Meckenbeuren Vielfältiger geht es nicht

Von Tango bis zu Coldplay: Akkordeonorchester Meckenbeuren zieht mit Frühjahrskonzert bei Kultur am Gleis 1 viel Publikum an

Dem Akkordeonorchester Meckenbeu ren geht es prächtig: Beim Frühjahrskonzert ist der Kulturschuppen am Gleis 1 voll – sowie vor als auch auf der Bühne. Es sind so viele Musiker präsent, dass der 1. Vorsitzende Michael Höss sogar um sein Rednerpult kämpfen musste, wie er selbst verkündet. Das Akkordeonorchester kann nämlich sieben neue Mitspieler begrüßen und zählt nun 30 Musikerinnen und Musiker. Als genügte das nicht, sind auch diesmal wieder musikalische Gäste eingeladen: das Posaunenquartett „Zugluft“, für das Meckenbeu rens Musikschulleiter Jörg Scheide sich mit seinen drei Schülern Patrick Sauter, Louis Schmid und Felizian Stocker zusammengetan hat, sowie den jungen Saxofonisten Jonathan Möser.

Größtmögliche Vielfalt hat sich das Akkordeonorchester also auf die Fahnen geschrieben, und das macht gleich der Einstieg deutlich: epische Musik zum Film „Armageddon“, in dem wieder mal kurz die Welt gerettet wird. Rhythmischer, beschwingter, das Pathos angenehm gedrosselt und keineswegs so effektversessen wie die Originaleinspielung fällt die Version des Akkordeonorchesters aus. Überraschend bezieht das Orchester hier das „Synthesizer“-Akkordeon Electronium von Hohner auf, das an die Klänge eines Keyboards erinnert.

Auch mit der Mini-Suite „Spirits of London“ (Wolfgang Kahl) führt Dirigentin Sabine Hörmann ihre Musiker zu besten unterhalterischen Qualitäten – erst erstaunlich tänzerisch und leicht, dann mit einer chansonesken Note, bei der man meint, einen Franzosen mit Baguette unterm Arm durch den Hyde Park wandeln zu sehen. Und in die Geschäftigkeit des Ausklangs mischt sich in dieser Suite dann schon die Feierlaune einer heiteren Nacht im Pub.

Draufgängerisch und doch mit einem schmunzelnden Auge angesichts der eigenen Schmissigkeit kommt dann der berühmte Tango „La Cumparsita“ daher – was zu deutsch „Fasnachtsumzug“ bedeutet, wie Moderatorin Sonja Nägele informiert. Die große Maskerade liegt auch nicht fern: Als Frau verkleidet, dreht Jack Lemmon in der Komödie „Manche mögen's heiß“ zu eben dieser Melodie mit einem Verehrer seine Runden. Regina Holzhofer stößt für die zauberhafte Ballade „Halleluja“ von Leonhard Cohen als Sängerin hinzu, und trifft auf ein höchst anschmiegsames Orchester, das in einer Gesangspause zu sehr emotionalen und bewegenden Einsätzen fähig ist.

In „Welcone to Venice“ von Hans-Günther Kölz klingt die Anlehnung an die italienisch Barockmusik dann eher nach dem „Neobarock“ von Rondo Veneziano – macht also wirklich Laune.

Der tänzerisch leichte Charakter des Konzerts wird nach der Pause von Jörg Scheide und seinen „Zugluft“-Jungs aufgenommen – allerdings in oft bemerkenswert schwierigen und kleinteiligen Arrangements. Goldene Nostalgie liegt prägt die Swing-Miniatur „Lazy Basie“. „Zugluft“ musiziert mit einem Verständnis für die Zeit, aus der die ausgesuchten Stücke stammen, und das passt zu den kurzen Einführungen von Jörg Scheide über musikhistorische Hintergründe. Der Beguine, ein flirtender Gesellschaftstanz, der ursprünglich von den Antillen stammt und in den 1930ern Paris eroberte, charmiert denn auch auf gebührend förmliche Weise – während das Quartett im Medley aus der „West Side Story“ einen Hit nach dem anderen zündet: „I got rhythm“ und „America“ lassen die Zügel schießen, und in „Maria“ übernimmt Jörg Scheide die schmelzende Hauptstimme.

Dann ist das Orchester wieder an der Reihe, und liefert bis zum Schluss Zugnummer um Zugnummer: Die schwierigen Läufe einer Bachschen Toccata und der melodischen Schwung lateinamerikanischer Tanzmusik packen die Musiker mühelos zusammen, im „Classic Samba“ von Richard Kersting. Den größten Spaß an diesem Abend scheint dem Akkordeonorchester aber das Udo Jürgens-Medley zu bereiten. Eingeleitet von einem bedeutungsschweren Trommelwirbel, folgt umso poppiger Hit auf Hit – „Siebzehn Jahr, blondes Haar“, „Ein ehrenwertes Haus“, „Matador“ (mit unverkennbar stolzgeschwellter Brust), „Aber bitte mit Sahne“, und schließlich die perlende Ballade „Mercie Cherie“. Dass hierbei ein Klavier mitmischen muss, ist freilich Ehrensache.

Dennoch läuft Udo Jürgens zum Schluss ein Lied den Rang ab: „Viva la vida“ von Coldplay, mit dem Saxofon von Jonathan Möser in der Melodiestimme und einem Orchester, das in geduckter Spannung das darunter liegende Akkordgefüge liefert, stets bereit, auf und davon zu preschen – eine mitreißende Gesamtleistung, auf die allerdings noch die Schmankerl der Zugabe folgen: zünftiger Alpenjazz mit so manchem Jauchzer, und ein schlichtweg liebenswertes Stück, in dem sich der Orchesterpop eines Burt Bacharach mit den Bläserthemen des Afrikaners Hugh Masekela zu verbinden scheinen – ein Ausklang, bei dem alle Beteiligten dieses gelungenen Konzerts an einem Strang ziehen.

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