Owingen Kandidat Henrik Wengert will Bürgermeister bleiben: "Mir ist der Beruf nie verleidet"

Henrik Wengert spricht im SÜDKURIER-Interview über seine Motivation zu einer neuerlichen Kandidatur als Bürgermeister von Owingen und zur Frage, wie er die Bodenhaftung behält.

In Owingen läuft’s augenscheinlich gut, nachdem Sie Herrn Former vor acht Jahren in einer Kampfabstimmung das Amt abgenommen hatten. Jetzt betreiben Sie einen Wahlkampf auf allen möglichen Kanälen, mit Plakaten und opulentem Internetauftritt, als hätten Sie Sorge, dass es mit einer Wiederwahl nichts wird. Stimmt dieser Eindruck?

Eine Wahl ist immer etwas Besonderes. Als Bürgermeister muss man sich alle acht Jahre beweisen und von den Bürgern bewerten lassen. Da gilt es, den Leuten einen Rückblick zu bieten und ein Wahlprogramm zu präsentieren. Wenn man ein Ziel erreichen möchte, muss man alles dafür tun, was in der eigenen Macht steht. Das war für mich immer klar. Die Sozialen Medien waren vor acht Jahren noch nicht so stark. Heute ist es umso wichtiger, auf allen Ebenen präsent zu sein, auf Facebook genauso wie mit Flyern für die, die kein Internet nutzen. Insofern: Ich gebe heute genauso alles, wie ich das vor acht Jahren schon gemacht habe.

Was motiviert Sie im Alltag?

Ich sage immer gerne: Eine Gemeinde ist nie fertig. Man hat fast jeden Tag ganz unterschiedliche Situationen zu bewerkstelligen, das ist hoch spannend. Man kann als Bürgermeister daran arbeiten, dass eine Gemeinde eine gewisse Zukunftsfähigkeit erreicht. Zum Beispiel war es mir wichtig, dass wir uns im gewerblichen Bereich gut aufstellen, was auch dazu beiträgt, dass es der Gemeinde Owingen gut geht. Dazu gehört natürlich auch die Schaffung von Wohnraum. Insbesondere auch deshalb, weil wir in Owingen eine gute Infrastruktur haben mit Ärzten, Bäcker, Metzger, zwei kleinen Läden – die wir aber nur erhalten können, wenn die Kaufkraft auf Dauer am Ort bleibt. Dazu gehört weiterhin eine sehr gute Kleinkindbetreuung. Das ist eines der Merkmale, die eine Gemeinde auszeichnet.

Sie sind mitten in Ihrer Wahlkampfrede. Ich meinte mit meiner Frage, was Sie im grauen Alltag zur Arbeit im Rathaus motiviert?

Für mich ging vor acht Jahren ein Traum in Erfüllung, als ich zum Bürgermeister gewählt wurde. Es wäre jetzt vermessen zu sagen, ich wäre im Amt immer zu 100 Prozent glücklich. Ich habe den Schritt aber nie bereut, ich wollte nicht mehr etwas anderes machen. Wir haben ein tolles Team im Rathaus und eine sehr gute Stimmung. Das ist mir wichtig. Wichtig ist mir auch ein gutes Miteinander im Gemeinderat. So unterschiedlich die Persönlichkeiten auch sind, steht für alle im Vordergrund, für Owingen zu arbeiten. Wenn diese Räder alle ineinandergreifen, dann ist es gut machbar, eine Gemeinde zu entwickeln. Zwischen dem Gemeinderat und der Verwaltung herrscht ein sehr gutes Vertrauensverhältnis, so können wir Entscheidungen schnell herbeiführen statt sie zu zerreden. Also mir ist der Beruf nie verleidet, ich bin nicht müde.

Mit 45 haben Sie ein Alter, bei dem Karrieristen nochmal richtig Gas geben, um auf welche Stufe auch immer zu kommen. Sind Sie ein Karrierist?

Nein, das würde ich so nicht sehen. Für mich war es eine tolle Sache, dass man mich gewählt hat. Vor acht Jahren hieß es schon, dass ich Owingen nur als Sprungbrett benützen würde, aber das stimmt nicht. Für mich ist Owingen Aufgabe genug, es gibt immer noch viel zu tun. Der Beruf des Bürgermeisters ist schwierig und er wird schwieriger, wenn man einem großen Teil der Bürger gerecht werden möchte. Ich fühle mich wohl hier, ich bin gut integriert. Mir geht es gut hier.

Wollen Sie sich in Owingen ein Denkmal setzen?

