Meersburg, Konstanz, Weingarten Jüdische Kulturwochen ab 15. April in drei Landkreisen

Die zweite Auflage legt programmmäßig zu und findet diesmal an sechs Orten in den Landkreisen Konstanz, Ravensburg und Bodensee statt. Die breite Veranstaltungspalette zu jüdischem Leben soll antisemitischen Strömungen entgegenwirken.

Vom 15. April bis 13. Juni eröffnen die Synagogengemeinde Konstanz und der Meersburger Kulturverein eine vielseitige Sicht auf jüdische Geschichte, Künstler und den Alltag von Juden gestern und heute – regionale Bezüge inklusive. Das neu aufgelegte Kulturwochenprogramm bietet 37 Veranstaltungen in zwei Monaten an. Enthalten sind Konzerte, Lesungen und Vorträge mit Bildmaterial.

"Nach dem sehr großen Erfolg im letzten Jahr haben wir uns entschieden, die Jüdischen Kulturwochen auszuweiten", erklärt Organisator Michael E. Dörr, der dem Meersburger Kulturverein vorsitzt und als Geschäftsführer der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG) fungiert. Mit einem beinahe doppelt so großen Programm gegenüber dem Vorjahr werden neben den Hauptveranstaltungsorten Meersburg und Konstanz auch erstmalig Langenargen, Überlingen, Radolfzell und Weingarten miteinbezogen. Namhafte Autoren und Künstler konnte Dörr in Eigenregie zum Mitmachen gewinnen, darunter der US-amerikanische Professor für Geschichte und Politik, Gerald Steinacher, der laut Dörr darüber berichten wird, wie es Nazi-Kriegsverbrechern gelingen konnte, über eine so genannte "Rattenlinie" und mit Erzbischofhilfe aus Rom nach Übersee zu gelangen.

Der Fernsehjournalist Jörg Armbruster wird über den schwierigen Neubeginn für deutschstämmige Juden nach ihrer Emigration berichten. Dietrich Schulze-Marmeling liest aus seinem 2011 erschienen Buch "Der FC Bayern, seine Juden und die Nazis", der Journalist Helmut Zeller erzählt die wahre Geschichte "Geboren im KZ, 7 Mütter, 7 Kind". Der ehemalige Landesrabbiner von Württemberg, Joel Berger, eröffnet erneut die Veranstaltungsreihe mit Geschichten aus seinem Leben, genauso ist der niederländische Entertainer Robert Kreis wieder mit mehreren Konzerten und jüdischem Liedgut der 1920-er Jahre mit von der Partie. Für den regionalen Bezug sorgt unter anderem der Überlinger Historiker Oswald Burger, der am Beispiel von fünf Familien aus Überlingen die so genannte "Arisierung", das Enteignen jüdischer Bürger, aufzeigt. Das Thema des ostwürttembergischen Soziologen Wolfgang Proske sind "Täter Helfer Trittbrettfahrer".

Auch Entertainer Robert Kreis ist wieder dabei. Hier im Spiegelsaal des Meersburger Neuen Schlosses am Steinway: Der in Holland geborener Wahl-Berliner präsentierte bei den ersten Jüdischen Kulturwochen Meersburg–Konstanz im vergangenen Juli sein Programm „Verehrt, verfolgt, vergessen“, eine Hommage an jüdische Unterhaltungskünster der Weimarer Zeit, für die Berlin ein Zentrum war. <em>Bild: Brigitte Elser-Heller</em>
Auch Entertainer Robert Kreis ist wieder dabei. Hier im Spiegelsaal des Meersburger Neuen Schlosses am Steinway: Der in Holland geborener Wahl-Berliner präsentierte bei den ersten Jüdischen Kulturwochen Meersburg–Konstanz im vergangenen Juli sein Programm „Verehrt, verfolgt, vergessen“, eine Hommage an jüdische Unterhaltungskünster der Weimarer Zeit, für die Berlin ein Zentrum war. Bild: Brigitte Elser-Heller

Das persönliche, "absolute Highlight" von Michael E. Dörr ist der Besuch von Professor Götz Aly am 10. Juni. Der deutsche Politikwissenschaftler und Historiker stellt sein neustes Werk "Europa gegen die Juden 1880-1945" vor. "Ich freue mich, dass uns einer der führenden Intellektuellen zugesagt hat", betont Dörr. Beim Lesen des Buchs habe ihn die von Aly belegte Zunahme der Judenfeindschaft in West- und Osteuropa nach 1880 "sehr betroffen gemacht". Mit Sorge beobachtet der IRG Vorstandsreferent auch die aktuellen antisemitischen Strömungen in Deutschland und weltweit. "In der heutigen Zeit brauchen wir sogar in Baden Württemberg einen Antisemitismus-Beauftragten", betont er. Mit Blick auf aktuelle Fälle von Mobbing an Schülern jüdischen Glaubens in Berlin hält er die Jüdischen Kulturwochen für ein richtiges Signal. Gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Konstanzer Synagogengemeinde, Peter Stiefel, setze er so auf "Bildung gegen Nichtwissen oder verdrehtes Wissen". Daher soll das Veranstaltungsangebot weiter kostenlos bleiben, um jedem Interessierten eine Teilnahme zu ermöglichen. Das hochkarätige Angebot ist dabei finanziell nicht leicht zu stemmen. "Wir haben im Moment ein Minus", sagt Dörr. Daher sind die Organisatoren auf Sponsoren- und Spendengelder angewiesen. Er sei stolz darauf, dass sich schon einige örtliche Industrie- und Handwerksbetriebe beteiligen, unterstreicht Dörr. "Weil es mir zeigt, dass wir von Einheimischen unterstützt werden."

Vorbereitung zu den Kulturwochen (von links): Peter Stiefel, Michael E. Dörr und Richard Rheindorf.
Bei den Vorbereitungen auf die Jüdischen Kulturwochen, von links: Peter Stiefel, Vorsitzender der Synagogengemeinde Konstanz, Organisator Michael E. Dörr und der Direktor des Augustinums Meersburg, Richard Rheindorf. Im Augustinum eröffnet Joel Berger am 15. April die zweiten Jüdischen Kulturtage. Bild: Martina Wolters

Schabbat-Ruhe

Die wöchentlich auftretenden, zweitägigen Veranstaltungslücken sind dem jüdischen Schabbat geschuldet. Es handelt sich um den Ruhetag der Juden, der vom Sonnenuntergang am Freitag bis zum Eintritt der Dunkelheit tags darauf am Samstag andauert. Daher finde an Schabbat keine Veranstaltung statt, erläutert Michael E. Dörr. Genauso habe er versucht, auf katholische Feste Rücksicht zu nehmen.

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