Meersburg Opulenz und Lebenslust mit "Jedermann" im Seniorenstift

Die beiden Überlinger Schauspieler Birgit und Oliver Nolte gastieren im Augustinum. Das Publikum ist begeistert.

Schon der Einstieg zum "Jedermann", der Hofmannsthalschen Parabel vom Sterben des reichen Mannes, war spektakulär: Birgit und Oliver Nolte baten ihre Gäste zum großen Gelage. Nach der Öffnung der Türen des Theatersaals im Augustinum fanden sich die hereinströmenden Zuschauer unversehens inmitten einer dekadenten Party: Der Champagner floss, Janis Joplins "Summertime" dröhnte aus den Lautsprechern. Auf der mit weißen Tischdecken und roten Grablichtern bestückten Bühne tanzt maßlos trinkend Oliver Nolte als Jedermann. Eng an ihn geschmiegt der Tod (Birgit Nolte-Michel), als solcher erkennbar an den aufgetragenen schwarzen Lippen. Die Zuschauer im Meersburger Seniorenstift werden Teil der Szene, nehmen rund um die große Tafel Platz, ihnen wird Champagner gereicht.

Die Inszenierung ist modern, als Zwei-Personen-Stück angelegt. Neben dem verblendeten Lebemann, dem alles Mitleid fremd ist, verkörpert Oliver Nolte noch drei weitere Rollen. Birgit Nolte-Michel bringt es auf insgesamt neun Charaktere, wobei die Übergänge der einzelnen Figuren ineinander verschmelzen. Straff, dicht und schnörkellos spielen die Beiden. Nur wenige Requisiten – weiße Tücher, Sonnenbrille oder die unterschiedliche Farbe des Lippenstifts – geben Hinweise auf die jeweilige Person. So auch bei der an Gott gemahnenden Mutter, dargestellt mit einem weißen Kopftuch, die ihren Sohn nicht von seiner Geldgier abbringt. Erst als der Tod – gefühlskalt mit spiegelnder Brille von Birgit Nolte-Michel in Szene gesetzt – seine kalte Hand nach Jedermann ausstreckt, stürzt dieser in abgrundtiefe Verzweiflung.

Die schlichte weiß-grau-schwarze Kleidung der Protagonisten steht stellvertretend für die Personifikation abstrakter Wesen: Gott, Tod, Teufel, der schnöde Mammon, die guten Werke, der Glaube und nicht zuletzt "Jedermann" im Sinne von jeder Mensch, der sich am Ende seines Lebens vor dem Herrn verantworten muss.

Den Noltes gelang mit ihrer Inszenierung das Kunststück, an dem sich die Salzburger Festspiele bisweilen die Zähne ausbeißen. Das Publikum zollte kräftigen Beifall, jedoch nicht euphorisch oder überschäumend – dazu waren Inhalt und Aussage zu ernst.

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