Nein, das ist nicht erforderlich. Das Bürgerhaus wird vielleicht mit solchen Überlegungen in Verbindung gebracht, aber tatsächlich war es der explizite Wunsch einer großen Bürgerschaft, das Haus zu bauen. Letztendlich bringt man sich für die Bürger ein und nicht für sich.

In Baden-Württemberg dauert die Amtsperiode für einen Bürgermeister bekanntlich acht Jahre. Das ist in unserer Demokratie außergewöhnlich lange und birgt die Gefahr von Amts- oder Machtmissbrauch. Wie schützen Sie sich davor, nicht die Bodenhaftung zu verlieren?

Ich bin schon immer angetreten mit der Maxime, dass man offen und ehrlich miteinander umgeht. Ich weiß sehr gut zu unterscheiden zwischen meinem Privatleben und der Verantwortung, die das Amt mit sich bringt. Man hat immer das Wohl der Allgemeinheit im Blick zu halten. Egal bei welchem Projekt. Also ich würde mich als bodenständig betrachten.

In Ihrem Wahlprogramm ist es nachzulesen, dass der Respekt vor anderen Meinungen für Sie ein hohes Gut ist, weil es die Grundlage dafür ist, sich vom Besseren überzeugen zu lassen. Gibt es ein Beispiel, bei dem Sie erst von A überzeugt waren, sich dann aber für B begeistern ließen?

Die Echt-Bodensee-Card ist so ein Beispiel. Vom Produkt EBC war ich von Anfang an überzeugt, ich bin es nach wie vor, unabhängig von der aktuell ungeklärten rechtlichen Situation. Aber ich habe mich davon überzeugen lassen, dass es für die Gemeinde Owingen derzeit noch zu früh wäre, die EBC einzuführen. Wir haben einen zu schlecht ausgebildeten ÖPNV, und wir haben noch keine Touristinfo, wie man sich eine Touristinfo wünscht. Wir können die EBC nur gemeinsam mit den Zimmervermietern einführen. Das muss alles noch ein bisschen reifen.

Owingen hat Rücklagen von 4,2 Millionen Euro und fast 500.000 Euro Schulden. Sie sagen zu Recht, die Gemeinde ist quasi schuldenfrei. Aber wo genau liegen denn diese Rücklagen?

Auf den Girokonten. Wir haben bis 2015 regelmäßig Schulden abgebaut, trotz eines Investitionsvolumens von 24,5 Millionen Euro innerhalb der letzten acht Jahre. Für den Kauf einer Flüchtlingsunterkunft haben wir ein Darlehen aufgenommen bei der KfW-Bank mit null Prozent Zinsen, fest auf zehn Jahre. Bevor wir für andere Projekte möglicherweise Schulden hätten machen müssen, nutzen wir lieber ein Darlehen, das es für diesen Zweck zinslos gibt. Dadurch hat sich der Schuldenstand wieder ein wenig erhöht. Dass wir so hohe Rücklagen haben, das liegt an der Wohnbebauung, an einem ungebrochen hohen Bedarf nach Wohnbauflächen. Im Gebiet Mehnewang haben wir innerhalb von vier Monaten 34 Grundstücke verkauft, daher die hohen Einnahmen.

Sie planen die Einrichtung eines Seniorenrats. Wie heißt das konkret?

Hintergrund ist der Bau eines Pflegeheims, gemeinsam mit der Stiftung Liebenau, und dem geplanten nächsten Schritt, dem Bau eines Mehrgenerationenhauses, ebenfalls gemeinsam mit der Liebenau. Bei der Kleinkindbetreuung haben wir einen jährlichen Zuschussbedarf von 750 000 bis 900 000 Euro, was wir gerne in Kauf nehmen, aber bei den Senioren geben wir einen deutlich kleineren Betrag aus. Das geht nicht, wenn man bedenkt, dass 20 Prozent unserer Bürger 65 Jahre und älter sind. Die Seniorenarbeit fußt auf zwei Säulen: Einerseits muss man den Hilfebedarf sehen und gleichzeitig erkennen, dass es viele ältere Bürger gibt, die sehr fit sind und sich im Ort einbringen möchten. Wie kann man diesen Prozess als Gemeinde unterstützen, was benötigen die Senioren, was können sie umgekehrt für die Gemeinde leisten? Mir geht es darum, eine quartiersbezogene Seniorenpolitik zu initiieren. Wir müssen schon schauen, dass wir mehr Hilfe auf bilateraler Ebene organisieren, weil alles sehr teuer wird in der Pflege. Ob sie auf Dauer finanzierbar ist, da bin ich skeptisch. Die Gruppe der Senioren ist so groß, sie braucht einfach Gehör.

