der fast acht Meter hohen Halle standhalten – und es gelingt. Bernd Mattiebe etwa, indem er die „starken Farben“ des Ausstellungsmottos zu seinem eigentlichen Thema macht. Kontraste entstehen dabei nicht nur in der Farbwahl, wenn Neongrün auf Orange trifft, sondern auch im Farbauftrag: Expressiv hingeschleuderte Farbspuren erinnern an die informelle Malerei, zugleich fühlt man sich angesichts der Tiefenwirkung großformatiger Farbflecken aber angeregt, sich in sie zu versenken wie in die „Malerei-Metaphysik“ eines Mark Rothko – stünde man eben nicht doch einem bloßen Fleck gegenüber, der wie das vergrößerte Detail eines Drip-Paintings wirkt. Mit Bernd Mattiebe zeigt die Kunsthalle einen sehr angesehenen Künstler, dessen Malerei sich in Zwischenräumen abseits des Festlegbaren abspielt. Das gilt nicht minder für die Stahlskulpturen von Reinhard Scherer, auch er ein arrivierter Künstler: Das Festlegbare ist seine Sache nicht. Da seine Skulpturen aus geometrischen Grundformen zusammengesetzte Körper bilden, wirken sie, als strebten sie das Ziel eines geschlossenen Ganzen an. Den Zustand der Ganzheit erreichen sie aber nie: Es gibt Öffnungen und Durchlässe, sie wirken wie gewaltsam aus ihrer Ursprungsform gezerrt, mal auch wie eine aufgestemmte Auster. Das Heil des Ganzen kennt die Kunst der Moderne nicht mehr. Im Geschleiften und Fragmentalen erhält sie aber Möglichkeiten zurück, die das Ganze aus sich ausgeschlossen hat. Die Objekte von Bernhard Licini schließlich sind stiller, auch kleiner – und werden wohl deshalb separiert gezeigt. Licini arbeitet teilweise mit Formen, die vorgefertigt sind oder so wirken – wie beispielsweise Rohren. Sowohl darin als auch in ihrer Strenge erinnern seine Objekte an die Minimal Art. Das gilt ebenso für ihr modulares Prinzip: Ein Rohr, eingebettet in eine stählerne Tragekonstruktion, nimmt sich aus wie das abgetrennte Teilstück eines viel längeren Gebildes. So wächst das Objekt in Gedanken zur endlosen Form – und durch den Standort in einer ehemaligen Industriehalle gehen die Arbeiten auch das Wagnis ein, nicht als Kunst, sondern als Werkstücke eines Arbeiters oder Handwerkers gelesen zu werden. Diesen Grenzgang provozierte bereits ein Minimalist wie Donald Judd. Ausgestellt in einem neutralen „White Cube“, würde diese Spannung verloren gehen.

Mit dem Begriff der „professionellen“ Kunst verbindet mancher eine gewisse Abgehobenheit – die Carin Arnold aber fremd ist. Sie steckt voller Pläne, will die Kunsthalle zu einem offenen Ort machen. Jugendliche könnten hier künftig der Kunst begegnen und unter Anleitung selbst kreativ werden. Für Events kann die Halle gemietet werden. Und wieso sollte nicht auch eine Cafeteria Platz finden? Auch für Konzerte eignet sich die Halle. Und im Ganzen strebt Carin Arnold ein zuträgliches Miteinander mit anderen Kunst-Akteuren der Stadt an.

Das Kunstprogramm nimmt weiter Gestalt an. Ausstellungen mit dem Aachener Allround-Künstler Helge Hommes und der Malerin Joana Fischer (USA) stehen auf dem Plan. Sicher ist: Wer morgen bei der Kunstnacht nicht die Kunsthalle Ravensburg besucht, verpasst einen ihrer attraktivsten Orte.

Kunsthalle Ravensburg

Die Kunsthalle befindet sich in der Gottlieb-Daimler-Straße 28, nahe der Ravensburger AG. Die Kunsthalle ist bei der morgigen Kunstnacht von 18 bis 23 Uhr geöffnet. Die Ausstellung von Licini, Mattiebe & Scherer dauert bis 28. Oktober. Geöffnet Donnerstag/Freitag 14 bis 18 Uhr, Samstag 12 bis 15 Uhr.

Informationen im Internet: www.kunsthalle-arnold.de

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