Meersburg Rabbiner Joel Berger spricht zur Eröffnung der Jüdischen Kulturwochen in Meersburg

Der frühere württembergische Landesrabbiner hat zum Auftakt der Jüdischen Kulturwochen Bodensee im Augustinum über jüdischen Humor gesprochen. Die zweite Auflage der Veranstaltungsreihe umfasst 37 Angebote in sechs Bodenseegemeinden.

Jüdischer Chuzpe gibt sich selbst der Messias geschlagen – jedenfalls laut der Pointe eines der vielen Witze, die Joel Berger auf unnachahmliche Art erzählt. Der frühere württembergische Landesrabbiner spricht zum Auftakt der Jüdischen Kulturwochen Bodensee im Augustinum über jüdischen Humor.

Damit knüpft Berger an seinen Vortrag über das "Jüdische in der deutschen Sprache" an, den er im vergangenen Jahr zur Eröffnung der Ersten Jüdischen Kulturwochen hielt. Nach der erfolgreichen Premiere 2017 in Meersburg und Konstanz weiteten die Träger – der Kulturverein Meersburg und die Synagogengemeinde Konstanz – die Reihe auf nun sechs Gemeinden aus, in denen bis 13. Juni insgesamt 37 Veranstaltungen stattfinden werden. Peter Stiefel, Vorsitzender der Synagogengemeinde, wies bei der Eröffnung auch darauf hin, dass die meisten Veranstaltungen kostenlos sind und dankte dafür allen Unterstützern. Dazu zählt das Augustinum, dessen Direktor Richard Rheindorf als Hausherr eingangs die zahlreichen Gäste begrüßt hatte, die Berger live erleben wollten.

Joel Berger verbindet seine Anekdoten, darunter auch Auszüge aus seinen Lebenserinnerungen, immer wieder nonchalant mit Aktuellem. So gebe es heute ja sogar einen Antisemitismus-Beauftragten. "Man denkt, das ist was ganz Neues." Dabei hätten die Juden im polnischen Chelm, dem "jüdischen Schilda", bereits vor langer Zeit einen "Messias-Beauftragten" engagiert. Dessen Aufgabe war, vor der Stadt Obacht zu geben, damit man den ersehnten Retter nicht etwa verpasse. Tatsächlich taucht der Messias eines Tages auf, zum Leidwesen des Wächters, der klagt: "Du machst mich erwerbslos." Der Messias sieht das ein, zieht wieder von dannen und so warten die Juden noch heute auf ihn.

Der jüdische Humor, den die Beispiele Bergers illustrieren, ist verschmitzt, unverblümt, nie bösartig. Schonungslos und oft selbstironisch nimmt er Schwächen auf die Schippe, stellt aber auch Stärken nicht unter den Scheffel. So sitzen zwei Juden in einem polnischen Zug und listen Berühmtheiten auf. Einstein, Spinoza: Juden. Kolumbus? Stamme von getauften Juden ab. Die Frau Soundso aus ihrer Stadt? Ihre Mutter sei eine getaufte Jüdin. Einer Mitreisenden entfährt ob dieser Aufzählung: "Jesus Maria." Prompte Antwort: "Beide Juden!" Der Antisemitismus ist ebenso Gegenstand des unverwüstlichen jüdischen Humors wie die Verfolgung durch Faschismus und Kommunismus. Berger erlitt beide Systeme. Den Kommunismus in Ungarn über zwei Jahrzehnte, bis zu seiner Emigration 1968, was auch die große Zahl entsprechender Witze in seinem Repertoire widerspiegelt. Relikte der Vergangenheit? Von Berger beiläufig eingestreute Bemerkungen wecken Zweifel, etwa, wenn er Jüngeren Leonid Breschnew so vorstellt: "Das war der frühere Diktator, vor Putin."

Die Schattenseiten seines eigenen Lebens, das er in der Autobiografie "Der Mann mit dem Hut" festhielt, hat Berger bei früheren Auftritten am Bodensee bereits angerissen. An diesem Tag liest er Heiteres und Herzerwärmendes, etwa über die erste Begegnung mit seiner späteren Frau Noemi, geborene Schlesinger aus Wien. Eine wichtige Rolle, auch wenn sich das Paar heute über die Details uneins ist, spielt dabei der Tscholent, der langsam köchelnde jüdische Eintopf, den die Hausfrau bereits am Freitag ansetzt, damit die Sabbatruhe nicht verletzt wird. Denn dieser, für den jede Köchin ihr eigenes Rezept hütet, ist ein untrüglicher Hinweis darauf, wie sie im Alltag kocht. Der Tscholent der Schlesingers muss hervorragend gewesen sein, denn die mit Hilfe von Berges Vater eingefädelte, "empfohlene Ehe hält schon 50 Jahre und wer weiß, wie lange noch. Ich bin bereit", sagt Berger mit Blick auf Noemi, die in der ersten Reihe sitzt und aufpasst, dass ihr Mann nicht zu lange spricht. "Oh, meine Frau hat mir die Uhr gezeigt", sagt er dann. Ja, ergänzt sie hinterher lächelnd, weil das so mit ihm abgesprochen sei. Zehn Minuten vor Schluss klopft sie das erste Mal aufs Zifferblatt.

