Ravensburg Zwei Mordprozesse mit Rätseln

Am 22. Dezember hat sich die Schwurgerichtskammer am Landgericht Ravensburg mit den Prozessen um die Tötung eines Neugeborenen und dem Mord an einer Frau beschäftigt. Beide Prozesse liefen bereits mehrere Verhandlungstage und werden im neuen Jahr fortgesetzt.

Drei Tage vor Heiligabend ist der Saal 1 im Ravensburger Landgericht kein Ort erbaulicher oder friedlicher Gedanken, wiewohl es erklärtes Ziel von Strafprozessen ist, den Rechtsfrieden wieder herzustellen. Doch es geht an diesem Donnerstag noch immer um den Tod zweier Menschen, gewalttätig aus dem Leben gerissen. Am Vormittag befasst sich die Schwurgerichtskammer mit dem Fall der 23-jährigen Frau aus dem Landkreis Konstanz, die Ende Mai auf der Rückfahrt von einem Urlaub bei Rulfingen (Landkreis Sigmaringen) ihre neugeborene Tochter getötet haben soll, indem sie ihr Blätter einer Küchenrolle in den Mund gestopft habe. Am Nachmittag sitzt ein 35-jähriger Arbeitserzieher vor demselben Gericht. Ihm wird vorgeworfen, seine Ehefrau und Mutter von zwei kleinen Kindern Ende Februar in der Wohnung in Hoßkirch (Kreis Ravensburg) erwürgt und einen tödlichen Autounfall vorgetäuscht zu haben.

Über beide Fälle wurde bereits mehrere Tage verhandelt und berichtet. Anklagen wurden verlesen, Zeugen und Sachverständige gehört und Bilder von zwei Menschen gezeichnet, die schwere Straftat begangen haben sollen. Aber es gibt gravierende Unterschiede: Die junge Frau, die ihr Neugeborenes getötet haben soll, hat sich zu Prozessbeginn vor Fotografen und TV-Kameras hinter einem grauen Aktendeckel versteckt, dann aber ihr Leben freimütig aufgeblättert und fast alle Fragen zur Tötung, dem sogenannten Neonatizid, mit bemerkenswerter Offenheit beantwortet. Fast alle, denn auf die Kernfrage, warum sie ihre offenkundige Schwangerschaft kategorisch gegenüber Partner und Kindsvater, Familie und Freunden geleugnet hat, gab es keine Antwort.

Und was dies mit der angeklagten Tötung zu tun haben könnte, dafür findet sie keine plausible Erklärung. In den vielen Tagen der Untersuchungshaft will sie jedoch erkannt haben: "Ich weiß nicht, wovor ich da Angst hatte…"

Da die Schwurgerichtskammer, allen voran der Vorsitzende Richter Stefan Maier, zuweilen ratlos wirkt, erscheint ein Antrag der Biberacher Strafverteidigerin Rebecca Wurm nicht abwegig: Sie hat für diesen besonderen Fall einen weiteren psychiatrischen Sachverständigen beantragt, der sich profund zum Phänomen der Tötung Neugeborener, dem sogenannten Neonatizid, äußern soll. Anwältin Wurm glaubt nämlich, dass die Angeklagte wegen einer tief greifenden Bewusstseinsstörung nicht in der Lage war, das Unrecht ihrer Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln. Dass Rebecca Wurm explizit befindet, „die Sachkunde des psychiatrischen Sachverständigen Hermann Aßfalg ist zweifelhaft“, gehört zur Strategie einer Verteidigung, zumal es um eine Mordanklage geht.

Am Nachmittag dann der Mordfall Hoßkirch. Das bisherige Leben des zuletzt in der Schweiz beschäftigten Arbeitserziehers wurde schon früher eher bruchstückhaft von einem Kriminalbeamten vorgetragen, der den Angeklagten vernommen hat und von dessen tief greifenden Gedächtnislücken berichtet. Die seien zurückzuführen auf die Schädelverletzungen, die der Mann erlitt, als er seine tote Ehefrau im Auto in einen Acker gesteuert haben soll. Liegt also eine Amnesie vor, eine Gedächtnisstörung, oder gar der Gedächtnisverlust? Für Hirnforscher wäre das ein weites Feld. Der Angeklagte sagt nichts und verfolgt den Prozess ohne sichtbare Regung.

Einer der vielen Zuhörer glaubt, der Mann auf der Anklagebank fühle sich wohl „sehr sicher“. Doch die Mutter der getöteten Frau und Freundinnen haben erzählt, dass der Mann seine Frau Monate vor der Tat am Hals gepackt und gewürgt haben soll. Auch von massiven Drohungen war die Rede. Könnte es sich also um einen Menschen handeln, über den der Kriminologe und Psychologe Christian Pfeiffer befindet, es seien meist kommunikationsbehinderte, emotional eingesperrte Männer, unfähig, "eine Krise konstruktiv zu besprechen“, um dann in mörderischer Wut zu töten?

Am Nachmittag gehen zwei Mordprozesse für dieses Jahr zu Ende, die noch viele Rätsel aufgeben, Fortsetzung am 8. und 9. Januar. Dann wird die Schwurgerichtskammer entschieden haben, ob der in beiden Verfahren tätige Sachverständige Hermann Aßfalg „Konkurrenz“ bekommen darf.

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