Markdorf Power-Frauen mit Plädoyer für Greteler

In der zweiten Halbzeit des Dreckkübelgschwätz nehmen die Büttenredner die Stadtentwicklung aufs Korn und die BZM-Rektorinnen legen ihr Veto gegen ihre Wein-Strafe wegen angeblichen Häsmissbrauchs ein. Am Ende dann der Höhepunkt des Abend: Altstar Karl Wegis kehrt als genervter Rentner in den Dreckkübel zurück

Jaja, de Hänseler im Städtle isch alui Männersach. Als die bei der Schülerbefreiung am Bildungszentrum am Schmotzigen plötzlich feststellen mussten, dass die beiden Rektorinnen Diana Amann und Veronika Elflein als „Greteler“ unterwegs waren, wurden die Damen wegen unbefugten Hänseler-Häs-Tragens zu einer Weinstrafe verdonnert. Die nutzen nun im Dreckkübel die Gunst der Stunde: „Em Gretelers Mul vobiete, des kenneder vogesse. E aständigs Wieb loht sich vu kuim liedrige Hänseler erpresse. Wartet blos, des nimmt kui guets End, wenn mir eich mit em Nuddelholz uine dribber gend“. Außerdem hätten sie nicht gegen die Häsordnung vom Hänseler vorstoßen – man hätte ein eigenes Narre-Häs. „Zarter Teint statt schwarze Gsichter. Bei uns volle Hoor, bei eich uff em Schäddel scho lichter“.

Am Ende wurde der Kiebel voll Wein dann doch überreicht – allerdings nur a badische Maß, das sind anderthalb Liter, "so wars, so isch es und so wird es bleibe". Und auch für das lokale Geschehen hatten sie einen Vorschlag: „Rathus statt ins Bischofsschloss ind Schul! Nochsitze meine Herre vum Stadtrat, de Verwaltung und de Zunft uff em Stuhl“. Oder besser noch: „In eirer Rathus-Suche-Not – lond ab vuma Hus, nehmed a Boot“. Passend zum närrischen Motto der Historischen Narrenzunft in diesem Jahr: „Alles im Griff auf dem närrischen Schiff“.

Zuvor hat Dekan Peter Nicola gewohnt lautstark den Kübel für sich eingenommen – dieses Mal auch mit lokalem Bezug. Denn die „Neue Mitte“, die in Salem gebaut wird, sei ja auch irgendwie ein Thema für Markdorf. Das Rathaus zieht ins Schloss, eine Markt- und Ratskirche sei vorhanden. Und ein neues Stadtviertel gibt es ja auch. „Da kommt mir beim Anblick der Fassadengestaltung irgendwie der Werbeslogan in den Sinn: Schöner wohnen hinter Gittern“. Machen könne man jetzt laut Nicola nichts mehr – genauso wie bei der Neuen Mitte, Flughafen Berlin oder Bahnhof Stuttgart. „Vielleicht sollte die Chance ergriffen werden, die Gestaltung eines neuen Stadtviertels besser im Blick zu haben“. Erst gibt es Lob für den anwesenden evangelischen Pfarrer und für die gelebte Ökumene, aber die Katholiken müssten ja nicht alles mitmachen, was die „Schwesterkirche“ so macht, wie zum Beispiel das „Winter-Kirchen-Christentum“ . Um Heizungskosten zu sparen, werden die Kirchen von November bis Ostern geschlossen. Klare Worte von Nicola: „Nein, Nein, Nein“. Er frage sich, wie die Kirche überhaupt 2000 Jahre alt werden konnte, ohne Mikrofon und ohne Heizungsanlage.

Die Gesangsgruppe „Resonanzkatastroph“ (Dietmar Bitzenhofer, Stefan Nuding, Hardy Frick, Markus Kölle, Martin Lenzer) träumt von der Zukunft: Ab 2021 gibt es eine Regierung Rot-Grün mit Martin Hahn als Ministerpräsident; Ex-Bürgermeister Bernd Gerber und die Ex-Überlinger Amtskollegin Sabine Becker kaufen in Markdorf den Heggbacher Hof und bauen eine Bürgermeister-Senioren-Wohngemeinschaft; Landrat Lothar Wölfle lässt in Markdorf alle Blitzer abbauen; alle Straßen, die Ex-Verkehrsminister Ulrich Müller geplant hat, sind finanziert und gebaut. Nach jedem dieser Träume der Refrain in Schwyzer-Dütsch: „ ‚s isch ja nur e chlises Träumli gsi, Träumli sind so schnell verbi.“

Laut Brigitte Waldenmaier träumt das Publikum im "Bettagstell" nur von einem und zwar „von dr Stadtkapell“. Die feiert ihr großes Jubiläum zum 150-jährigen Bestehen vom 25. bis 29. Juli mit „Musik vom Feinschda“ auf dem Marktplatz. „Von dr Zunftkapell“ muss man sich dagegen erstmal wieder für einige Zeit verabschieden, die spielt nur, „wenn dr Kaujohle juckt ond dr Hänseler schnellt“. Dass es der Zunftkapell-Musiker dieses Mal auf die Umzugs-Plakette geschafft habe, sei ein tolles Jubiläumsgeschenk gewesen.