Die Zeit reicht aber noch für ein paar Anekdoten über Begegnungen mit dem früheren Papst Johannes Paul II. Bei dessen erstem Deutschlandbesuch 1980 war auch eine jüdische Delegation, darunter Berger, nach Mainz eingeladen. Viele Menschen winkten dem Bus, in dem Berger saß, zu. Berger grüßte zurück. Allerdings, so stellte er beim Aussteigen fest, hatte die Begeisterung dem hinter ihm sitzenden Vertreter der jüdischen Gemeinde Berlin gegolten: dem Showmaster Hans Rosenthal. Nachdem man den Besuchern Verhaltensregeln im Umgang mit dem Papst eingeimpft hatte, etwa, ihn ja nicht zuerst anzusprechen, kommt es zu einer ergreifenden Begegnung. Der Vorsitzende der Augsburger Gemeinde, Julius Spokojny, der 16 Konzentrationslager überlebt hat, geht auf den Papst zu, haut ihn auf den Rücken und sagt: "Karol." Der Papst: "Julius? Julius, mein Gott, du lebst." Sie fallen sich in die Arme. Beide waren im polnischen Wadowice, aus dem sie stammen, Nachbarn gewesen.

 

Zur Person

Joel Berger kam 1937 in Budapest zur Welt. Seine Eltern und er überlebten den Holocaust, doch 40 Mitglieder seiner Familie wurden ermordet. Nach dem Volksaufstand in Ungarn 1956 wurde Berger inhaftiert, 1968 emigrierte er nach Deutschland. Seit 1963 ist Berger orthodoxer Rabbiner. Nach Stationen unter anderem im schwedischen Göteborg, in Düsseldorf und Bremen, war er von 1985 bis 2002 Landesrabbiner für Württemberg. Außerdem lehrte er an der Uni Tübingen. Berger ist auch als Autor bekannt und spricht etwa für die Sender SWR1 und 4 das "jüdische Wort in den Tag". Berger erhielt 2001 die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg und 2016 den Verdienstorden der Bundesrepublik. (flo)

 

Nächste Veranstaltungen

  • "Ihr sollt den Fremden lieben" – Rabbi Kleins vierter Fall. Alfred Bodenheimer, Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte an der Universität Basel, liest aus seinem Roman. Heute, Dienstag, 17. April, 19.30 Uhr, Konstanz Bürgersaal.
  • „Der gestohlene Klimt“ – Wie sich Maria Altmann die Goldene Adele zurückholte. Elisabeth Sandemann präsentiert ihr Buch, in dem sie Geschichte eines der größten Kunstskandale des 20. Jahrhunderts erzählt. Mittwoch, 18. April, 19.30 Uhr, Meersburg, Jufa-Hotel, und Donnerstag, 19. April, 19.30 Uhr, Konstanz Bürgersaal.
  • „Arisierungen in Überlingen“. Historiker Oswald Burger (Überlingen) erläutert am Beispiel von fünf Familien das Verfahren, das in allen Fällen durch staatliche Regelungen, eifrige Behörden vor Ort und Profiteure betrieben wurde. Die betroffenen Menschen wurden ermordet, nahmen sich das Leben oder mussten fliehen. Sonntag, 22. April, 19.30 Uhr, Meersburg, Jufa-Literaturcafé.
  • "NS-Täter aus dem Bodenseeraum". Historiker Wolfgang Proske, ehemaliger Entwicklungshelfer in Botswana und früherer Leiter der Deutschen Schule in Tripolis/Libyen, gibt die Reihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" heraus. Er stellt nationalsozialistische Biografien von Menschen aus der Region vor. Montag, 23. April, Konstanz Bürgersaal, und Dienstag, 24. April, Meersburg Jufa-Hotel, jeweils 19.30 Uhr.
  • "Der FC Bayern, seine Juden und die Nazis". Der Autor Dietrich Schulze-Marmeling, Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur, war 2003 Herausgeber und Autor der ersten größeren Veröffentlichung über Juden im deutschen und internationalen Fußball. Mittwoch, 25. April, Konstanz Bürgersaal, und Donnerstag, 26. April, Meersburg Augustinum, je 19.30 Uhr.
  • Der Eintritt ist jeweils frei.

 

 

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