Meersburg Jüdische Kulturwochen gehen mit Kabarett zu Ende

Rabbiner Walter Rothschild hat zum Abschluss der Jüdischen Kulturwochen in Meersburg mit seinem Ideenreichtum die Besucher begeistert. Er beschrieb nicht nur Licht- und Schattenseiten des Rabbiner-Berufs, sondern reflektierte auch darüber, was es heißt, Jude zu sein. Insgesamt kamen 2500 Besucher zu den 37 Veranstaltungen der Jüdischen Kulturwochen, wie Organisator Michael Dörr erklärte. Die Reihe soll 2019 fortgesetzt werden.

Mit den Auftritten von Rabbiner Walter Rothschild in Meersburg sind die zweiten Jüdischen Kulturwochen Bodensee zu Ende gegangen. Die Abschlussveranstaltung in Meersburg fand, wie bereits die Eröffnung, im "Augustinum" statt, worüber sich Kirsten Franke, Kulturreferentin der privaten Seniorenresidenz, freute.

Humor auch abseits der Bühne

Walter Rothschild hat Humor, auch abseits der Bühne, die er als Kabarettist und Sänger bespielt: So ließ er Scherz-Visitenkarten drucken, die ihn etwa als "Geschäftsführer der nicht-arischen Rabbinerkonferenz Deutschlands" vorstellen. Rothschild, der seit 1998 in Berlin lebt, arbeitet außerdem als Autor sowie als selbstständiger Rabbiner, nachdem er etliche Stationen als Gemeinderabbiner absolviert hatte. Das ging meist nicht gut aus.

Als Gemeinderabbiner immer wieder gescheitert

Denn Rothschild ist im doppelten Wortsinn unorthodox, so sehr, dass er, obwohl der liberalen jüdischen Richtung angehörend, oft seine nicht ganz so liberalen Vorstände und Mitglieder gegen sich aufbrachte. So musste er seine erste Stelle im englischen Leeds 1994 nach zehn Jahren verlassen, nachdem er "eine Predigt über einen Skandal in der Gemeinde" gehalten habe, wie er erzählt. Sein Tipp an Kollegen: "Wenn man in eine neue Gemeinde kommt, muss man so schnell wie möglich herausfinden, wer mit wem geschlafen hat – und warum sie das nicht mehr tun."

Bekannte Melodien mit eigenen Texten

In diesem sarkastisch-humorvollen Ton erzählt der 1954 im englischen Bradford geborene Rothschild seine Vita. Dazwischen singt er, stets begleitet von Pianist Max Doehlemann, Lieder von Schubert, den er sehr liebe, und anderen – doch immer mit eigenen Texten. So verballhornt Rothschild etwa zur Melodie der "Schwäb'sche Eisenbahn" Stuttgart 21.

Als 18-Jähriger Arbeit bei der Bahn

Zur Bahn hat Rothschild ein ganz besonderes Verhältnis, sein Leben verlief mehrgleisig. Sein Vater, der 1939 Nazi-Deutschland mittels eines Kindertransports nach England entkommen war, schickte den 18-jährigen Walter 1973 nach Hamburg, wo er ein halbes Jahr bei der Bahn arbeitete. Es folgte eine kurze Zeit als Religionslehrer an einer schwierigen Schule bei London, die Rothschild als eine Art Überlebenstraining schildert.

Was heißt es, Jude zu sein?

Seit 1984 ist Rothschild Rabbiner und beschreibt nicht nur die Licht- und Schattenseiten dieses Berufes, sondern reflektiert auch darüber, was es heiße, Jude zu sein: "Fast jeder weiß besser, was das bedeutet, als du." Der Antisemitismus zähle auf jeden Fall dazu. Nonchalant erzählt Rothschild über dessen Auswüchse, die auch er schon am eigenen Leib erfuhr, so als er in Berlin von drei Jungen angegriffen wurde. Die Polizei sei erleichtert gewesen, als sich herausstellte, dass es drei Migranten und "Gott sei Dank keine deutschen Rechtsextremisten" gewesen seien.

Beim Meersburger Publikum kommen Walter Rothschilds Humor und Max Doehlemanns musikalische Begleitung gut an.
Beim Meersburger Publikum kommen Walter Rothschilds Humor und Max Doehlemanns musikalische Begleitung gut an. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Auch mit jüdischen, respektive antijüdischen Klischees jongliert er unverblümt. Während, gleich zu Beginn, Doehlemann immer wieder den Abba-Titel "Money, money, money" anschlägt und damit auf Walters berühmten Nachnamen anspielt, klärt dieser über die Rothschilds auf: "Einige sind reich, einige sind nett. Ich bin hier, weil ich arbeiten muss." Und so teilt er seinen Ideenreichtum mit den Zuhörern. Denen gefällt das, wie am Applaus zu hören ist.

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