Manfred Weiss stimmt nostalgische Töne zur Melodie "Die Zwölf Räuber", besser bekannt als "Wanderer lobe den Herren, eine Legende vernimm' " über die vermeintlich gute alte Zeit in Markdorf an. Ein paar Auszüge: "... Wie war es in Markdorf einstmals so schön; die Altstadt total Auto-frei; doch wenn it saumäßig aufpasst hosch, bisch dapped in Kuhpflädder nei... Der Winter im einstigen Markdorf war kalt; im Sommer stank es nach Mist; dazwischen lag die Fastenzeit, in der schier verhungert du bist..." Weiss singt vom kargen Dasein als Landwirt: "Sein Fasnethäs, das war vom Feinsten; vor allem hat es nix gekoscht; a verissene Hos' und Schope, die rote Nas hat er vom Moscht."

Ein Rentner regt sich nur noch auf

Altstar Karl Wegis kehrt in den Dreckkübel zurück und berichtet, wie schwer es sein kann, sich als Rentner die Zeit zu vertreiben, ohne sich gefühlt zu sehr anstrengen zu müssen.

Karl Wegis als einfacher Rentner
Karl Wegis als einfacher Rentner...
als windgebeutelter Radfahrer
...als windgebeutelter Radfahrer...
als Starkoch ohne Gastronomien
...als Starkoch ohne Gastronomien...
als profitorientierter Bettler.
...als profitorientierter Bettler.

Einen vom Publikum umjubelten Auftritt hat Dreckkübel-Altstar Karl Wegis am Dienstagabend in der Markdorfer Stadthalle hingelegt. Als Rentner hat man's nicht leicht und andauernder Müßiggang ist einfach nix, habe ihm daheim seine Mitbewohnerin (Ehefrau) mehrfach und nervtötend klargemacht. "Jeden Morgen muss ich mir überlegen, was mach' ich heut'... des regt mich manchmal so richtig auf." Wegis hat es – begünstigt vom natürlichen Fluchtinstinkt – mit einer zwölfwöchigen Radtour versucht, sich aber alsbald sogar über Rückenwind geärgert.

Er versucht's erneut und betätigt sich als Elektriker, als Maler, als Metzger und als Koch. Letzteren Job habe er im Feinschmeckerlokal Alte Stadthalle, Ochsen, Drei König, Jungfernburg, Adler, im Grünen Baum, in der Traube und zuletzt im Gasthaus Zur Letze ausgeübt. Wer aufgepasst hat, merkt schnell: Es gibt keine der genannten Gastronomien mehr. Das habe aber nicht an Wegis' Kochkünsten gelegen, sondern am Wandel der Zeit...

Ein anderer Job muss her. Die Kriterien: erstens nicht anstrengend, zweitens etwas Geld verdienen, drittens an der frischen Luft sein, viertens soziale Kontakte nach außen pflegen – da kommt nur die Profession als Bettler in Betracht. Natürlich als Mitglied der "BG", der Bettler-Gewerkschaft, um sich das Streikrecht zu sichern. Nicht dass man noch zum Betteln gezwungen werden könnte, wo käme man denn da hin. Treuester Kunde sei lange Zeit ein Junggeselle gewesen. Alsbald einigte man sich auf monatliche Überweisungen – viel weniger Aufwand für den Bettler. Dann das Aus: Der Junggeselle heiratet, das erste Kind ist unterwegs – die Überweisungen werden eingestellt. Das regt Wegis natürlich auch auf: "Von meinem Geld unterhält der Frau und Kind."

Wegis schlägt auch moralisch-ethische Töne an und empfindet es als Aufreger, dass es beispielsweise veganes Hundefutter gibt; dass Mehlwürmer als Tierfutter teurer sein können als die Wurst fürs Frühstück oder Vesper und woanders Menschen den Hungertod erleiden müssen... Ach ja, es gibt so vieles, worüber man sich als Rentner aufregen kann. Also muss das katalogisiert werden, damit man nichts vergisst. Und kann man sich gerade mal nicht über irgendetwas oder über nichts aufregen, dann regt man sich halt darüber auf.

Toni Ganter

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