Außerdem verlangen Sie nach einer Anerkennungskultur. Was muss man sich darunter vorstellen?

Ich bin auf vielen Jahreshauptversammlungen. Vor zwei drei Jahren ging es langsam los, dass es zunehmend schwierig wurde, Vorstandsposten zu besetzen. Wir haben eine Ehrenamtskultur, wir verleihen als Gemeinde Ehrennadeln. Doch ich finde, wir sollten mit den Vereinen etwas entwickeln, das das Ehrenamt wieder attraktiver macht, weil das Ehrenamt die Grundlage unseres Zusammenlebens bildet. Am Ende sind unsere Vereine unsere Sozialarbeiter. Eine Nadel anstecken ist das eine. Wir müssen aber besser vermitteln, dass es Spaß machen kann, ein Vorstandsamt zu bekleiden. Das beschäftigt mich. Doch wie es gelingt, kann ich jetzt noch nicht sagen. Dafür benötige ich mehr Infos der Vereine.

Bürgerbeteiligung wird in Owingen groß geschrieben. „Owingen 2025“ hieß der entsprechende Prozess. Für wie verbindlich halten Sie das, was in der Bürgerbeteiligung herauskommt? Und wie kommt der Gemeinderat damit klar, dass Sie ihm Bürgerwünsche als gesetzt vorlegen?

Wenn Sie mit 50 Bürgern gemeinsam an einem Projekt arbeiten, ist klar, dass jemand den Prozess führen und strukturieren muss, bei uns war das die Planstatt Senner. Luftschlösser haben wir aussortiert, aber insgesamt wissen die Bürger einfach am besten, was gebraucht wird, damit sie sich wohlfühlen. „Owingen 2025“ war für uns eine Art mittelfristige Finanzplanung, aus der heraus viele Projekte entstanden sind und weiter entstehen. Das war kein Papiertiger.

Es gibt andere Gemeinderäte in anderen Kommunen, die sich schwer damit tun, das Ergebnis aus so einem Bürgerworkshop in Beschlüsse umzumünzen.

Doch, das muss schon sein, sonst brauchen Sie den Bürgerbeteiligungsprozess nicht zu starten. Das Erfordernis wird bei den Gemeinderäten gesehen. Wir haben in eineinhalb Jahren mehr als 100 Sitzungen mit den Bürgern und Fachbehörden abgehalten. Da hat man gesehen, dass sich im Ort etwas bewegt, dass es eine gute Stimmung gibt und die Bürger gerne bereit sind mitzumachen. Für den Gemeinderat bleibt, neben der konkreten Ausgestaltung, immer noch ein großes Feld, um das er sich kümmern muss.

Zur Person

  • Henrik Wengert (45 Jahre) wurde in Radolfzell geboren, aufgewachsen ist er in Bodman-Ludwigshafen. Im Jahr 2009 wurde er mit 72,2 Prozent der Stimmen zum Bürgermeister von Owingen gewählt. Er löste Amtsinhaber Günther Former ab, der sich damals ebenfalls zur Wahl gestellt hatte. Am 22. Oktober kandidiert Wengert nun für seine zweite Amtszeit. Die beruflichen Stationen vor seinem Wechsel nach Owingen waren: 1990 bis 1992 Ausbildung bei der Stadt Stockach für den gehobenen nichttechnischen Verwaltungsdienst; 1992 bis 1994 Studium an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl mit Staatsexamen und Abschluss als Dipl.-Verwaltungswirt; 1995 bis 1996 Wehrdienst in Stetten am kalten Markt; 1996 bis 1999 Landratsamt Karlsruhe, Kreisjugendamt; 1999 bis 2004 Landratsamt Bodenseekreis, Kreisjugendamt; 2004 bis 2009 Landratsamt Bodenseekreis, stellvertretender Leiter im Amt für Kreisentwicklung sowie Tätigkeiten im Bereich der Wirtschaftsförderung. Wengert lebt mit seiner Partnerin Silvia Sulger und deren Tochter Laura in Owingen.
  • Die nächsten Wahlveranstaltungen mit Henrik Wengert sind am Freitag, 6. Oktober, 19 Uhr in der Pizzeria Da Capo; am 7. Oktober um 17 Uhr im Café Schindlers Feines; am 11. Oktober um 19.30 Uhr im Adler in Billafingen; am 14. Oktober um 19.30 Uhr im Engel in Owingen sowie am 15. Oktober um 20 Uhr im Adler in Hohenbodman. Offizielle Kandidatenvorstellung am 13. Oktober um 19.30 Uhr im Kultur-O.
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